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Mit Freund und Helfer im Cyberspace

Von Anna Steinmeier / 20. August 2020
Credits: Photo by ThisisEngineering RAEng on Unsplash;

Ob online oder offline: Menschen wollen sich sicher fühlen – egal wo, egal wann. Doch im virtuellen Raum werden sie immer häufiger Opfer von kriminellen Machenschaften. Für die Polizei bedeutet diese Entwicklung eine enorme Herausforderung.

In der Öffentlichkeit hat es hin und wieder den Anschein, als bewege sich die Polizei im digitalen Raum eher planlos, zwischen Ahnungslosigkeit und Fahndungserfolg. Dabei ist klar, dass die entscheidende Behörde zur Kriminalitätsbekämpfung auch jenseits der analogen Welt mit speziellem Know-how und angepassten Technologien ausgestattet sein muss, um die Aufrechterhaltung des Rechts weiterhin uneingeschränkt sicherzustellen.

Umso positiver ins Gewicht fallen Schlagzeilen darüber, wenn polizeiliche Ermittlungen etwa einen Kinderpornografie-Ring zerschlagen konnten und eine große Anzahl von Tätern festgenommen wurde. Ein derartiger Durchbruch wird in der Regel den sogenannten Cybereinheiten zugeschrieben, die in den letzten Jahren neu geschaffen wurden. Er kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass bundesweit etliche Polizeistellen alleine schon beim Verfolgen von Hassbotschaften in den sozialen Medien vielfach selbst immer noch hilflos wirken. Auch in anderen Fällen sind die Täter durch die im Internet mögliche Anonymität nicht oder nur schwer auffindbar: Das gilt für die an hessische Landtagsabgeordnete gesandten Drohmails genauso wie zuletzt beim Hackerangriff auf den Fuhrparkservice der Bundeswehr.

Solcherlei Straftatbestände sind dem Bereich moderner Cyberkriminalität zuzurechnen. Sie stellen eine klassisch organisierte Polizei, die sich noch auf althergebrachte Instrumente und Methoden verlässt, vor nicht zu unterschätzende neue Aufgaben, jedoch in vermeintlich bekannter Erscheinungsform. So kam das Austrian Institute of Technology in einer Studie 2018 zu dem Ergebnis, dass viele Vergehen aus der „realen Welt“ gleichermaßen im Internet vorkommen, auch Urkundenfälschung oder Datendiebstahl zählen dazu. Neben Unternehmen geraten im digitalen Raum zudem zunehmend Kinder und Jugendliche in Gefahr, Kriminellen zum Opfer zu fallen.

Einer der zentralen Schwerpunkte neuerer Polizeiarbeit liegt im sogenannten Darknet. Hier wird all jenes angeboten, was gar nicht oder nur unter strengen Auflagen – wie Waffen oder Drogen – käuflich zu erwerben ist. Daneben sind aber natürlich auch allgemein zugängliche Netzwerke wie Facebook und Twitter für die Polizeiarbeit nicht unerheblich. Egal, ob eine grundsätzliche Recherche oder das Sammeln von Beweisen ansteht: Die Überwachung potenzieller Täter findet immer öfter dort statt. Darüber hinaus nutzt die Polizei die sozialen Medien, um Öffentlichkeitsfahndungen schneller zu verbreiten und die Bürger über relevante Entwicklungen zeitnah zu informieren.

Technisches Verständnis: genauso wichtig wie Empathie

Vielfach notwendig gewordene Umstrukturierungen, um wirksam gegen Cybercrime vorgehen zu können, sind bereits in vollem Gange. In der öffentlichen Wahrnehmung liegt der Fokus dabei meist auf der Schaffung zusätzlicher personeller Kapazitäten und der Verwendung verlässlicher Computertechnologie. Nicht zuletzt dafür ist etwa die bundesweite Videoüberwachung insgesamt aus- und eine regionale Instanz wie die Zentralstelle Cybercrime Bayern (ZCB) aufgebaut worden. Letztere wurde allerdings erst im Juli (!) durch einen dringend benötigten „Dark Web Monitor“ aus den Niederlanden technisch aufgerüstet. Was rückblickend betrachtet unverständlich ist: In einem immer digitalisierteren Alltag sind derlei Systeme nicht mehr nur notwendig, sondern längst überfällig geworden.

Doch aktuelle Fälle von Cyberkriminalität lassen keinen Zweifel daran, dass die wichtigste Eigenschaft eines Polizisten nach wie vor die Empathie gegenüber Geschädigten ist. Ob Upskirting, Kinderpornografie oder Revenge Porn: Gerade für Frauen und Kinder ist der Leidensdruck im Netz nicht zu unterschätzen. Und wer hier als Polizist oder Polizistin aktiv werden muss, bedarf gleichermaßen einer umfassenden psychologischen Hilfe für sich selbst.

Gut gerüstet für den „Tatort Internet“

Wie essentiell eine gute persönliche Polizeiseelsorge in digitalen Zeiten ist, haben einige Bundesländer bereits für sich festgehalten. In Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg wurde noch vor dem nachweislichen Anstieg von Cybercrime ein obligatorischer Ethikunterricht in die Polizeiausbildung integriert. In Nordrhein-Westfalen erhalten Kriminalbeamte diesen immerhin wöchentlich eine Stunde, andernorts ist es eine Stunde alle zwei Wochen. Zielvorgabe ist dabei, kurz gesagt, die Trennung der Tätigkeit von der eigenen Persönlichkeit; einen anderen konkreten Schwerpunkt auf die neuerlichen Herausforderungen, die Cybercrime mit sich bringt, oder den Umgang mit Delikten, die etwa traumatisierende und bloßstellende Aufnahmen beinhalten, findet sich dort hingegen nicht.

Auch ansonsten sucht man nach derlei Anpassungsstrategien noch weitgehend vergeblich. In den spezialisierten Ausbildungen zum polizeilichen IT-Experten im Rahmen der ZCB steht selbst laut der bayerischen Polizei zwar selbstverständlich ein Schieß- und Kampftraining auf dem Lehrplan, eine spezifische IT-Ethikausbildung gibt es aber nicht. Daher bleibt also die Frage bestehen, inwieweit innerhalb der hiesigen Polizeibehörden neben der Vermittlung praktischen Handlungswissens sichergestellt wird, dass die „Informatik-Profis mit Polizeistern“ (Polizei Bayern) wirklich gut genug gerüstet sind, um den menschlichen Abgründen des „Tatorts Internet“ auf Dauer zu begegnen.

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