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proJeder hat etwas zu verbergen

Von Julian Heck / 11. September 2014
swanksalot / Flickr (CC BY-SA 2.0); https://www.flickr.com/photos/swanksalot/2704017177/in/photostream/

„Ich habe doch nichts zu verbergen“ ist das Argument jener, die sich keine Gedanken über ihre Privatsphäre machen oder einer Auseinandersetzung mit Datenschutz lieber aus dem Weg gehen. Doch das ist zu einfach gedacht. Einerseits begegnen wir Datenschutz ständig, zum Beispiel beim Akzeptieren der Datenschutzbestimmungen beim Abonnieren eines Newsletters, beim Einrichten eines neuen Accounts oder […]

„Ich habe doch nichts zu verbergen“ ist das Argument jener, die sich keine Gedanken über ihre Privatsphäre machen oder einer Auseinandersetzung mit Datenschutz lieber aus dem Weg gehen. Doch das ist zu einfach gedacht.

Einerseits begegnen wir Datenschutz ständig, zum Beispiel beim Akzeptieren der Datenschutzbestimmungen beim Abonnieren eines Newsletters, beim Einrichten eines neuen Accounts oder Abschließen eines sonstigen Vertrages. Andererseits stolpern wir vielleicht gerade deshalb nicht mehr über den Begriff Datenschutz, weil er schon zur Normalität geworden ist.

Viele wissen zwar, dass sie tagtäglich Daten von sich preisgeben. Das Ausmaß und mögliche Konsequenzen sind jedoch oft unbekannt. Wir wissen, dass Mobilfunkbetreiber alle Verbindungen speichern, weil sie uns ja einen Einzelverbindungsnachweis mit der Rechnung liefern. Aber dass das Unternehmen die Daten auch anderweitig nutzen kann, daran denken wir meist nicht.

Wir merken, dass Google uns maßgeschneiderte Werbung präsentiert und Amazon verlockende Produkte bewirbt, aber dass all das durch eine riesige Datenmenge ermöglicht wird, die mehr über uns verrät, als unsere besten Freunde über uns wissen, das ist vielen nicht bewusst.

Tobias Gillen, Tech-Journalist. (Foto: privat)
Tobias Gillen, Tech-Journalist. (Foto: privat)

E-Mails verschlüsseln lernen

Tech-Journalist Tobias Gillen war bis vor kurzem auch einer von den Unwissenden. Inzwischen hat er zwei eBooks über das Verschlüsseln von E-Mails herausgebracht. Lesern wirdSchritt für Schritt erläutert, wie man seine Online-Kommunikation verschlüsseln und sich spurlos durch das Internet bewegen kann. Die erste Auflage ist bereits ausverkauft.

„Für mich persönlich ist Datenschutz seit meinen Büchern ein tägliches Thema. Und es ist eins, mit dem man sich fortlaufend beschäftigen muss in unserer rasanten Zeit“, sagt Tobias Gillen. Für ihn als Journalist sei es „eine Sache der Selbstverständlichkeit, seinen Informanten und Gesprächspartnern eine sichere Kommunikation anzubieten“. Das sei nicht erst seit den Enthüllungen von Edward Snowden wichtig.

Doch auch mit den Tricks aus Gillens Büchern ist es unmöglich, die Verbreitung persönlicher Daten vollständig zu kontrollieren. „Grundsätzlich ist für Hacker und Geheimdienste technisch alles möglich“, sagt der IT-Sicherheitsbeauftragte Markus Wetzler. Sogar rechtlich sind wir laut Wetzler nicht so geschützt, wie wir uns das vielleicht wünschen würden.

Markus Wetzler, IT-Sicherheitsbeauftragter. (Foto: privat)
Markus Wetzler, IT-Sicherheitsbeauftragter. (Foto: privat)

Die Datenschutzgesetze sind nicht ausgereift. Es gibt sehr viele Erlaubnistatbestände, die es Behörden, Geheimdiensten und Firmen erlauben, die Daten zu erfassen und an Dritte weiterzuleiten“, erläutert Wetzler. „Ich habe doch nichts zu verbergen“ ist deshalb eine sehr kurzsichtige Reaktion auf die Datenschutz-Debatte.

Wer nichts zu verbergen hat, der kann abends auch den Rollladen oben lassen und Personen auf der Straße ins Wohn- und Schlafzimmer schauen lassen. Wer nichts zu verbergen hat, der hat sicherlich auch nichts gegen eine Videoüberwachung im gesamten öffentlichen Raum. Wer nichts zu verbergen hat, der ist bestimmt auch damit einverstanden, dass der Staat alle Briefe und E-Mails, Telefongespräche und sonstige Formen der Kommunikation speichert und auswertet.

Und plötzlich haben wir doch etwas zu verbergen. Vielleicht nicht, weil wir in kriminelle Machenschaften verwickelt sind, sondern weil wir uns gerne ein bisschen Privatsphäre bewahren möchten –beispielsweise aus Scham oder aus dem simplen Gefühl, Sachen „für uns“ behalten zu wollen.

Analoge und virtuelle Privatsphäre

Ob sich das im analogen oder virtuellen Bereich abspielt, ist völlig egal. Es hat weder zu interessieren, was man anhat, wenn man abends „Verbotene Liebe“ schaut, noch wann und mit welcher Häufigkeit man „Verbotene Liebe“ schaut – letzteres ist online über Datenspeicherung jedoch sehr leicht erfassbar.

Was in Gestalt einer personalisierten Werbung noch angenehm erscheinen mag, ist in Situationen mit Abhängigkeiten, beispielsweise bei einem Bankgespräch für einen Kredit oder bei der Beantragung staatlicher Leistungen, sogar kontraproduktiv. „Wenn jeder alles über alle weiß, kann der Ruf schnell ruiniert oder das Bankkonto leergeräumt sein“, so Datenschutz-Experte Wetzler.

Daten sind Macht

Wer im Besitz von Daten ist, der hat Macht. „Daten sind die Währung der digitalen Zeit“, sagt Tobias Gillen. „Wir bezahlen mit unseren Vorlieben, Gewohnheiten und Informationen. Warum sollten wir also mit diesem speziellen Geld nicht achtsam umgehen und es schützen?“

Es sollte deshalb in unserem Sinne sein, sich zu bemühen, die eigenen Daten so gut es geht selbst zu verwalten und zu kontrollieren. Ein Missbrauch unserer Daten kann nicht in unserem Interesse sein – auch nicht im Interesse derer, die scheinbar nichts zu verbergen haben. Markus Wetzler rät deshalb grundsätzlich: „Sei sparsam mit den Informationen, die du elektronisch erfasst und sichere deine technischen Geräte so gut wie möglich vor unberechtigten Zugriffen ab.“

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