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Mensch-Frau-Maschine

Von Sophie Rieger / 19. Dezember 2017
Credits: Pixabay/ kellepics; Lizenz CC0

Roboter sind oft nach Frauen benannt. Was sagt uns das über unsere Einstellung zu menschlichen Frauenkörpern?

Es war das Tech-Thema schlechthin: Sophia erhielt Ende Oktober die saudi-arabische Staatsbürgerschaft – und löste damit eine Kontroverse aus. Aber nicht, weil sie sich ohne Abaya oder Hijab der Öffentlichkeit zeigt. Sondern weil Sophia eine in einen weiblichen Körper verpackte Künstliche Intelligenz (KI) darstellt.

Ausgerechnet ein weiblicher Roboter erhält als erste KI bürgerliche Rechte und dann auch noch in einem der autoritärsten Staaten der Welt, während die eigentlichen Bewohnerinnen – echte Menschen also – auch im Jahr 2017 ohne Schleier oder männlichen Begleiter nicht einmal das Haus verlassen dürfen. Wie kann so etwas sein? Welche Rolle spielt sexuelle Identität im Rahmen von Künstlicher Intelligenz?

Roboter-Frauen in Literatur und Film

Vielleicht hilft ein Blick auf die Kulturgeschichte weiblicher Roboter, um diese Fragen zu beantworten – ein Blick, der sich nicht dem Anspruch der Vollständigkeit verpflichtet, sondern einer feministischen Betrachtung weiblich identifizierter KI in Literatur und Film.

Die erotische Faszination für weibliche Roboter, insbesondere das Begehren eines männlichen Helden für eine weibliche Maschine, ist mitnichten ein Phänomen des 21. Jahrhunderts. Vielmehr spielt dieses Motiv schon in E.T.A Hoffmans Erzählung „Der Sandmann“ aus dem Jahr 1816 eine Rolle. Der Student Nathanael verliebt sich in die etwas mechanisch anmutende, aber dafür umso anziehendere Olimpia, die sich – vielleicht im Wahn, vielleicht in Wirklichkeit? – als weiblicher Roboter entpuppt.

111 Jahre später taucht auf den Kinoleinwänden die bis heute vielleicht berühmteste Roboterfrau auf: Fritz Langs Maria in „Metropolis“. Auch um diese Figur entspinnt sich ein Plot der Begierde, am Ende aber wird sie auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

2013 verliebt sich in Spike Jonzes „Her“ ein Mann in sein Betriebssystem. Der Science-Fiction-Film „Ex Machina“ von 2014 kann als Rape-Revenge-Geschichte einer Roboter-Frau gelesen werden. Selbst der deutsche Serienheld „Tatort-Reiniger“ erlag in der Episode „E.M.M.A.“ schon den Reizen kalter Materie.

Sex mit Maschinen

Es sollte darum nicht verwundern, dass sich mit dem fiktionellen technischen Fortschritt inzwischen auch äußerst reale Sex-Roboter durchgesetzt haben. Einer von ihnen ist das 10.000 US-Dollar teure Modell Roxxxy, das für seinen „Frigid Farah“-Modus in Kritik geriet. Laut Hersteller kann Roxxxy in diesem Modus Missfallen artikulieren und somit Grenzen ziehen. Allerdings, so das feministische Gegenargument, wehrt sich Roxxxy nicht, wenn diese Grenzen ignoriert werden. Ihr Besitzer darf also entscheiden, ob „nein“ eigentlich „ja“ heißt, womit die Regeln einvernehmlicher sexueller Interaktion außer Kraft gesetzt werden.

Können weibliche Sex-Roboter als Reaktion auf die gefühlte Bedrohung durch feministische Diskurse gesehen werden? Diese Lesart liegt nahe, denn wo Frauen in der Realität ihre Bedürfnisse immer selbstbewusster und konsequenter artikulieren, erhalten passive Roboter-Frauen die hierarchische Ordnung des Patriarchats zumindest im Schlafzimmer aufrecht.

„A study […] found that 85% of adults have never shared their deepest fantasies or acted them out“, bewirbt der Hersteller von Roxxxy sein Produkt. Sich sexuell gleichberechtigt, respektvoll und empathisch so zu begegnen, dass nicht nur die Artikulation, sondern auch das Ausleben von Fantasien zwischen mündigen Menschen ebenso möglich wird wie zwischen einer willenlosen Maschine und ihrem Besitzer, scheint keine erwünschte Alternative zu sein.

Objekt der Begierde – und der Angst

Filmwissenschaftlerin Sophie Mayer vermutet, dass Roboter-Frauen für bestehende Gesellschaftsstrukturen eine Gefahr darstellten: „Cyborgs have powers and freedoms that human females are rarely allowed to have. They misunderstand the rules about gender behaviour.“ Deshalb seien sie nicht nur ein Objekt der Begierde, sondern repräsentierten auch die Angst des Patriarchats.

Auf Sophia bezogen hieße das: Allein ihre roboterhafte Existenz außerhalb gesellschaftlicher Konventionen stellt eine potenzielle Bedrohung für den Status Quo dar – erst recht in Saudi-Arabien. Vielleicht verbirgt sich in der Verleihung der Staatsbürgerschaft also eine Form von Subsummierung: Staatsbürger_innen sind als Teil der Gesellschaft auch ihren Normen und Gesetzen unterworfen. Indem sie eingebürgert wird, wandert Sophia vom gesetzlosen außergesellschaftlichen Raum in den konventionalisierten. Saudi-Arabiens Einbürgerung der Roboter-Frau hängt also wahrscheinlich nicht nur mit dem Wunsch zusammen, auf der Bühne der KI-Forschung mitzuspielen, sondern auch mit dem Versuch, Sophia unter (vor allem von Männern) ausgeübte gesellschaftliche Kontrolle zu bringen.

Dennoch genießt die Maschinenfrau mehr Freiheiten als menschliche Frauen. Vielleicht weil Sophia als sogenannter Social Robot zwar für die verbale Interaktion mit Menschen, nicht aber zur Ausübung sexueller Handlungen geschaffen ist: Sie ist geschlechtlich, aber asexuell. Ergo muss sie ihren Körper, der nur aus einem Torso besteht, je nach Setting aber manchmal auch durch einen langen Rock ergänzt wird, nicht vollständig bedecken: Er ist unschuldig.

Aber wie wird ein Körper „schuldig“? Was sagen uns die Geschichten von Sophia und Roxxxy über unser Verständnis von und den Umgang mit weiblichen Körpern? Vielleicht so viel: Sobald diese Körper grundsätzlich zu sexuellen Handlungen imstande sind, signalisieren sie immer auch Verfügbarkeit. Egal, ob Mensch oder Maschine – Hauptsache, man(n) kann sich bedienen.

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