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Noch keine Erholung im Mittelmeer

Von Lisa Brüßler / 16. September 2014
Lisa Brüßler; Die geteilte Hauptstadt Zyperns: Nicosia.

Die EU-Mitgliedschaft Südzyperns konnte Nord- und Südzypern nicht zusammenführen und die Zyprioten nicht vor der Wirtschaftskrise retten. Die Arbeitslosenquote liegt bei mehr als 16 Prozent und die Jugend ist skeptisch, welche Chancen sie auf der Insel wirklich hat. Der boomende Tourismus wird durch internationale Konflikte bedroht.

Die EU-Mitgliedschaft Südzyperns konnte Nord- und Südzypern nicht zusammenführen und die Zyprioten nicht vor der Wirtschaftskrise retten. Die Arbeitslosenquote liegt bei mehr als 16 Prozent und die Jugend ist skeptisch, welche Chancen sie auf der Insel wirklich hat. Der boomende Tourismus wird durch internationale Konflikte bedroht.

Das schnelle Klingeln der Glocken der orthodoxen Kirche ist noch nicht ganz verklungen, als der Ruf des Muezzin von der Moschee direkt hinter der Grenze ertönt. Nikosia, die einzige geteilte Hauptstadt der Welt, ist die Heimat von Anthi Philantoniou. Die Fremdenführerin zeigt an diesem Tag einer russischen Urlaubergruppe die Stadt.

Philantoniou führt entlang der Grünen Linie, der Pufferzone, die gleichzeitig EU-Außengrenze ist, vorbei an vielen leerstehenden Geschäften in der Ledra-Straße, dem kommerziellen Herz der Stadt, zum Treffpunkt der Zyprioten, der von Kaffeehäusern gesäumten Plateia Faneromenis. Die Spannung zwischen Süd- und Nordzypern ist überall zu spüren.

Die geteilte Insel

Seit Kriegsende im Jahr 1974 ist Südzypern die Heimat der Zyperngriechen. In Nordzypern leben Zyperntürken und Türken. Nordzypern wird von der internationalen Staatengemeinschaft nicht anerkannt und ist de facto von der Türkei abhängig. Die beiden Landesteile trennt die von den Vereinten Nationen überwachte Pufferzone.

Mit einer überwältigenden Mehrheit von 76 Prozent lehnten die Südzyprioten Ende Mai 2004 den vom damaligen UN-Generalsekretär Kofi Annan erarbeiteten Plan zur Zusammenführung der beiden Landesteile ab. Eine Woche später trat Südzypern auf Druck Griechenlands der EU bei. Die Lösung des Konfliktes sowie die Rückkehr vieler Südzyprioten in ihre Heimat im Norden rückte weiter in die Ferne.

„Die Menschen haben große Hoffnungen in den Beitritt Südzyperns zur EU gesetzt“, sagt Philantoniou. „Wir waren sehr optimistisch, dass der Beitritt neben wirtschaftlichen Fortschritten auch zu einer Einigung mit Nordzypern führen könnte. Jetzt sind wir enttäuscht.“

Zwar begann der Tourismus zu boomen und Geld für Infrastrukturprojekte ist ins Land geflossen, aber für viele Zyprioten hat sich bis heute nicht viel gebessert. Im Gegenteil: Nach der Einführung des Euro im Jahr 2008 sind die Preise stark gestiegen. Kurze Zeit später machte sich die Wirtschaftskrise bemerkbar.

Hubert Faustmann, Politikprofessor an der Universität von Nikosia. (Foto: privat)
Hubert Faustmann, Politikprofessor an der Universität von Nikosia. (Foto: privat)

Zyprioten sanieren sich selbst

„Die beiden größten Banken auf Zypern sind zu groß geworden und haben massiv in Griechenland investiert. Als dann in Griechenland die Krise ausbrach, versuchte der Staat diese Banken aufzufangen, weil sie systemrelevant sind“, erklärt Hubert Faustmann, Politikprofessor an der Universität von Nikosia. Das habe den Finanzmarkt auf Zypern geschwächt. „Außerdem hat Zypern einen aufgeblähten Verwaltungsapparat, in dem entsprechende Reformen versäumt wurden.“

Im Gegensatz zu Griechenland gab es auf Zypern zu Beginn der Krise keine Proteste, erzählt Philantoniou. Ende Juni 2012 benötigte Zypern Finanzhilfen in Höhe von 17,5 Millionen Euro – das entspricht der jährlichen Wirtschaftsleistung des Landes. Die Troika ordnete an, die Zyprioten im Gegenzug für einen 10 Millionen Euro schweren Kredit an der Sanierung des Finanzsektors zu beteiligen.

Anthi Philantoniou erinnert sich noch genau an die Reaktion der Zyprioten. „Als klar war, dass wir uns selbst sanieren sollen, stürmte ich zusammen mit meinen Nachbarn zur Bank“, erzählt sie. „Alles war voller aufgebrachter Leute. Weder an den Automaten noch bei den Angestellten haben wir Geld bekommen. Sie sagten uns, dass nur Sparguthaben unter 100.000 Euro verschont blieben, alle anderen müssten mit Abschreibungen von 47,5 Prozent ihres Guthabens rechnen.“

45 Prozent aller laufenden Kredite können nicht bedient werden. Ein Gesetz, das die Pfändung von Häusern bei Zahlungsunfähigkeit erlaubt, sorgt bei vielen für Angst. Dazu kommt die hohe Arbeitslosigkeit, die bei mehr als 16 Prozent liegt. Dennoch meint Philantoniou, dass die Zyprioten sich bemühen, die Krise zu verbergen.

Der Leerstand von Geschäften in Zypern steigt seit der Wirtschaftskrise stetig. Ganze Straßenzüge stehen zum Verkauf oder zur Vermietung leer. (Foto: Lisa Brüßler)
Der Leerstand von Geschäften in Zypern steigt seit der Wirtschaftskrise stetig. Ganze Straßenzüge stehen zum Verkauf oder zur Vermietung leer. (Foto: Lisa Brüßler)

Perspektive: Ungewissheit

Wenn Philantoniou durch die Stadt läuft, kommt sie an zahllosen leerstehenden Geschäften vorbei, vor denen arbeitslose Jugendliche herumsitzen. In den vollen Cafés geht es in den Gesprächen der jungen Menschen oft über die Aussichtslosigkeit ihrer Situation. Sie diskutieren darüber, ob sie es sich leisten können, auf Zypern zu bleiben, ob ihre Eltern ihre Jobs behalten und wie sie ihnen nicht mehr auf der Tasche liegen können.

Dennoch: Die Rezession ist längst nicht mehr so stark wie einst. Im zweiten Quartal 2014 schrumpfte das BIP um 2,5 Prozent, im Vorjahreszeitraum waren es noch mehr als 3,5 Prozent. Das liegt vor allem an den Touristen, für die Zypern vor allem wegen seiner Finanzdienstleistungen und der lockeren Steuergesetzgebung attraktiv ist. Die Branche spricht vom besten Jahr seit 2009.

„Der Tourismus ist der zweitgrößte Wirtschaftszweig nach den Finanzdienstleistungen“, sagt Faustmann. „Aber es gibt auf Zypern kaum noch produzierendes Gewerbe außer der Landwirtschaft.“ Diese leidet derzeit allerdings schwer unter den Russland-Sanktionen. Neben dem Handelskrieg zwischen Russland und der EU ist es auch die Krise in Gaza, welche die Erholung Zyperns bedroht, denn der Tourismusboom ist vor allem auf zweistellige Wachstumsraten von russischen und israelischen Reisenden zurückzuführen.

Zypern ist weiterhin auf der Suche nach seiner Identität. Die vielen Landesflaggen, die überall in den Städten gehisst sind, haben noch keine wirtschaftliche und politische Identität geschaffen.

Eine Antwort zu “Noch keine Erholung im Mittelmeer”

  1. Von Uwe Reinecke am 19. Dezember 2014

    Hier kann man es nachlesen: >http://www.auswaertiges-amt.de/sid_327C86FB8BFC3431FD9CE8E641ACD308/DE/Aussenpolitik/Laender/Laenderinfos/Zypern/AktuelleLageInZypern_node.html#doc358840bodyText2<
    Die innerzyprische "Grüne Grenze" ist keine EU-Außengrenze.

    Auch ist nicht nur "Südzpern" EU-Mitglied, sondern die gesamte Insel. Die Anwendung des EU-Rechts ist im Norden derzeit ausgesetzt.

    Übrigens hat die Armee der Queen im Süden Zyperns noch Gebiete im Besitz. Diese Gebiete gehören offiziell nicht zur EU. Der Hintergrund ist, dass GB nicht will, dass die EU Beschlüsse bezüglich der britischen Armee auf Zypern treffen kann.

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