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Mach’s nochmal!

Von Barbara Engels / 10. Juli 2019
Credits: Photo by Jagoda Kondratiuk on Unsplash;

Müll? Ist nicht gleich Müll! Nie gab es so viele Möglichkeiten, vermeintliche Abfallprodukte wiederzuverwerten. Wer ausschließlich Neues kauft, ist selbst schuld – oder bequem.

„Crowd! Könnt ihr mir eine Stichsäge leihen?“ – „Brecheisen gesucht!“ – „Kann vielleicht jemand mit einem Schweißgerät umgehen?“ Solche Anfragen würden in eurer Timeline auftauchen, wenn ihr mit mir auf Facebook befreundet wärt. Denn ich habe eine Passion: Ich bastele für mein Leben gern. Und zwar mit Müll.

Unverpacktläden, Mehrwegkaffeebecher, Papier- statt Plastiktüten – die Möglichkeiten, Müll zu reduzieren oder zu vermeiden, sind heute vielfältig. Am meisten Spaß macht mir jedoch Upcycling, also das „Aufwerten von Abfallprodukten“. Damit bin ich nicht allein: Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes YouGov können sich 71 Prozent der Deutschen ab 18 Jahren vorstellen, für einen nachhaltigen Konsum Upcycling zu betreiben. 16 Prozent stellen bereits aus angeblichem Müll „Dinge in Handarbeit“ her. Bis 2017 hatte immerhin ein Fünftel der Teilnehmer einer Statista-Umfrage „aus alten Möbeln neue gemacht“.

Heimwerkerköniginnen

Upcycling macht aus ausrangierten Möbelstücken, Dosen, Rädern und anderen Gegenständen neue Lieblingsprodukte. Im Gegensatz zum Recycling wird hier nicht ein fertiges Produkt erst zerstört und in seine einzelnen Bestandteile zerlegt, um diese Materialen anschließend wieder verwenden zu können. Beim Upcycling wird das Produkt durch kreatives Bearbeiten meist einem neuen Zweck zugeführt, also wieder brauchbar gemacht – und damit auf jeden Fall aufgewertet.

Das gefällt immer mehr Leuten. Soziale Medien wie Youtube sind voll von Ideen für die riesige Community. Das Video „Reuse! And Make the Best Out of Unlucky Situations! 8 DIY Upcycling Home Decor Ideas” zeigt, wie sich ein windgebeutelter Regenschirm in einen Blumentopf verwandelt oder wie alte Kaffeebecher zu einer stimmungsvollen Lichterkette umfunktioniert werden. Mehr als 50 Millionen Aufrufe zählt der Beitrag.

Das mit 710.000 Klicks am häufigsten geschaute deutschsprachige Video unter dem Suchbegriff „Upcycling“ handelt von Fynn und Brian, die alte Möbel vom Schrottplatz retten. Aber auch die „8 Klopapierrollen Lifehacks“ sind hoch im Kurs. Darüber hinaus erweitern zahlreiche Blogs das Angebot für Upcycling-Anregungen. Und wer genau hinschaut, stellt fest: Meist sind die Beiträge von Frauen – längt ist Heimwerken keine Männerdomäne mehr.

Mein persönliches Paradestück ist ein Weinregal aus alten Europaletten, die vormals einem Freund als Bett gedient haben. Einen Samstag lang habe ich gesägt, geschraubt und gebohrt. Seitdem ziert ein wahrlich einzigartiges Möbel meine Wohnung. Kostenpunkt: Beschläge und Arbeitszeit. Auch beim Upcycling steht am Anfang meistens ein Kauf. Aber die Freude über das Vollbrachte und der Stolz auf die eigene Leistung sind unbezahlbar.

Straße als Tauschbörse

Das Weinregal, das ich wenige Monate zuvor von der Straße gefischt hatte, war jetzt zwar auf einen Schlag überflüssig geworden. Zum Wegwerfprodukt wurde es trotzdem nicht, denn ich habe es einfach wieder zurück auf die Straße gestellt – und sah nur eine halbe Stunde später einen Radfahrer fröhlich damit davonradeln.

Karton raus, Schild dran: zu verschenken. Auf diese Weise wechseln immer mehr Gegenstände scheinbar mühelos den Besitzer. „Zu schade für die Tonne“, mögen sich viele denken, und damit haben sie recht. Aber viele machen es sich ein bisschen zu einfach, wenn sie jeden x-beliebigen Kram direkt vor der Haustür abladen. Denn auch Kleidercontainer, Trödelläden, die Flüchtlingshilfe oder andere Sozialeinrichtungen freuen sich über Aussortiertes – vorausgesetzt, die Gegenstände sind in einem entsprechend akzeptablen Zustand. Sonst gehören sie wirklich auf den Wertstoffhof. Die Müllabfuhr in großen Städten wie Berlin und München klagt zunehmend über wilden Sperrmüll, der wochenlang Bürgersteige blockiert. Als „Kompromiss“ stelle ich mein Hab und Gut deshalb immer nur für wenige Stunden auf die Straße. Wenn sich dann noch kein Abnehmer gefunden hat, beginne ich mit der Verteilung auf „Zweitverwertungsstellen“ wie dem guten, alten Flohmarkt.

Digitales Weiterreichen

Dort und in einigen Entrümpelungsläden war ich mit meinem Freund unterwegs, um nach und nach die Möbel für unsere erste gemeinsame „Erwachsenenwohnung“ zusammenzusuchen. Während des Studiums war Ikea mein Hauptausstatter. Die so entstandene Einrichtung bin ich später über das Internet losgeworden. Digitale Plattformen machen es immer einfacher, Aussortiertes an neue Nutzer weiterzugeben. In Deutschland haben 87 Prozent der Befragten laut Statista bis 2017 schon einmal Ebay Kleinanzeigen genutzt. Aber auch die Offline-Trödelläden erfreuen sich reger Nachfrage. Und manche erhalten für ihr nachhaltiges Angebot sogar ungewohnte Unterstützung: In Belgien wird das Gebrauchtwarenladen-Netzwerk der „Kringwinkel“ staatlich subventioniert.

Unsere Gäste staunen inzwischen nicht schlecht: In der neuen Wohnung ist außer Bett und Sofa kein Möbelstück jünger als 50 Jahre. Zugegeben, man braucht etwas Geduld und Spucke, um im „trash“ den „treasure“ zu erkennen. Aber es lohnt sich. Nicht nur für die Umwelt.

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