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Mehr Behutsamkeit

Von Sonja Vukovic / 1. Februar 2013

Kaum vier Wochen 2013 – und schon ist dies das Jahr der kleinen und großen Skandale: Da sind die geheimen Machenschaften des internationalen Radsportverbunds um einen der größten Radsportler aller Zeiten, Lance Armstrong, aufgeblasen bei einer der einflussreichsten Moderatorinnen der Gegenwart, Oprah Winfrey; da ist einer der mutmaßlich größten Schleichwerbeskandale in der Geschichte des ZDF […]

Kaum vier Wochen 2013 – und schon ist dies das Jahr der kleinen und großen Skandale: Da sind die geheimen Machenschaften des internationalen Radsportverbunds um einen der größten Radsportler aller Zeiten, Lance Armstrong, aufgeblasen bei einer der einflussreichsten Moderatorinnen der Gegenwart, Oprah Winfrey; da ist einer der mutmaßlich größten Schleichwerbeskandale in der Geschichte des ZDF in Verbindung mit dem einst größten deutschen Entertainer, Thomas Gottschalk; da ist das große Kotzen und Kacken vor laufender Kamera mit halbnackten Frauen und ehemaligen Knackis im Dschungel, das sämtliche Zuschauerrekorde bricht, und da ist ein Plagiatsvorwurf gegen die Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU). Wolfgang Thierse (SPD) sorgte für Unmut, weil er in Berlin lieber Schrippen als Wecken kauft und Julia Schramm (Piraten), weil sie einfach ständig und zu allem etwas zu sagen hat. Nicht zu vergessen die großen Aufreger-Themen BER, GEZ, moderner Antisemitismus und alltäglicher Sexismus. Man o man, ganz schön was los in der Welt.

Das Erfreuliche daran: Es sind Luxus-Themen. In Zeiten, in denen unfassbare Naturkatastrophen, gefährliche Seuchen, Kriege, Wirtschaftskrisen und Terrorismus herrschen, finden derlei Skandale weit weniger Beachtung, als es jetzt der Fall ist. Das Unerfreuliche daran: Die Art und Weise, wie die im Grunde ja wichtigen Diskussionen geführt werden.

Ich bin manchmal erschrocken, wie manche Leute von leidenschaftlichem Unverständnis, von notorischer Besserwisserei und bedenkenloser Beleidigungslust getrieben scheinen. Da brechen Erniedrigungen und Shitstorms über Politiker, Promis und Verteidiger bestimmter Positionen herein wie das Fegefeuer – im Fall von Thierse etwa wegen unbedachter Aussagen. Angemessene Kritik, klar. Berichterstattung, natürlich! Die offene Frage, ob er oder sie der oder die richtige im Amt ist – okay. Aber systematische Demontage? Demütigungen? Spätzleattacken?

Die Öffentlichkeit, dazu zählen inzwischen Bürger als Meinungsmacher mit Rechner und Internetzugang genauso wie Journalisten, schießt mit ihren Verbal- und sonstigen Attacken inzwischen oft über das Ziel hinaus. Vielleicht muss man so etwas abkönnen, wenn man Posten in Politik und Showbiz innehat. Aber ich finde es erschreckend, wie wenig Scham viele Leute offenbar haben zu verletzen, zu jagen und zu hetzen. Zumal sich hier und da eine willkürlich wirkende Doppelmoral aufzutun scheint:

Auf der einen Seite lesen Millionen deutscher Frauen Bücher wie „Schoßgebete“ und „Shades of Grey“ und schwärmen in Blogs und Leitartikeln von Züchtigung und Vergewaltigungsszenen, auf der anderen Seite wird ein beschwipster Rainer Brüderle vom „Stern“ in aller Öffentlichkeit vorgeführt für einen beschwipsten Moment, in dem er auf die Machtfrage (wie es z.B Claudius Seidl in der FAS analysierte) einer jungen Journalistin eingeht und diese Macht durch einen eher ziemlich plumpen, als fürchterlich sexistischen Spruch zu beweisen versucht. Auf der einen Seite werden ehemalige Kaufhaus-Erpresser wie Arno Funke und verurteilte Mörderinnen wie Ingrid von Bergen im Dschungelcamp zu Stars erklärt, auf der anderen Seite wird ein Bundespräsident, der als Ministerpräsident einst Reisen und Kredite von Freunden annahm, nicht nur seinem Amt enthoben, was auch ich für richtig hielt, sondern systematisch gebrochen, was ich schrecklich finde.

Als jetzt die Aussagen des deutschen Verlegers Jakob Augstein vom amerikanischen Simon-Wiesenthal-Zentrum zu den zehn schlimmsten antisemitischen Positionen erklärt wurden, kam es zu einem Mediengefecht, hauptsächlich ausgefochten zwischen Augstein und dessen ehemaligem Spiegel-Kollegen und jetzigem Welt-Autor Henryk M. Broder. Hinter ihnen zwei Lager, wovon die eine Seite die Meinung vertrat, dass man Israel ja wohl noch kritisieren dürfe, die andere, dass mit solchen Aussagen in Wahrheit gemeint sei, man wolle antisemitische Äußerungen machen, ohne dafür in die Kritik zu geraten. Darüber hinaus gab es vorwiegend gegenseitige Erniedrigung, Beleidigungen und Scharfmacherei. Wohin führt solch eine Diskussion?

Führt so etwas nicht eher dazu, dass sich die Fronten verschärfen, als dass sie zueinander finden? Geht es überhaupt nur darum, Jakob Augstein zu kritisieren und als Antisemiten zu entlarven, oder aber – viel wichtiger – darum, eine breite Öffentlichkeit für den modernen Antisemitismus zu sensibilisieren? Warum beschränken sich viele Alpha-Journalisten dieser Bundesrepublik darauf, sich gegenseitig zu erniedrigen und zu attackieren, statt die Leserschaft aufzuklären? Kein Mensch ist unter Beschuss offen für Kritik. Stattdessen geht er in Abwehrhaltung. Eine Diskussion, die im Grunde nicht auf die Sache abzielt, sondern auf die eigene Positionierung durch moralische Erniedrigung des anderen, führt höchstens zu Gewinnern und Verlieren der streitenden Parteien, nicht aber zu jener gesellschaftlichen Weiterentwicklung, die diese versprechen.

Einen guten Artikel von Malte Lehming fand ich im „Tagesspiegel“, der sich endlich einmal mit dem Sprachduktus und dem Typus des modernen Antisemiten beschäftigte. Und in Broders „Welt“ fand ich den besten Text zu dem Thema überhaupt – geschrieben von einem Schauspieler: Christian Berkel. Sein offener Brief an Jakob Augstein trägt die Überschrift „Die Geschichte verdient mehr Behutsamkeit“. Ein starker Beitrag, der zeigt, dass es keine scharfen Worte braucht, um zu überzeugen, sondern wohl bedachte Worte. Mit Blick auf die schlimme Geschichte, die Deutschland und Israel verbindet, schrieb Berkel dem Verleger: „Beide Positionen sind nur im Kontext einer schweren Traumatisierung zu verstehen. Beide Seiten müssen die Symbolik, die des Täters und die des Opfers, der sie dadurch unterworfen sind, reflektieren, was zunächst bedeutet, sie anzunehmen, um sie dann, hoffentlich, zu überwinden.“ Und: „Ich weiß nicht, ob es in der Geschichte je eine vergleichbar schwierige Aufgabe gegeben hat. Verdient sie es nicht, dass Sie, als Journalist, behutsam damit umgehen? Damit meine ich keinesfalls nachgiebig. Ich denke eher an einen Satz von Franz Kafka: Jedes Wort, ehe es sich von mir niederschreiben lässt, dreht sich zuerst nach allen Seiten um.“

Dieser Tage ist der moderne Antisemitismus in der Wahrnehmung der diskussionswütigen Deutschen weitgehend dem modernen Sexismus gewichen. Und wieder scheint die Diskussion an vielen wichtigen Stellen wegzugehen vom eigentlich wichtigen Kern. Statt sich mit den mehr als 60.000 Frauen zu beschäftigen, die unter dem Hashtag #Aufschrei auf Twitter über sexistische Erlebnisse berichtet haben, reiht mancher Journalist zu Zwecken eines privaten Social-Media-Posts lieber zig Stern-Cover aneinander, auf denen halbnackte und nackte Frauen zu sehen sind, um das Magazin als chauvinistisch zu entlarven und damit die Glaubwürdigkeit der Geschichte der Reporterin über Brüderle zu untergraben. Jakob Augstein sieht derweil in seiner Kolumne auf Spiegel Online, mutmaßlich traumatisiert von den Antisemitismusvorwürfen, hinter der Sexismusdebatte in Wahrheit den Fall des weißen Mannes und die Machtübernahme durch Frauen und fremde Ethnien. Hallo? Geht’s noch? Manch einem Meinungsmacher möchte ich sagen: Man darf sich an Berkels Argumentationsweise durchaus ein Beispiel nehmen und man darf sich Kafkas Zitat ruhig zu Herzen nehmen. Denn auch diese Diskussionen verdienen nun wirklich mehr Behutsamkeit!

 

Artikelbild: tagstiles.com / photocase.com

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