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proErstmal Fakten schaffen

Von Alexander Kloß / 29. April 2022
picture alliance / imageBROKER | Karl F. Schöfmann

Faktenchecker:innen gibt es mittlerweile zuhauf. Ins Schwarze treffen sie angesichts chaotischer Zustände nicht immer. Dennoch tragen gerade diese Gruppen einen wichtigen Teil zu einer glaubwürdigen Medienlandschaft bei.

Kurz nach Ausbruch der Coronapandemie kursierten im Netz Bilder von leergefegten Städten weltweit. Statt Menschen schienen nun Tiere in die urbanen Habitate vorzudringen: In den Kanälen Venedigs wurden beispielsweise freudig umhertollende Delphine gesichtet. In einem Dorf in der chinesischen Provinz Yunnan machten derweil Aufnahmen von einer Elefantenherde die Runde, die sich kräftig mit Maiswein betrank, um sich danach gemütlich auf einer Teeplantage auszuruhen. Doch es gibt natürlich auch weit weniger erquicklichen Content.

Direkt nach Beginn des russischen Überfalls auf die Ukraine versicherte die russische Regierung wiederholt und vehement, dass Russland im Rahmen seiner selbst titulierten “besonderen Militäroperation” keine Zivilisten, sondern ausschließlich militärische Ziele angreife.

Doch was haben all diese sehr verschieden gelagerten Nachrichtenmeldungen gemeinsam?

Im Wesentlichen nur: Sie stimmen nicht. Zwar wurden sowohl Delphine in Venedig als auch Elefanten in Yunnan gesichtet, jedoch nicht zu Beginn der Pandemie. Als ebenso unzutreffend entlarvten sich Russlands Beteuerungen, in der Ukraine Zivilisten zu verschonen. Einen wichtigen Beitrag in der Durchleuchtung dieser undurchsichtigen Informationslage leisten organisierte Faktenprüfer:innen.

Gegengift für Fake News

Die Überprüfung und Unterscheidung von vermeintlichen und tatsächlichen Fakten ist Voraussetzung insbesonders für journalistisches Handwerk. Den Aufstieg zur eigenen Teildisziplin erlebte das sogenannte Factchecking allerdings erst in den letzten Jahren. Einen Beitrag dazu leistete der erfolgreiche US-Präsidentschaftswahlkampf Donald Trumps im Jahr 2016, der den Begriff der „Fake News“ ins Rampenlicht katapultierte. Während Trump mit dem Schlagwort einfach unliebsame Berichterstattung unabhängig ihres Wahrheitsgehalts verunglimpfte, meint der Begriff in seiner eigentlichen Bedeutung jedoch bewusste Falschmeldungen, welche vor allem in den sozialen Netzwerken enorme Verbreitung finden.

Seitdem liefern sich falsche Nachrichten einen regelrechten Wettlauf mit den Organisationen, die versuchen, sie einzudämmen. Neben den institutionalisierten Faktenfindern der Tagesschau zählen CORRECTIV und Volksverpetzer zu den bekanntesten und renommiertesten Beispielen in Deutschland. Eine hervorgehobene Rolle im englischsprachigen Raum nimmt das internationale Investigativkollektiv Bellingcat ein.

Mithilfe von frei zugänglichen Quellen wie Google Earth und exklusivem Videomaterial (sogenannter Open Source Intelligence, kurz OSINT) untersucht das Bellingcat-Team um Journalist Elliot Higgins, das anfänglich nur aus geschulten Freiwilligen bestand, seit 2014 internationale Konflikte. So war es in der Lage, dem syrischen Militär den Einsatz von Chemiewaffen und Streumunition nachzuweisen. Auch Russlands Behauptungen im anhaltenden Ukrainekrieg konnten durch Beweismaterial zum Massaker in Butscha und dem Raketenangriff auf das Bahnhofsgebäude im ostukrainischen Kramatorsk widerlegt werden.

Großen Wert legt das in Großbritannien ansässige Bellingcat dabei auf seine transparente Arbeitsweise. Zusätzlich zu den frei zugänglichen Quellen veröffentlicht das Kollektiv auch seine Geldgeber, zu denen neben der EU vor allem Nichtregierungsorganisationen zählen. Doch komplett ohne staatliche Hilfen kommen bislang die wenigsten Faktenprüfer aus. Macht diese Tatsache das ganze Unterfangen weniger unabhängig?

Staatsgefördert und doch staatsfern?

CORRECTIV und Volksverpetzer finanzieren sich überwiegend durch Spenden von Unterstützer:innen. Der finanzielle Schulterschluss mit staatlichen Förderprogrammen und Privatunternehmen lässt sich kaum vermeiden. CORRECTIV bezog im letzten Jahr Zuwendungen der Staatskanzlei NRW, der bpb, als auch von Firmen wie Google, Twitter und der Deutschen Telekom. Eine Verstrickung mit etwaigen Förder-Interessen lässt sich nicht erkennen. Kontroversen erzeugte das Projekt allerdings durch seine Zusammenarbeit als offizieller Faktenchecker Facebooks.

In dieser Kontrollfunktion kommt CORRECTIV eine bedeutende, aber auch wertende Rolle zu. Es gilt auszuwählen, was man öffentlich anprangert und was man stehen lassen kann. Die Trennlinie zwischen „Watchdog-Journalismus“ und Aktivismus ist dabei nicht immer scharf. Auch abseits von Facebook wurde nicht jede Recherche des Projekts wohlwollend aufgenommen. So erntete die Organisation viel Kritik, als sie zur Landtagswahl 2017 in NRW eine AfD-Kandidatin ohne Not als Hobby-Prostituierte outete. Nicht selten kommt deshalb die Frage auf, wer eigentlich die Faktenchecker:innen überprüft.

Wem gehören die Nachrichten?

Zieht man jedoch Bilanz zum journalistischen Prüfwesen, merkt man schnell, dass der journalistische Nutzen unabhängiger Faktenprüfer:innen seine Tücken deutlich überwiegt. Neben ihrer hohen Transparenz spielt der Grassroots-Gedanke eine entscheidende Rolle. Bellingcat und CORRECTIV bieten Workshops für interessierte Außenstehende an, sodass diese selbst Kompetenzen im Factchecking erlangen können, um ihre Medienkompetenz zu schärfen.

Die Frage, wer denn nun die Wachhunde überwacht, lässt sich damit leicht beantworten: Jede:r, der/die bereit ist, sich trotz medialem Chaos intensiv mit Fakten auseinanderzusetzen. Denn der öffentliche Raum ist für alle da und Factchecks helfen uns dabei, dass das auch so bleibt. Zumindest das ist Fakt.

HINWEIS: Zu Fake News bieten wir auch ein Webinar an https://sagwas.net/event/stimmt-das-fake-news-entlarven-2/



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