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Lieben und lieben lassen

Von Raul Krauthausen / 9. Oktober 2018
Credits: Photo by rawpixel on Unsplash;

Sex und Behinderung schließen sich nicht aus, weiß unser Autor. Doch die Mehrheit unserer Gesellschaft tut sich damit noch schwer, scheint es.

Jeder Mensch hat ein Recht darauf, seine Sexualität erfüllend auszuleben. Natürlich gilt das auch für Menschen mit Behinderung.

Obwohl unsere Gesellschaft in vielen Bereichen stark sexualisiert ist, kaum eine Werbung ohne erotische Elemente auskommt, man sich öffentlich über den Sex mit seinem Tinder-Date austauscht, ist der Sex mit und von Menschen mit Behinderung nach wie vor ein Tabu-Thema.

Und auch ich habe das regelmäßig erlebt. Ich bin ein sehr aufgeschlossener Mensch und habe einen großen Freundes-  und Bekanntenkreis, viele Kontakte zu potentiellen Sexualpartner*innen. Aber meine Rolle war und ist in den meisten Fällen fast automatisch der des guten, besten Freundes. Immer, wenn ich flirtete, nahm ich eine Art Verwirrung wahr – als wäre meinem Gegenüber erst in diesem Moment klar geworden, dass auch ich ein sexuelles Wesen bin.

Die Zeiten, in denen man Menschen mit Behinderung ihr Bedürfnis nach Sexualität von Vorneherein abgesprochen hat oder versuchte, sexuelle Bedürfnisse im Keim zu ersticken, sind zum Glück vorbei. Grundsätzlich gesteht man behinderten Menschen durchaus zu, dass sie ihr Verlangen nach Sexualität ausleben. Allerdings am besten außerhalb der Mehrheitsgesellschaft.

Sex ist Teil meiner Identität

Und so gibt es dann auch extra Kennenlern-Portale für Menschen mit Behinderung. Denn Dating-Seiten der Mehrheitsgesellschaft sind von vornherein nicht darauf ausgerichtet, dass behinderte Flirtende sich dort auf Partner*innensuche begeben. So gibt es zwar unzählige Details, die man für sich oder seine Suche anklicken kann – dick, dünn, groß, klein, lange Haare, blaue Augen, sexuell dominant oder fetischinteressiert, tierlieb, Nichtraucherin, reiselustig oder Stubenhocker, Tangoliebhaber oder Motorradfahrerin. Aber das Detail “behindert” ist üblicherweise nicht dabei.

Ein Versuch, sich dem Thema anzunähern, ist, die Befriedigung der Bedürfnisse behinderter Menschen auf professionelle Weise zu bedienen – eben auf die gleiche professionell-distanzierte Art, wie Assistenz beim Waschen, Ankleiden, Kochen, Türen öffnen usw. stattfindet: durch sogenannte Sexualassistent*innen, die behinderte Menschen sexuell befriedigen. Es gibt die Forderung, dies sogar als Kassenleistung anzubieten.

Zunächst klingt das nach einer guten Idee und verspricht auch einen grundsätzlich unproblematischen Umgang. Aber ist das Bedürfnis nach gelebter Sexualität tatsächlich mit dem Bedürfnis nach Hilfe bei alltäglichen Tätigkeiten vergleichbar? Oder ist Sexualität nicht doch viel mehr?

Meine Sexualität ist ein Teil meiner Identität. Ich möchte meine Sexualität ausprobieren und entdecken können, möchte sehen, wie mein Gegenüber auf mich und meine Ideen reagiert, möchte mich entwickeln können – und nicht nur mein Bedürfnis befriedigen lassen, sondern auch Befriedigung geben. Für mich passt das mit einer Kassenleistung und bezahltem Sex nicht zusammen.

Wahrscheinlich sind die Grenzen hier fließend. Wenn eine Behinderung zum Beispiel dazu führt, dass ein Mensch sich nicht selbst befriedigen kann, dann wäre für mich Hilfe zur Selbstbefriedigung durchaus eine wirklich wichtige Assistenz. Selbstbefriedigung gehört zu einem erfüllten Sexualleben, lässt mich meinen Körper, mein Verlangen und Empfinden anders kennenlernen als Sex mit einem Gegenüber. Ebenso wichtig finde ich die Möglichkeit durch Assistenz einem Paar, das aufgrund von Behinderung nicht selbständig Sex miteinander haben kann, diese Nähe und Leidenschaft zu ermöglichen.

Was mich allerdings ärgert ist, dass auch ich beim Thema “Behinderung und Sex” mit einer Art Automatismus auf das Thema Sexualassistenz zusteuere.

Sexassistenz – warum nicht?

Denn ja, neben der Tatsache, dass ich assistierte Selbstbefriedigung und partnerschaftlichen Sex gut und richtig finde – wünsche ich mir vor allem eines: ein gesellschaftliches Umdenken. Einen neuen, offenen und liebevoll-neugierigen, ja, auch begehrlichen Blick auf unterschiedliche Körper. Ein Loslassen von Vorurteilen.

Vielleicht kostet es Mut, in einem bewussten Willensakt dort hinzuschauen, wo weniger Schönheit, Reiz und Erregung vermutet wird. Aber ist das nicht mit allem so, bis es irgendwann zunehmend selbstverständlich wird? Traut euch! Ich verspreche euch: Ihr werdet es nicht bereuen.

2 Antworten zu “Lieben und lieben lassen”

  1. Avatar
    Von Deva Bhusha am 21. November 2018

    Lieber Raul,
    Spannend für mich als Sexualbegleiterin auch, denn mich selbst nervt es unwahrscheinlich, das im ersten Atemzug beim Thema Sex und Behinderung Sexualbegleitung oder Sexualassistenz genannt wird. Ich versuch das auch mit meinen Möglichkeiten zu verändern, den Focus zu verschieben. Leider ist das Thema Hartnäckig… Das Theaterstück Fucking Disabled, mit dem ich unterwegs war, versucht eine ganz andere Sicht zu zeigen, Die Seminare (Tantra meets Handicap) die ich mache sind keine mit Sexualbegleitern sondern behinderten und nichtbehinderten Menschen auf Augenhöhe, in Interwiews versuch ich es auch so zu vermitteln und es ist auch Teil der Ausbildung zum Sexualbegleiter, zumindest im ISBB.
    Und ich glaube, da besteht zwischen geistig fitten gut Selbstbestimmten Behinderten wie dir und der Realität von Sexualbegleitung eine kleine Differenz. Und manchmal denk ich Shit… warum immer diese Differenz die nicht sein müsste, wenn wir uns wirklich zuhören würden, denn wir sitzen im gleichen Boot. Die guten Sexualbegleiterinnen, die ich kenne, haben es verdammt schwer mit den Medien. Ich und auch die anderen bekommen unzählige Anfragen von Medien, weil Sexualbegleitung offensichtich ein spannendes Thema ist, (unter anderem weil es das Problem auslagert) und die meisten nehmen aus Enttäuschung jetzt schon garnix mehr an. Oft werden die Dokus oder Interwiews zerschnitten und die wichtigsten Themen raus genommen. Wir können alle ein Lied davon singen, denn ich glaube, am Anfang ist jede in diese Medienfalle getappt.
    Aber es gibt noch eine Realität da draußen, die Sexualbegleitung notwendig macht.
    Ich hab deine Bücher gelesen und du bist recht Selbstbestimmt aufgewachsen, hattest einen großen nichtbehinderten Freundeskreis und hast ein durchaus recht gesundes Selbstwertgefühl.
    Das geht leider nicht allen so. Vielen die in Einrichtungen aufwachsen oder in zu bemutternden elternkonstellationen fehlt da ne Menge und da setzt Sexualbegleitung als Empowerung ein. Sie schafft die Möglichkeit, Erfahrungen zu machen, ehrliches Feedback zu bekommen, auch einen ehrlichen Spiegel über die Sexuelle Wirkung und oft empower ich die Leute auch bezüglich Ihres Lebens sich mehr durchzusetzen und Persönlichkeit zu entwickeln. Schon mit scharfer Persönlichkeit ist es verdammt schwierig guten Sex zu haben, aber ohne entwickelte interessante Persönlichkeit, null Chance… Eine gute Sexualbegleitung ist eine, die irgendwann nicht mehr notwendig ist, weil eine Entwicklung stattgefunden hat… Und andererseits sind ein extrem großer Teil meiner Begleitungen (mittlerweile fast die Hälfte) offensichtlich nichtbehinderte Menschen mit Psychischen Sexuellen Themen, also Sexualbegleitung ist schon lange inklusiv, hihi… 😉

    Auch ist das Thema für Menschen mit geistigen Einschränkungen nochmal ein ganz anderes… Da ist Sexualbegleitung oft notwendig, weil es erstmal gilt zu erforschen, was die Sexualität desjenigen ist. Das ist manchmal recht fantasievoll, hihi…
    Weißt, auf der einen Seite stürzen sich die Medien drauf und geben kein reales Bild der Sexualbegleitung ab. Auf der anderen Seite gibts viele Gegner auf der Seite der Selbstbestimmung, die auch kein wirklich reales Bild von der Sexualbegleitung haben.
    Oder einiges falsch verstehen. Und es gibt auch innerhalb der Begleitung Differenzen zwischen den Kuschelbegleitern und denen die mit dem sogenannten „mehr“ arbeiten. Hast du nicht Lust, mal einen wirklich fundierten umfassemderen Artikel über das Thema zu machen? Du hast ja eine gute Medienpräsens… 🤔😉😄

  2. Raul Krauthausen
    Von Raul Krauthausen am 2. Februar 2019

    Liebe Deva,

    bitte entschuldige meine späte Reaktion. Ich muss(t)e da auch erstmal eine Weile drüber nachdenken. Du hast recht, ich habe da ein paar Begriffe drucheinander geworfen. Sexualbegleitung und -Assistenz. Und auch die unterschiedlichen Formen von Behinderung. Das Theaterstück habe ich leider noch nicht sehen können.

    Insgesamt sollte in dem Diskurs und auch bei der Sexarbeit darauf geachtet werden, dass wir, wann immer möglich, die Menschen mit Behinderungen anhören. Was mich oft stört ist, dass dann wieder die Sexarbeiter*innen oder eben die Eltern reden. Oder die Heimleitung usw. Meistens, wenn es um das Thema Sexualität und Behinderung geht, reden auch wieder „nur“ Männer mit Behinderung über ihre Bedürfnisse. Was mir, als Mann, aber hier Sorge bereitet ist, dass wir Frauen mit Behinderungen viel zu wenig zuhören und Aufmerksamkeit schenken. Egal was für eine Behinderung sie haben.

    Oft ist der Wunsch nach Sexualität ja eigentlich ein Wunsch nach Nähe und Partnerschaft. Wie kann man das auch media abbilden und ansprechen?

    Spannend fände ich hier ein Gespräch zwischen Frauen mit und ohne Behinderung über das Thema Sexualität und Behinderung auch zum Thema Sexarbeit. Ich versuche es immer wieder „den Medien“ zu vermitteln, aber bisher hat noch niemand „ja“ gesagt. Mir selber traue ich das Thema nicht zu. Auch, weil ich ein Mann bin.

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