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contraWer checkt die Faktenchecker?

Von Anna Steinmeier / 29. April 2022
picture alliance / DocRB_PhotoDesign/Shotshop | DocRB PhotoDesign

Sokrates war sich sicher: „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ Seit der Antike ist die Fülle von Informationen, die ein Mensch überblicken soll, nicht kleiner geworden. Faktenchecker sollen uns helfen, “Fake News“ zu erkennen. Doch sie machen Fehler – mit weitreichenden Konsequenzen.

In Zeiten des Internets kann jeder sekundenschnell alles Mögliche teilen. Leider gehören auch Fake News dazu. Einfache Leute, meist Laien, werden deshalb zu wissbegierigen Detektiven auf der Suche nach der Wahrheit. Ob es darum geht, Fotos aus Kriegsgebieten oder aus dem Wohnzimmer von Kylie Jenner zu bewerten: In Minuten sind Neugierige zur Stelle, um Bilder einzuordnen und sie, bewusst oder unbewusst, in einen irrtümlichen Kontext zu setzen.

15 minutes of fact-checking-fame

Hier zeigt sich auch schon das erste Problem. Nicht alle „fact checker“ wollen dem medialen Chaos etwas entgegensetzen. Als Faktenchecker verleiht man sich selbst eine Autorität gegenüber den Leserinnen und Lesern. Man füllt die vermeintlichen Lücken, die 15 Minuten Tagesschau schlicht nicht füllen können. Im Rahmen des Ukrainekrieges nutzten Influencer die aktuell gegebene Aufmerksamkeit für sich, indem sie behaupteten, selbst vor Ort zu sein und die Situation darum besser einschätzen zu können.

Neben der Tatsache, dass sich mit dem vermeintlichen “Faktenchecken für Amateure“ schnell eine vorgebliche Meinungshoheit generieren lässt, sind auch Fakt-Check-Profis ganz und gar nicht fehlerlos. Gerade Journalistinnen und Journalisten müssen von Berufswegen her verlässlich Fakten von solchen Informationen, die es nicht sind, unterscheiden können. Nicht umsonst hat inzwischen jeder Sender und jede Zeitung manchmal ganze Faktencheck-Teams. Doch in der heutigen Aufmerksamkeitsökonomie geht es auch um Zeit. Dann ist doch nicht jedes Zitat in einem Artikel ordentlich überprüft oder eine PR-Mitteilung eines Wirtschaftsunternehmens unkritisch übernommen.

Ohne Rahmen und Vorgaben

Wie alle Menschen sind auch Faktenchecker darauf angewiesen, bezahlt zu werden. In vielen Fällen kommt das Geld von Stiftungen oder Medienunternehmen, die nicht im Verdacht stehen, auf diese Weise Einfluss zu nehmen. Doch würde das Institut der Deutschen Wirtschaft wirklich kritisch die Rolle der deutschen Wirtschaft beurteilen lassen? Wird der Facebook-Faktencheck ausgerechnet solche Nachrichten als Fake News sperren, die die meiste Reichweite und damit das größte Werbebudget haben? Noch spannender wird es, wenn unterschiedliche Faktenchecker zum gleichen Thema zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Die Webseite “War on Fakes” bietet eigenen Angaben zufolge objektive Fakten zum gegenwärtigen Kriegsgeschehen, doch ist in Wahrheit Propaganda. Bloß woran erkenne ich als Leserin, welche Faktchecker selbst Fake News produzieren, wenn ich doch vom Gegenteiligen ausgehe? So etwas zerstört nachhaltig das Vertrauen in professionelles „fact checking“.

Welche Informationen einer Überprüfung wert sind, ist Faktencheckern komplett freigestellt. Zwar gibt es Themen, die durch ihre Aktualität in den Vordergrund rücken. Letztendlich ist es aber an den Factencheckern zu entscheiden, ob sie Inhalten zu Relevanz verhelfen, indem sie sich damit beschäftigen. Das können Kriegsbilder sein – oder auch die Frage, ob Kylie Jenners Nägel verraten, dass sie schwanger ist. Es gibt keine gesetzlichen Vorgaben für Faktenchecker, keine staatlich-anerkannte Ausbildung oder einen festgelegten Qualitätsstandard. Ich könnte mich in diesem Artikel als Faktencheckerin bezeichnen und niemand könnte mir diese Qualifikation zunächst an- oder aberkennen. Zumindest nicht, bis meine Behauptung mit nachvollziehbaren Argumenten widerlegt wird.

Selbst Faktenchecker mit der besten Intention und dem reinsten Gewissen sollten auf den wohlwollenden zweiten Blick nicht als der Weisheit letzter Schluss gelten. Oft erreichen sie die Menschen gar nicht, oder zu spät, und verspielen damit ihre Glaubwürdigkeit. Das Massachusetts Institute of Technology (MIT) hat nachgewiesen, dass Fake News sich bei Twitter um ein Sechsfaches schneller und hundertmal weiterverbreiten als faktisch korrekte Nachrichten. Im Endeffekt sind Faktenchecks also nur minimal effektiv.

Let’s all be Faktencheckers

Viel wichtiger, als Faktenchecker zur Lösung aller informationellen Probleme mit Falschmeldungen zu verklären, ist, dass wir alle unseren Nachrichtenkonsum hinterfragen. Besser, als die Bestätigung behaupteter neutraler Informationen durch Faktenchecker zu erwarten, ist es, selbst falsche Angaben als solche einordnen zu können. Im Chaos der heutigen Informationswelt, in der wir tagtäglich mit Neuigkeiten zugeschüttet werden, können und sollten nicht alleine Faktenchecker sich über den Wahrheitsgehalt bestimmter Meldungen bewusst werden. Wichtiger ist es, junge Menschen mit einer kritischen Perspektive auszustatten.

Solange sich jede Person als Faktchecker bezeichnen kann, um sich eine vermeintliche Autorität zu verleihen oder gar um Fake News zu verbreiten, sollten sie nicht unhinterfragt als ultimative Lösung gegen Falschmeldungen gesehen werden. Selbst die kritischsten Köpfe mit den besten Absichten haben keinen Anspruch auf die absolute Wahrheit.

HINWEIS: Zu Fake News bieten wir auch ein Webinar an https://sagwas.net/event/stimmt-das-fake-news-entlarven-2/



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