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Mut zum Digitalen

Von Christoph Deeg / 1. Oktober 2015
picture alliance / Albrecht Weisser

Bei der Digitalisierung spielt der Kultursektor nur eine untergeordnete Rolle. Dabei brauchen wir Kulturinstitutionen, die den digital-analogen Lebensraum aktiv gestalten. Dies gelingt nur mit einer nationalen Kulturagenda.

In den vergangenen Jahren hat sich unsere Umwelt tiefgreifend verändert. Die digitale Revolution und Evolution hat einen immer größeren Einfluss auf alle Bereiche unserer Gesellschaft. Auch wenn diese Entwicklung manchem wie ein Tsunami erscheinen mag, stehen wir erst am Anfang eines globalen Prozesses, der mehr ist als ein Technologiesprung.

Bei der Digitalisierung geht es nicht nur um Unternehmen wie Facebook oder Google, nicht nur um Smartphones und Gaming-Konsolen, nicht nur um Maschinen und Algorithmen: Es geht vor allem um menschliche Kommunikation und Interaktion. Bei der digitalen Evolution agieren analoge Menschen im digitalen Raum.

Digitale Revolution als analoges Phänomen

Ihre Relevanz erlangt die digitale Revolution also vor allem deshalb, weil sie eigentlich ein analoges Phänomen ist. Haben wir vor einigen Jahren noch vom „Cyberspace“ als virtuellen Raum gesprochen, geht es nun um digital-analoge Lebensrealitäten. Das Internet wird menschlich – mit allen sich daraus ergebenden positiven und negativen Konsequenzen.

Der immer wieder herbeigeredete Kulturkampf und die gerne postulierte Konkurrenzsituation zwischen analogen und digitalen Werken findet nicht statt. Natürlich werden bestimmte Medienformen verschwinden oder zukünftig ein Nischendasein fristen. Aber dies geschieht nicht wegen der Medien an sich, sondern weil wir durch einen multioptionalen Medienmix endlich entscheiden können, welches Medium und welche Plattform uns in der jeweiligen Situation am besten nützen.

Viele Optionen für den Mediengebrauch

So ist es nicht verwunderlich, dass wir nicht nur eine immer schneller fortschreitende Digitalisierung, sondern ebenso eine Renaissance analoger und teilweise schon vergessener Formen, Werke, Handlungen und Medien erleben. Das gedruckte Buch und die gute alte Vinyl-LP sind wieder spannend. Dies ist keine Gegenbewegung zur Digitalisierung, es ist vielmehr das Ergebnis einer bewussten Inszenierung der eigenen Lebensrealität.

Gerade weil man nicht mehr nur gedruckte Bücher oder CDs nutzen muss, werden sie wieder interessant: Das Medium und seine spezifischen Eigenarten inklusive der damit verbundenen Kultur kann (wieder) wertgeschätzt werden. Auch für die klassischen Kulturinstitutionen wie Museen, Theater, Galerien, Opernhäuser und Bibliotheken ergibt sich eine neue Situation, denn der Konsum eines Bildes oder einer Theateraufführung ist nicht mehr abhängig von einem analogen Ort.

Natürlich ist die Betrachtung der digitalen Kopie eines Gemäldes nicht gleich der Betrachtung des analogen Originals. Aber man kann sich für das eine oder das andere entscheiden. Es geht nicht mehr nur um das Werk an sich; Die ganze individuelle Inszenierung wird relevant. Der Zugang zum Werk ist nicht mehr abhängig vom Ort. Die Zeiten einer imaginären Deutungshoheit sind vorbei.

Es geht nicht um „Analog gegen Digital“

Aber was bedeutet das für den Kultursektor? Viele Kulturschaffende glauben, sie müssten die Speerspitze einer Gegenbewegung sein, welche die Rückbesinnung auf das Analoge im Fokus hat. Abgesehen davon, dass dies letztlich eine massive Selbstüberschätzung bedeutet, denn der Kultursektor ist gesellschaftlich weitaus weniger relevant, als er es sein möchte, gibt es hier ein tiefgreifendes Problem: das Missverständnis der Trennung von Analogem und Digitalem.

Wir erleben die Geburtsstunde einer digital-analogen Gesellschaft. Wir müssen akzeptieren, dass der digitale Raum ebenso gestaltet und entwickelt werden muss wie der analoge. Wenn wir über die Relevanz von Kunst und Kultur im digitalen Raum reden, dann müssen wir erkennen, dass die Werke und Inhalte sowie die Menschen, die diese Werke und Inhalte erstellen, vermitteln und konsumieren, bereits im digitalen Raum vorhanden sind. Ein Gestaltungsprozess durch das, was wir Kultursektor nennen, findet jedoch nicht statt. Es gibt keinen Dachverband, keine Organisation, keinen Verbund von Kulturinstitutionen, der den digitalen Raum aktiv gestaltet.

In den meisten kulturpolitischen Publikationen wird das Thema Digitalisierung von Kunst und Kultur wenn überhaupt nur am Rande erwähnt. Sei es, weil man sich über Datenschutz und Urheberrecht echauffiert, oder sei es, weil Google, Facebook und Amazon als ultimative Gegenspieler benötigt werden, um die eigene Existenz zu rechtfertigen.

Strukturen müssen verändert werden

Wir brauchen eine digitale Kulturagenda. Da der Kultursektor im Digitalen erhebliche Defizite aufweist, müssen dringend neue Strukturen geschaffen werden. Dazu gehört zuerst der massive Ausbau der digitalen Infrastruktur in allen Institutionen. Parallel müssen neue Aus- und Weiterbildungsstrategien für den Kultursektor entwickelt und realisiert werden. Gleichzeitig benötigen wir neue Studiengänge z.B. für digitale Kulturvermittlung und digitales Kulturmanagement.

Schließlich muss in den kulturellen Institutionen und Organisationen mit der Entwicklung von digital-analogen Gesamtstrategien begonnen werden, bei der digitale Aktivitäten nicht als weitere Aufgabe, sondern als Querschnittsfunktion des Managements verstanden werden. Dazu gehört auch der Aufbau von Innovationslaboren, in denen interdisziplinär neue digital-analoge Kulturkonzepte entwickelt und realisiert werden. Ein wichtiger Schritt ist dabei das Zusammenführen und Vernetzen der sogenannten Hoch- mit der Popkultur. Letztere hat sich schon länger der digitalen Herausforderung gestellt.

Die Digitalisierung der Kultur ist keine Frage des Geldes. Geld ist im Kultursektor – wenn auch ungerecht verteilt – ausreichend vorhanden. So lange neue Konzerthäuser, Galerien und Museen gebaut werden, kann niemand behaupten, dass die Gestaltung des digitalen Kulturraumes an knappen Ressourcen scheitere.

Vielleicht wäre es ratsam, die vorhandene Struktur der Kulturförderung zu verändern. So könnte man z.B. das Vorhandensein oder die Entwicklung einer digital-analogen Gesamtstrategie bei bestimmten Förderprogrammen voraussetzen.

Wichtig ist auch: Es geht nicht um eine Nutzung des digitalen Raums um jeden Preis. Das schiere Vorhandensein von digitalen Angeboten und Technologien wird uns keinen Schritt weiter bringen. Natürlich wird es Situationen und Orte geben, bei und an denen das Digitale keine oder zumindest eine untergeordnete Rolle spielt.

Eine Antwort zu “Mut zum Digitalen”

  1. Von Christoph Deeg: Mut zum Digitalen | Unser Leben.digital am 18. Oktober 2015

    […] Sagwas.net, dem Online-Debattenportal der Friedrich-Ebert-Stiftung, den sehr lesenswerten Artikel „Mut zum Digitalen“ veröffentlicht. Darin plädiert er dafür, dass sich Kunst und Kultur stärker auf die […]

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