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Öko – logisch?

Von Yves Bellinghausen / 21. Februar 2018
Credits: Pixabay/ Free-Photos; Lizenz CC0

Unsere Ernährungsweise hat einen wesentlichen Einfluss darauf, wie umweltverträglich wir leben. Im Ökodorf Sieben Linden achten die Bewohner streng auf ihre Ernährung. Doch das alleine löst das Problem nicht.

Entschieden wird gemeinsam. (Foto: Y. Bellinghausen)

Es ist das Jahr 1997, als 15 Männer und Frauen entscheiden, in der Altmark von Sachsen-Anhalt ein Experiment zu wagen. Sie wollen wissen, ob es möglich ist, ein Leben zu führen, bei dem sie keinen Raubbau an der Natur betreiben. Sie gründen eine Siedlung, nennen sie Ökodorf Sieben Linden und wollen versuchen, nur so viel CO2 auszustoßen, wie die Umwelt verträgt. Und das ist sehr wenig. 

Das abstrakte Ziel lässt sich greifbar machen durch eine Einheit, die sich „ökologischer Fußabdruck“ nennt. Vereinfacht gesagt wird beim ökologischen Fußabdruck ausgerechnet, wie viel Fläche Erde ein Mensch pro Jahr beansprucht. Um den auf der Welt erreichten Lebensstandard halten zu können, dürfte jeder Mensch lediglich 1,7 globale Hektar beanspruchen. Im Durchschnitt verbraucht allerdings bereits jeder Deutsche stolze 5,5 globale Hektar. Und genau an diesem Punkt kommt die Ernährung ins Spiel. Denn sie ist zu großen Teilen schuld daran, dass unser ökologischer Fußabdruck so viel größer ist als er sein dürfte.

Alles selbst und ständig: Ein Ökodörfler in Aktion. (Foto: Y. Bellinghausen)

Von Fleischbergen und Fußabdrücken

Rund 16 Prozent der Treibhausgasemissionen deutscher Bundesbürger sind auf die Ernährung zurückzuführen. Ein gleichwertiger Anteil entfällt auf die Mobilität. Die Ernährung der meisten Deutschen ist vor allem wegen der großen Mengen tierischer Produkte so klimaschädlich. Ähnlich schlimm ist, dass unser Obst und Gemüse vom anderen Ende der Welt hierher gebracht werden muss, damit wir es essen.

Das Gewächshaus ermöglicht auch im Winter eigenen Gemüseanbau. (Foto: Y. Bellinghausen)

Folgerichtig spielen die „richtigen“ Essgewohnheiten in Sieben Linden eine zentrale Rolle. Die Gemeinschaft ernährt sich fast ausschließlich vegetarisch, größtenteils sogar vegan – was den Reiz der Selbstversorgung nicht mindert. Aus den 15 Bewohnern des Ökodorfs vor über 20 Jahren sind mittlerweile 150 geworden. Irgendwann sollen es mal 300 sein. Um den ökologischen Fußabdruck der Gruppe klein zu halten, wird versucht, so viele Lebensmittel wie möglich auf den dazugehörigen 2,5 Hektar Gartenland anzubauen. Außerdem haben die Dorfbewohner zwei kleine, ungeheizte Gewächshäuser, in denen sogar im Winter frisches Gemüse wächst. Über das Jahr verteilt reicht das, um etwa 75 Prozent des verzehrten Obsts und Gemüses selbst zu produzieren. 

Gekocht wird auf dem Ökobauernhof in einer großen Gemeinschaftsküche: morgens, mittags und abends. Fleisch ist tabu. Erstens, weil regelmäßiger Fleischkonsum unter Selbstversorgern kaum zu stemmen ist. Zweitens, weil er sich sehr schlecht auf die CO2-Bilanz auswirkt. Drittens findet die Mehrheit der Sieben Lindener Tierhaltung unmoralisch.

Doch nicht alle Dörfler nehmen die gemeinsamen Mahlzeiten wahr. „Niemand wird hier zu etwas gezwungen“, sagt Corinna, die das Bildungsreferat des Dorfes leitet. Was in den Privaträumen gegessen wird, entscheidet jeder selbst.

Aber auch die, die für sich selbst kochen, orientieren sich an einem veganen Speiseplan, indem sie sich überwiegend für saisonales Gemüse, das aus der altmärkischen Region kommt, auf die Teller holen. Im besten Fall bauen sie es eigenhändig an. Doch es gibt Ausnahmen. „Komplexere Lebensmittel wie Schokolade oder gar Wein sind aber – ähnlich wie das Fleisch – realistischerweise kaum selbst herzustellen“, sagt Corinna.

Verarbeitetes Essen ruiniert die Bilanz

Lediglich ein Drittel ihrer Nahrung können die Bewohner der Modellsiedlung selbst herstellen. Den Großteil verarbeiteter Lebensmittel beziehen sie von außerhalb. Auf das große Ganze bezogen, bedeutet: Wenn wir alle in einer Gesellschaft leben wollten, in der Nahrungsmittel so wenig wie möglich transportiert werden, dann müssten wir – mit Blick auf die momentanen internationalen Unternehmensstrukturen und Handelswege – auf bereits verarbeitetes Essen weitestgehend verzichten.

Der italienische Wissenschaftler Andrea Bocco von der Universität Turin hat mit Kollegen vier Jahre lang an dem Fußabdruck der Ökodörfler herumgerechnet. Vier globale Hektar verbraucht jeder Dorfbewohner im Durchschnitt, so das Ergebnis. Vier – weniger als der deutsche Durchschnitt, aber mehr als das Doppelte von dem, was der Umwelt auf Dauer gut tut. Eine Bilanz mit viel Luft nach oben.

Manchen reicht ein kleines Dach über dem Kopf. (Foto: Y. Bellinghausen)
Auch anspruchsvolles Wohnen ist kein Problem. (Foto: Y. Bellinghausen)

Das Experiment Sieben Linden in Sachsen-Anhalt zeigt, wie schwierig es ist, im Einklang mit der – oder besser: für die – Natur und nicht über seine eigenen Verhältnisse zu leben. Die Bewohner des Ökodorfes richten ihr Leben darauf aus, ihre Zeit hier auf der Erde so naturschonend wie möglich zu verbringen. Ernährung nimmt dabei eine sehr zentrale Rolle ein. Das Dorf beweist anschaulich, wie weit eine Gemeinschaft für den Umweltschutz gehen kann. Und dass das alleine trotzdem nicht genug ist. 

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