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debatteBrauchen wir mehr innere Sicherheit?

Von Pauline Reinhardt / 30. November 2021
picture alliance / Zoonar | Elmar Gubisch

In Deutschland sind verschiedene Institutionen mit der inneren Sicherheit betraut. Vielen Bürger:innen ist das ein Dorn im Auge. Andere begrüßen die Strukturen. Ob mehr oder weniger getan werden muss für den Bevölkerungsschutz, darüber herrscht Uneinigkeit. Ein Überblick über Kriminalität und Terror – aus Sicht der Sozialpsychologie.

Innere Sicherheit ist ein abstrakter Begriff. Es gibt nicht die eine innere Sicherheit. Vielmehr handelt es sich um viele verschiedene Institutionen und Maßnahmen, deren Ziel „die Sicherheit der Bürger vor Terror, Gewalt und Verbrechen sowie der Schutz der Verfassung“ ist, wie es die Bundesregierung auf ihrer Website ausdrückt. In Deutschland gehören dazu das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV), das Bundeskriminalamt (BKA), das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) und die Bundespolizei (BPOL).

Es gibt auch nicht das eine Verbrechen. „Gewaltkriminalität ist etwas anderes als Wirtschaftskriminalität. Die ist etwas anderes als Diebstahl“, erklärt Frank Asbrock. Er ist Direktor und wissenschaftlicher Leiter des im Sommer gegründeten Zentrum für kriminologische Forschung Sachsen (ZKFS). Außerdem hat er eine Professur in Sozialpsychologie an der TU Chemnitz inne. Wenn sich also einer mit den Gefahren für die nationale Sicherheit auskennt, dann ein solcher Experte für Sozialpsychologie.

Asbrock erzählt von einem Rückgang an Kriminalität in westlichen Ländern, der nicht nur, aber auch mit der hohen Aufklärungsquote und dem relativ großen Vertrauen in Sicherheitsbehörden zusammenhänge. Als einen wichtigen Grund für das Absinken von Kriminalität und somit eine Zunahme an Sicherheit nennt er die Wohlstandsentwicklung. Wer sich nicht in einer Notlage befinde, begehe nicht unbedingt einen Raubüberfall, sagt er. Voraussetzung, um ein Verbrechen zu begehen, sei Skrupellosigkeit: „Es gibt Menschen, die aufgrund ihrer Persönlichkeit eher zu Aggression oder Normverstößen neigen als andere und die daher auch eher entsprechende kriminelle Handlungen zeigen könnten.“

Wie misst man Kriminalität?

Bei der Erfassung von Kriminalität unterscheidet man zwischen Hellfeld und Dunkelfeld. Das Hellfeld ist aus der polizeilichen Kriminalstatistik bekannt, die sich vorrangig aus Anzeigen von Bürger:innen und zu einem geringeren Teil aus polizeilichen Ermittlungen zusammensetzt. Das Dunkelfeld ist laut Asbrock viel größer. Man könne es zum Beispiel durch wissenschaftliche Befragungen ermessen.

Das infas Institut für angewandte Sozialwissenschaft in Bonn führt derzeit eine Studie zu Sicherheit und Kriminalität in Deutschland durch, in der Menschen unter anderem zu ihrer eigenen Rolle bei Straftaten befragt werden. Laut Asbrock sind derartige Studien besser als solche, die nur das Hellfeld widerspiegeln. Dabei sollte allerdings nicht vernachlässigt werden, dass auch Dunkelfeld-Studien anfällig sind für Falschaussagen, weil Opfer wie Täter:innen nicht über Straftaten sprechen wollen.

Hell- und Dunkelfeld existieren unabhängig voneinander. Inzwischen werden mehr Sexualstraftaten gemessen als früher – im Hellfeld. Opfer von sexualisierter Gewalt nehmen die an ihnen verübten Straftaten dank der #metoo-Bewegung häufiger als solche wahr und bringen dadurch mehr Mut für eine Anzeige auf. Doch Asbrock warnt, nur weil die Verbrechen ans Licht gekommen seien, könne man nicht von einer Zunahme insgesamt ausgehen.

Gefühlte Sicherheit

Bei der Eröffnung des ZKFS in Chemitz hob die sächsische Justizministerin Katja Meier (Grüne) hervor: „Der Umgang mit Kriminalität in Gesellschaft und Politik fußt viel zu häufig auf individuellen Gefühlen. Eine rationale Kriminalpolitik muss sich dagegen auf wissenschaftliche Erkenntnisse stützen.“

Sozialpsychologe Asbrock forscht zu der Wahrnehmung von Bedrohungen. Sein zentrales Interesse: „Wie gehen Menschen mit Bedrohungen um, wie reagieren sie auf diese?“ Mehrere Studien zeigen, dass Menschen ein erhöhtes Sicherheitsbedürfnis verspüren, wenn sie Bedrohungen wahrnehmen. Diese Einstellung werde auch durch das Weltbild moderiert: „Wer autoritär ist, hat ein starkes Bedürfnis nach Sicherheit und Ordnung.“

Das Konzept des autoritären Charakters wurde seit den 1930er Jahren von verschiedenen Anhängern der Kritischen Theorie ent- und weiterentwickelt. Es beschreibt Menschen, die in starren Kategorien und Hierarchien denken, autoritäts- und sicherheitsliebend sind sowie zu rassistischen und weiteren Vorurteilen neigen.

Asbrock zufolge erzeugen mehr Sicherheitsmaßnahmen, wie Videoüberwachung oder Polizeipräsenz auf Weihnachtsmärkten, auf der einen Seite ein stärkeres Sicherheitsgefühl, insbesondere für autoritäre Charaktere. „Auf der anderen Seite lenken diese Maßnahmen Aufmerksamkeit auf ein Problem, das man vorher vielleicht gar nicht gesehen hat.“ So könnten Unsicherheitsgefühle sogar verstärkt werden.

Prävention für Kriminelle und Polizei

Dass es für die innere Sicherheit Deutschlands mehr Prävention braucht ─ sowohl für kriminelle oder potenziell kriminelle Menschen als auch für die Polizei, darin sind sich Expert:innen einig. Man sollte nicht nur Rückfälle von Straftäter:innen verhindern, sondern potenziell kriminellen Menschen so früh wie möglich alternative Lebenswege aufzeigen, etwa durch Bildungschancen.

Eine wichtige Rolle in dieser Debatte spielen Machtpotenzial und Gewaltmonopol der Polizei. Rechtsextremismus sei kein grundlegendes Problem dieses staatlichen Exekutivorgans. „Aber eine Institution, die mit Waffen versorgt wird, sollte nicht für demokratiefeindliche Menschen attraktiv sein“, warnt Asbrock.

Bayerns ehemaliger Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) hatte einst eine geplante Studie zu Rassismus bei der Polizei mit den Worten abgelehnt: „Die halten ja für uns den Kopf hin und deshalb gibt es jetzt keine Studie, die sich gegen die Polizei mit Unterstellungen oder Vorwürfen richtet.“

Aus wissenschaftlicher Sicht ist ein Blick von außen auf institutionelle Strukturen dagegen unabdingbar. Und mit Hilfe einer strengeren Auswahl von Polizist:innen oder Schwerpunkten in der Ausbildung könne man die Demokratie stärken, betont ZKFS-Direktor Asbrock.

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