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Nicht allein unterwegs

Von Christina Braun / 10. April 2020
Credits: Photo by Martino Pietropoli on Unsplash;

Die Sicherheit von Frauen in der Stadt ist kein Frauenproblem, sondern ein Gesellschaftsproblem, sagt Simone Thomas, Frauenbeauftragte der Stadt Freiburg. Im Interview erklärt sie, wie sich Frauen schützen können und warum nicht nur dunkle Straßen unsere Aufmerksamkeit verdienen.

Nach zwei Mordfällen im Jahr 2016 und einer Gruppenvergewaltigung zwei Jahre später wurde das Thema der Sicherheit von Frauen in der Studentenstadt Freiburg heftig diskutiert. Viele Frauen waren verunsichert und verängstigt, der Verkauf von Pfeffersprays und sogenannten Schrillalarmen stieg rasant an, der nächtliche Heimweg wurde für manche zur Herausforderung. Die Angst lief lange mit in Freiburg: https://sagwas.net/wenn-die-angst-mitlaeuft/ Doch wie sieht es heute aus?

Simone Thomas, Frauenbeauftragte der Stadt Freiburg und Bundessprecherin der Bundesarbeitsgemeinschaft kommunaler Frauenbüros und Gleichstellungsstellen, setzt sich in Freiburg seit sechs Jahren für die Gleichstellung der Frau ein und beschäftigt sich besonders mit Themen wie Gewalt gegen Frauen, aber auch der generellen Sicherheit und dem Sicherheitsempfinden im öffentlichen Raum.

Sagwas: Haben Freiburgerinnen noch immer Angst, nachts allein nach Hause zu laufen?

Simone Thomas: Frauen haben schon immer Angst gehabt, alleine nach Hause zu laufen. Von klein auf wird uns eingeimpft, dass es für uns Frauen und Mädchen nachts gefährlich ist und dass wir in jeglicher Hinsicht Verantwortung übernehmen sollen. „Trink nicht so viel!“, „Geht zusammen nach Hause!“ oder „Zieh dich nicht zu sexy an!“ Das Thema ist natürlich immer virulent, aber es ist nicht unbedingt so, dass diese Ängste aktuell sehr viel größer geworden sind. Unmittelbar nach den beiden Mordfällen 2016 und der Gruppenvergewaltigung 2018 war die Angst sehr groß. Das hat Frauen sehr verunsichert und zu Verhaltensänderungen geführt. Nach meinem persönlichen Eindruck ist die Sorge aber wieder kleiner geworden, auch weil die Täter gefasst und vor Gericht gebracht worden sind.

Frauen in Freiburg haben sich seitdem viel mit Selbstverteidigung und Notwehrmaßnahmen auseinandergesetzt. Auch von städtischer Seite wurden verschiedene Maßnahmen ergriffen. Was hat sich konkret getan?

Direkt nach den Mordfällen 2016 waren die primären Schutzmaßnahmen, wie der Kauf von Pfefferspray oder die Anmeldung zu Selbstverteidigungskursen, sehr präsent; teilweise waren diese Dinge in den Läden ausverkauft. Ich glaube, das war für das eigene Sicherheitsgefühl sehr hilfreich. Dann gab es eine Sicherheitspartnerschaft zwischen Stadt und Land. Dazu gehörte die Erhöhung der Polizeipräsenz, die die Stadt schon lange vom Land eingefordert hatte. Die Stadt investierte ihrerseits in den Ausbau der Straßensozialarbeit und die Erhöhung des Vollzugsdienstes. In diesem Kontext wurden außerdem insgesamt zehn Sicherheitskonferenzen in den einzelnen Stadtteilen ins Leben gerufen, bei denen Bürgerinnen und Bürger die Möglichkeit bekamen, Fragen zu ihren spezifischen Anliegen zu stellen.

Ihre “Stelle zur Gleichberechtigung“ der Frau hat damals auch ein Frauen-Nacht-Taxi in Form eines Sammeltaxis ins Leben gerufen. Wie wurde das Angebot angenommen?

Wir haben das Frauen-Nacht-Taxi zu einem Ruftaxi umkonzipiert. Seit Mai 2019 können Frauen das Angebot in allen Nächten zwischen 22 und 6 Uhr innerhalb der Grenzen der Stadt Freiburg für sieben Euro nutzen. Das war eine wichtige Maßnahme. Dass es auch die richtige war, zeigt uns, dass das Ruftaxi im Gegensatz zu dem Vorgänger-Produkt des Sammel-Taxis sehr, sehr gut angenommen wird.

Nach den beiden Mordfällen wurde auch überregional ausgiebig über Freiburg berichtet. Heute ist es um das Schutzbedürfnis von Frauen medial wieder ruhiger geworden. Führte diese intensive mediale Berichterstattung nicht zu unnötiger Panik?

„Unnötige Panik“ ist vielleicht nicht der richtige Begriff. Auf jeden Fall hat die Berichterstattung Panik erzeugt. Inwieweit die berechtigt ist, das muss jede für sich selbst beurteilen. Unnötig war die Panik meiner Meinung nach insofern, als sie die Angst vor dem Fremden und möglichen Übergriffen von Migranten unheimlich geschürt hat. Das fand ich unverhältnismäßig, wenn man sich die Zahlen dazu anschaut. Zumal im Vergleich zu den Übergriffen im öffentlichen Raum die richtig große Gefahr für Frauen die häusliche Gewalt darstellt. Das steht oft in keinem Verhältnis zur Berichterstattung. 2016, im Jahr der beiden Mordfälle, wurden auch vier Frauen in Freiburg und der Region durch ihre Partner oder Ex-Partner ermordet. Aber Mordfälle durch einen Fremdtäter sind natürlich viel spektakulärer für die Berichterstattung. Ich will das jetzt auch nicht unbedingt miteinander vergleichen, aber der gefährlichste Ort für Frauen ist nach wie vor zu Hause oder in der Partnerschaft.

Wenn Frauen nachts Angst haben, liegt das oft an bestimmten Orten, die nur wenig beleuchtet sind oder keine Möglichkeit zum Ausweichen bieten. Wie geht die Stadt mit solchen „Angst-Orten“ um?

Es ist grundsätzlich erwiesen, dass sich Frauen auf gut ausgeleuchteten und übersichtlichen Wegen einfach wohler fühlen. Nach den beiden Mordfällen hat die Stadt deshalb zusätzliche Mittel für die Beseitigung von „Angst-Räumen“ zur Verfügung gestellt. Bürgerinnen und Bürger haben uns solche Räume – aufgrund mangelnder Beleuchtung oder zugewachsener Wege – gemeldet. Die haben wird dann „aufgearbeitet“. Das ist im übrigen auch eine Frage der Stadtplanung: Wie kann man die Wegführung so gestalten, dass es möglichst wenig Überraschungsmomente gibt?

Häusliche Gewalt stellt für viele Frauen eine ganz große Gefahr dar.

Simone Thomas

Gibt es zusätzlich zu den Maßnahmen, die Frauen eigenverantwortlich durchführen, auch präventive Aufklärungsprogramme, die auf die Verhinderung von geschlechtsspezifischer und sexualisierter Gewalt zielen?

Das ist ein Bereich, der meines Erachtens nach noch viel mehr ausgebaut werden müsste. Alles, was Frauen selbstverantwortlich tun, ist nur eine Seite der Medaille. Auf der anderen Seite könnte und sollte man fragen: „Was kann eigentlich die Gesellschaft oder die Stadt tun, um – ich sag‘s jetzt mal ganz platt – Männer davon abzuhalten, übergriffig und gewalttätig zu werden?“ Natürlich gibt es auch Männer, die von häuslicher Gewalt betroffen sind, aber im Geschlechtervergleich sind die Betroffenen überwiegend Frauen und die Täter in der Regel Männer. Schon in der Kindheit und Jugend müsste über das Männlichkeitsbild aufgeklärt werden, das bis heute ganz krassen Stereotypen unterworfen ist. Wir müssen also weiter fragen: „Wie können Jungen so erzogen werden, dass sie wegkommen von dem, was ja gemeinhin auch als ‚toxische Männlichkeit‘ bezeichnet wird, und [wie können sie] sich vielmehr in Richtung eines Männerbildes entwickeln, von dem sie selbst keinen Schaden nehmen und das auch anderen keinen Schaden zufügt?“

Sind solche präventiven Aufklärungsprogramme bereits in Freiburg umgesetzt?

Es gibt einige Programme, aber deutlich weniger im Vergleich zu den Maßnahmen, die es beispielsweise gegen Missbrauch gibt. Auch sogenannte Täter-Trainings sollten noch stärker ausgebaut werden. Diese Angebote, die potenzielle Täter dabei unterstützen sollen, gar nicht erst zu Tätern zu werden, müssen noch viel stärker gefördert werden. Denn tatsächlich leiden auch viele Männer unter der eigenen Gewalttätigkeit und wollen daran arbeiten.

Was hat Freiburg im Rückblick auf die letzten Jahre gelernt, um der weiblichen Angst im Dunkeln entgegenzuwirken und die Stadt für alle sicherer zu machen?

Freiburg hat meiner Meinung nach gelernt, dranzubleiben und die Maßnahmen aus dem Sicherheitspaket auf lange Sicht umzusetzen. Durch die große Öffentlichkeit ist das Thema zum ersten Mal in den Köpfen vieler Menschen angekommen, die sich zuvor noch gar nicht damit beschäftigt hatten. Das hat zu einer allgemeinen Sensibilisierung geführt. Ich habe beispielsweise auch mit Männern geredet, die zugegeben haben: „Oh ja stimmt, mir war nicht bewusst, dass Frauen da so viel Angst haben.“ Außerdem zeigt sich, dass unsere Maßnahmen tatsächlich zu einer Verbesserung geführt haben und auch von der Bevölkerung so wahrgenommen werden, wodurch das allgemeine Sicherheitsempfinden wieder steigt.

Was muss Ihrer Meinung nach zukünftig noch passieren?

Für die Zukunft müssen wir vor allem den präventiven Bereich weiter ausbauen. Ich möchte außerdem mit diesem Thema mal weg aus dieser Frauennische. Dass es immer noch so viel Gewalt gegen Frauen gibt, ist kein Frauenproblem, sondern ein Gesellschaftsproblem. Um das zu lösen, muss sich die ganze Gesellschaft engagieren und nicht zuletzt natürlich die Männer. Ich bin da eigentlich zuversichtlich, weil weltweit gerade ganz viel zu diesem Thema passiert: In vielen Ländern sind die Frauen nicht mehr bereit, sich einzuschränken und gehen auf die Straße, um für ihre Rechte zu kämpfen – und das viel lauter als vor einigen Jahren.

Eine Antwort zu “Nicht allein unterwegs”

  1. Avatar
    Von Andrea am 11. Juni 2020

    Danke an Christina, die mit dem Interview diese wichtige Debatte wachhält. „Break the silence“ ist einer der Aspekte der mir dazu einfällt: solang Frauen und Mädchen zu dem schweigen, was ihnen widerfährt, kann der gesellschaftliche Druck nicht wachsen, und überhaupt das Bewusstsein dafür, dass das Verhalten der Männer Frauen gegenüber oft problematisch ist. Übergriffige Männer gab es schon vorher, aber erst seit „#metoo“ wurde in der Öffentlichkeit ein Bewusstsein dafür geweckt wie groß das Problem ist. Und leider immer noch trauen sich Mädchen und Frauen viel zu selten, Übergriffe zu melden, sich zu wehren und unmissverständlich klar zu machen: „das will ich nicht“. Doch ohne massive Gegenwehr bleibt das Bild in der Gesellschaft, es wären „nur Bagatellen“, und mancher Mann mag sich denken, er hätte ein Recht, Frauen hinterher zu pfeifen oder anzugrapschen. Und die Schwelle zu schweren Gewalttaten ist bei so einem frauenverachtenden Weltbild natürlich geringer.
    Ein hier auch genannter sehr wichtiger Aspekt: Die Erziehung der Jungs. Das Bild von Männlichkeit kann sich nur wandeln, und Jungen nur dann Rollenbilder abseits der „toxischen Männlichkeit“ annehmen, wenn dies ganz breit und übergreifend in Erziehungskonzepten in Schule, Familien (-Beratung) und im öffentlichen Diskurs aufgegriffen wird.

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