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ContraVielfalt erfordert strukturellen Wandel

Von Helen Arling / 28. Februar 2023
picture alliance / Zoonar | benis arapovic

Neue Berufsbilder, vermehrte Jobwechsel und flexibleres Arbeiten: Auf dem Arbeitsmarkt hat sich in den letzten Jahrzehnten viel getan. Doch veraltete Strukturen verhindern, dass sich die Vielfalt der Gesellschaft in der Vielfalt der Berufswege widerspiegelt.

Die Berufswelt ist seit jeher im Wandel. Berufe verschwinden von der Bildfläche, andere entstehen neu und das heute schneller denn je. Auch Arbeitsbedingungen und Aufstiegsmöglichkeiten haben sich drastisch verändert. Auf den ersten Blick scheinen die Optionen beinahe unendlich. Ältere Generationen sind nicht selten überrascht, womit sich heutzutage alles Geld verdienen lässt. Daneben hat die Coronapandemie dazu beigetragen, Flexibilität in der Arbeitsgestaltung voranzutreiben.

Dennoch ist es hilfreich, sich auch einmal mit der Kehrseite der Medaille zu befassen. Denn nicht jeder Person bieten sich in gleicher Weise Karrierechancen und Hindernisse bei der Berufswahl lassen sich manchmal nur schwer überwinden. Zeit also, den Mythos „berufliche Vielfalt“ kritisch zu hinterfragen.

Gleiche Chancen! Für alle?

Das Narrativ, dass heute alles für alle möglich ist, hat blinde Flecken. Trotz Bemühungen, die Chancengleichheit zu verbessern, hängt der Bildungserfolg noch immer vom sozioökonomischen Status ab. Ein höherer Sozialstatus der Eltern wirkt sich positiv auf den schulischen Erfolg ihres Kindes aus. Auch die Qualität der Schule spielt für den Bildungserfolg und damit für spätere berufliche Wahlmöglichkeiten eine große Rolle.

Auch 2022 kommt die empirische Sozialforschung in Erhebungen noch immer zu dem Schluss, dass dieser Zusammenhang in Deutschland sogar „im internationalen Vergleich überdurchschnittlich stark ausgeprägt“ ist. Trotz schwieriger Ausgangssituation zu Traumnoten und anschließend einem Spitzenposten gelangen? Dieser „amerikanische Traum“ hat in Deutschland eher Seltenheitscharakter.

Immerhin: Solche Erkenntnisse sind ein erster Schritt hin zu verbesserter Chancengleichheit. Innerhalb der Gesellschaft scheint ein Bewusstsein für bestehende Ungleichheiten zu existieren: So zeigte das Bildungsbarometer 2019 des Münchener ifo Instituts für Wirtschaftsforschung, dass eine große Mehrheit in der Bevölkerung Maßnahmen gegen Bildungsungleichheit befürwortet. Nun ist es an der Politik, solche Maßnahmen effektiv umzusetzen.

Karriere machen – unter welchen Bedingungen?

Leicht wird das nicht. Die Bildungsungleichheit unter Schüler:innen setzt sich im Berufsleben fort – die Karrierechancen unterscheiden sich entsprechend. Berufsanfänger:innen ohne abgeschlossenes Studium bleiben viele Türen verschlossen, sowohl in Sachen Berufswahl als auch bezüglich späterer Aufstiegschancen. Während einige wenige Berufe quasi unbeschränkte Aufstiegsmöglichkeiten bieten, stoßen Personen in anderen Berufszweigen schnell an eine (nicht ganz so gläserne) Decke. Für bestimmte Positionen ist sogar eine Promotion implizite oder explizite Voraussetzung, obwohl das Forschungsthema oft wenig mit der späteren, täglichen Arbeit zu tun hat.

Trotz der grundsätzlich durchaus bestehenden Entwicklungschancen spiegelt sich die zunehmende Vielfalt der Gesellschaft also noch nicht in der Vielfalt der Berufsbilder wider. Eine Studie des Stifterverbands und der Unternehmensberatung McKinsey zeigt: Nur 27 Prozent der Kinder aus einem Nichtakademikerhaushalt beginnen in Deutschland ein Studium. Bei Akademikerkindern sind es 79 Prozent. Auch weisen bestimmte Berufsgruppen starke geschlechterspezifische Differenzen auf. Beispielsweise sind Frauen im Handwerk weiterhin eher selten vertreten, ebenso wie in MINT-Studiengängen und -Berufen. Immerhin der registrierte Zulauf ist mittlerweile steigend. Jedoch fehlt es im Handwerk und in Ausbildungsberufen ganz grundsätzlich an Nachwuchs.

Eine weitere Problematik stellt die mangelnde Anerkennung von Teilzeitbeschäftigten dar. Hier sind Karrieremöglichkeiten noch immer stark beschränkt. In Teilzeit eine Führungsposition einzunehmen, scheidet häufig als Option aus. Wer sich neben dem Job auf Care-Arbeit fokussiert, zieht karrieretechnisch beinahe zwangsläufig den Kürzeren. In Deutschland sind das übrigens noch immer größtenteils Frauen; die Zahl der in Teilzeit erwerbstätigen Mütter ist laut Statistischem Bundesamt mehr als neunmal so hoch als die der in Teilzeit erwerbstätigen Väter.

Mehr als ein großer Pool an Berufsbildern

Zweifelsohne haben wir als Gesellschaft beim Thema Vielfalt von Berufswegen und Karrierechancen bereits große Fortschritte gemacht. Bei den Berufsbildern herrscht beinahe ein Überangebot und Jobwechsel sind immer verbreiteter.

Doch um wirklich von Vielfalt bei Berufswegen und Karrierechancen sprechen zu können, reicht es nicht aus, ständig neue Berufstitel zu kreieren. Vielfalt benötigt verbesserte Chancengleichheit, sinnvolle Möglichkeiten zum Quereinstieg und zur Teilzeitarbeit, und ein entsprechendes Aufbrechen festgefahrener beruflicher Strukturen. Ein erster Ansatzpunkt um Karrierehindernisse abzubauen, könnte sein, den Hochschulzugang über erlangte berufliche Qualifikationen zu vereinfachen.



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