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Privilegien bedeuten Verantwortung

Von Paul Schilasky / 2. Februar 2017
Credits: Pixabay/ OltreCreativeAgency; Lizenz CC0

Sexuelle Belästigungen auf der Straße sind für viele Frauen fast zum Alltag geworden. Männer verstehen nicht immer, dass sie als Bedrohung wahrgenommen werden könnten. Dabei könnten sie vielen Frauen ihre Angst nehmen.

Eine junge Frau läuft nachts durch eine menschenleere Straße. Sie hört Schritte hinter sich, dreht sich um, sieht ihn. Er kommt immer näher, läuft direkt hinter ihr. Sie hat Angst vor ihm, beschleunigt ihren Schritt. Gerade will sie die Straßenseite wechseln, da biegt er ab.

Thomas, 35 Jahre, Grundschullehrer, glaubt, dass auch ihn Frauen in ähnlichen Situationen schon als bedrohlich wahrgenommen haben. „Ich der potenzielle Täter, sie das Opfer“, sagt er. „Das ist eine Rollenzuschreibung, die mir nicht gefällt. Das bin ich nicht.“

Belästigungen haben viele Formen
„Kommentare über das Aussehen, vulgäre Gesten, eindeutig sexuelle/sexualisierte Kommentare, anzügliche Blicke, Nachpfeifen, Kussgeräusche, jemandem nachstellen, sich vor jemandem entblößen, jemandem den Weg versperren, Berühren sexueller Körperteile oder grapschen“ fallen unter die Definition des sogenannten Street Harassment von Hollaback. Damit beschreibt das internationale Netzwerk gegen Belästigungen dauerexistenten Alltagssexismus und vielfältige Formen von Belästigungen von Frauen durch Männer. Thomas meint, bisher keiner Frau so begegnet zu sein.

Spätestens seit dem Tweet #aufschrei im Jahr 2013 erheben Frauen immer häufiger ihre Stimme gegen Sexismus. Sie setzen sich zur Wehr, indem sie kollektive Aktionen wie kürzlich den Women’s March in Washington organisieren.

Etwa eine halbe Million Männer und Frauen gingen Ende Januar auf die Straße, um gegen sexistische und rassistische Äußerungen des US-amerikanischen Präsidenten Donald Trump zu demonstrieren. Viele trugen rosa Strickmützen – „pussy hats“ – als Antwort auf Trumps umstrittene Aussage („Grab them by the pussy“) in einem 2005 veröffentlichten Video der Washington Post.
Diese Form „weiblicher Wehrhaftigkeit“ findet zunehmend auch in den Medien statt. Auf dem Heimweg-Blog der taz, den es seit den Geschehnissen der Silvesternacht 2015 in Köln gibt, werden persönliche Geschichten von Frauen, die auf dem Heimweg bedroht worden sind oder sexualisierte Gewalt erlebt haben, veröffentlicht.

Einige berichten davon, wie sie sich zur Wehr setzen. „Es ist drei Jahre her. Ich habe das Haus nie wieder ohne Pfefferspray verlassen. Ich habe noch immer ein mulmiges Gefühl, nachts allein nach Hause zu laufen. Aber ich lasse mir meine Freizeit, meine Abende mit Freunden nicht von einem solchen Menschen verderben“, schreibt eine 24 Jahre alte Autorin, die von einem Mann bis in die U-Bahn verfolgt worden ist.

Sich an die Stelle einer Frau versetzen

Viele Männer können die Angst der Frauen nachvollziehen. „Früher habe ich verleugnet, dass ich bedrohlich wirken könnte“, sagt Thomas. „Ich glaube mittlerweile, dass das die falsche Strategie ist. Als Mann sollte man sich in die Frau hineinversetzen, selbst wenn man sich natürlich nicht als Bedrohung wahrnimmt. Die Stadt bei Nacht ist nun mal ein sehr männerdominierter Raum.“
Andreas Goosses ist Sprecher des Forum Männer, dem Dachverband für Organisationen, die in der Männer-, Jungen- und Väterarbeit aktiv sind. Er meint, Männer müssten sich wieder bewusst werden, wo sie sich selbst verorteten. „Es ist wichtig, sich mit seinen Privilegien auseinander zu setzen. Privilegien bedeuten auch Verantwortung.“
Abstand halten und Schritte verlangsamen

Thomas setzt diese Verantwortung um, indem er versucht, den Frauen ihre Angst zu nehmen. Er geht auf die andere Straßenseite oder verlangsamt seine Schritte. „Meistens wechseln die Frauen selbst schon rasch die Straßenseite“, sagt er.

Er findet es gut, wenn Frauen vorsichtig sind, wenn sie sich bedroht fühlen oder sich durch Selbstverteidigungskurse darauf vorbereiten, dass sie Gewalt von Männern erfahren könnten. „Frauen sollen sich nicht einreden, dass es da draußen keine Leute gibt, die eine reale Bedrohung für sie bedeuten könnten. Denn die gibt es.“

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