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Nachrichtenmüde

Von Pauline Reinhardt / 28. September 2023
FES Journalist_innenAkademie / Elias El Ghorchi

Das neu entwickelte b°future festival für Journalismus und konstruktiven Dialog will die Probleme der Branche angehen. Eines davon: Nachrichtenmüdigkeit. Was ist das für ein Phänomen, wo kommt es her und warum ist es wichtig, etwas dagegen zu tun?

Bei der Eröffnung des b°future festival für Journalismus und konstruktiven Dialog im September in Bonn sprach die Initiatorin sowie Gründerin und Geschäftsführerin des Bonn Institute für konstruktiven Journalismus Ellen Heinrichs über einen Fernsehabend mit ihrer Familie. Die Journalistin schaut regelmäßig mit ihren beiden Kindern Nachrichten, damit diese über das Weltgeschehen informiert sind. Doch ihre damals 12-jährige Tochter weigerte sich angesichts der vielen Kriege und Katastrophen die Sendung zu Ende zu sehen. Sie stürmte sogar voller Wut aus dem Zimmer. Heinrichs zeigte sich erstaunt und auch verletzt von dieser Reaktion. Schließlich sind Nachrichten ihr täglich Brot.

Auch ich kenne dieses Gefühl, dieses Überwältigtsein vom Zustand der Welt, insbesondere wenn sich in den Nachrichtensendungen Elend an Elend reiht. Viele Menschen kennen dieses Unbehagen. Bei einer Veranstaltung des Festivals mit dem Titel „What’s behind news fatigue and what can we do about it?“ fragten die Sprecher*innen Anita Zielina und Nic Newman darum, wer aus dem Publikum schon einmal Nachrichten aktiv vermieden hätte, stunden- oder tagelang. 90 Prozent der Zuschauer*innen hoben die Hand – in einem Saal mit gut 100 Journalist*innen.

Doch wie lautet die Diagnose zu dieser symptomatischen Bestandsaufnahme? Sind wir nachrichtenmüde, vermeiden wir sie oder leiden wir unter der tiefer sitzenden news fatigue? Und: Ab wann wird es gefährlich?

Kein Moment der Ruhe

Niemand entscheidet sich, müde zu sein, es passiert einem. Wenn ich müde bin, gehe ich schlafen oder trinke einen Espresso. Übertragen auf meinen Nachrichtenkonsum bedeutet das: eine kurze Pause von ein, zwei Stunden einlegen, indem ich Handy und Radio ausschalte, oder aber sich der Dauerbeschallung durch Pushmeldungen in voller Lautstärke aussetzen.

Vermeide ich hingegen Nachrichten, ist das zumeist ein aktiver Prozess, vielleicht sogar eine Konsequenz der Nachrichtenmüdigkeit. Ich drehe das Radio leiser, wenn die Musik von Nachrichten unterbrochen wird. Ich schalte die Pushmeldungen von Nachrichten-Apps aus oder deinstalliere sie sogar. Anita Zielina und Nic Newman waren nicht überrascht, dass so viele der Journalist*innen einen Bogen um Nachrichten machten. Sie selbst, gestanden beide, würden das auch tun. Dieses Verhalten sei gut, so ihre Begründung, weil es vor Dauerstress schütze.

Aber news fatigue ist etwas tiefergehendes, die Folge einer Krankheit. Was hat uns so krank gemacht, dass wir nicht nur müde sind, sondern chronisch erschöpft? Die Liste an potenziell Schuldigen ist lang: das nächtliche doom scrolling, die Liveberichterstattung von Kriegen und Katastrophen, die permanente Verfügbarkeit von Informationen, das Medienüberangebot und die Hoffnungslosigkeit, mit der uns Nachrichten so oft erfüllen.

Nachrichten lassen uns keinen Moment der Ruhe. Einmal kurz Luft holen, dann geht es vom Erdbeben in Marokko weiter zu dem Krieg in Bergkarabach. Wenn man die „Tagesschau vor 20 Jahren“ schaut, deprimiert einen, wie viel Schreckliches sich wiederholt oder währt: Der Nahostkonflikt ist nach wie vor nicht gelöst. Terror, Krieg, Klimakatastrophe – alles schon lange da. Nur mit der ehemaligen Sprecherin Eva Herman ist es noch viel schlimmer gekommen. Die heutige Ikone der Verschwörungstheoretiker*innen verbreitet jetzt Fake News bei Youtube und Telegram. Von Nachrichtenmüdigkeit hier leider keine Spur.

Abschottung von der Gesellschaft

Als Rezept gegen die Dauererschöpfung empfiehlt das b°future festival: Nicht mehr Journalismus brauchen wir, sondern besseren, heißt es in Bonn. Solchen, der öfter mal gute Nachrichten bringt oder über schlechte Nachrichten berichtet, aber konstruktive Lösungsansätze hinterherschiebt. Solche, die Zielgruppen erreicht, die sonst nicht (mehr) erreicht werden: mit neuen, anderen Formaten, anderer Sprache, anderen Menschen vor und hinter der Kamera.

Das alles ist sehr wichtig – nicht, weil es uns in der Berufsehre kränkt, wenn jemand sich Nachrichten verweigert. Sondern weil dauerhaft erschöpft von Nachrichten zu sein auch bedeutet, dass man dasselbe gegenüber dem gesellschaftlichen Miteinander empfindet. Dauerhaft die Nachrichten zu vermeiden ist gleichzusetzen mit Abschottung, sei sie nun selbst gewählt oder auferlegt. Manch einen Menschen führt sie komplett weg von Nachrichten, manch einen führt sie zu Eva Herman. Diese Abschottung von der Realität in Mediengestalt ist in jedem Fall Grund zur Besorgnis.

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