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DebatteBürgerliche Mitte: eine überholte Bezeichnung?

Von Ella Strübbe / 31. Juli 2023
picture alliance / imageBROKER | Wilfried Wirth

Bürgerlich und CDU. Mein Gehirn verknüpft beides, weil vor allem die CDU mit Überschriften wie „Politik für die bürgerliche Mitte, für Deutschland, für morgen” den Diskurs prägt. Aber wer oder was ist diese “Bürgerliche Mitte”? Und: Gibt es sie so überhaupt noch?

Mit “Bürgerlicher Mitte“ wird, dem Kölner Soziologen Klaus Janowitz zufolge, eine Schicht bezeichnet, die sich selbst auch als Mitte der Gesellschaft versteht: „Man entspricht den Standards.“ Der Anteil des Milieus an der Gesamtbevölkerung Deutschlands betrug vor der Pandemie 2019 noch 13 Prozent, macht 8,8 Millionen Menschen, die nach beruflicher und sozialer Etablierung strebten und sich gesicherte und harmonische Verhältnisse wünschten, so fasst es unter anderem Sozialpsychologe Berthold Bodo Flaig zusammen. Flaig soll Anfang 2008 gemäß einiger Pressestimmen die in Deutschland, ja vielleicht weltweit erste Milieustudie über Menschen mit Migrationshintergrund präsentiert haben.

Die bürgerliche Mitte wolle teilhaben an der modernen Welt, aber realistisch und bodenständig bleiben, nicht übertreiben und kein Risiko eingehen. „Typisch für die Angehörigen des Milieus ist ein konventioneller, modern-bürgerlicher Lebensstil”, schreiben Flaig und der Theologe Hanspeter Hempelmann in einer Stellungnahme angesichts statistischer Erhebungen. Zu der darin enthaltenen Konsumpriorität seien ein gut ausgestattetes, gemütliches Heim und ein gepflegtes Outfit zu zählen. Das Milieu bejahe grundsätzlich die gesellschaftliche Ordnung, leide aber zunehmend unter Verunsicherung, Überforderung und Abstiegsängsten.

Kurs statt Chaos

Über wen genau auf politischer Ebene die Rede ist, kommt nicht direkt zur Sprache. Die Union macht bekanntlich Politik für diese bürgerliche Mitte. Aber wie sieht die genau aus? „Entlastung der Mittelschicht, vor allem der Gering- und Normalverdiener“ (gegendert wird hier nicht), heißt es in parteispezifischen Positionspapieren. Dazu zählt das Bekenntnis zum Wohnen im Eigenheim – für höhere Lebensqualität und gesicherte Rente. CDU und CSU wollen nicht über Notfallpläne zum Abschalten sprechen, sondern dafür sorgen, dass der Strom weiterhin aus der Steckdose kommt. Klimaschutz soll nach konservativer Meinung geplant werden, aber nicht notwendigerweise an erster Stelle stehen.

Auch soll entschieden gegen Kriminalität und Gewalt vorgegangen werden: „Ganz gleich, ob es die verdeckte Gewalt zu Hause ist oder organisiertes Handeln von Clans und Banden.“ Dass rechte Gewalt seit Jahren Konjunktur hat, darüber schweigt man. Aus konservativen Kreisen heißt es immer wieder, man wolle Vertrauen in die Demokratie wiedergewinnen und stärken und gleichzeitig keine ideologische Moralpolitik machen, die den Menschen ihr Leben vorschreibe. CDU und CSU vermitteln, sie stünden für Kurs statt Chaos, für bürgernahe Realpolitik. Bei der Bundestagswahl 2021 holte die Union damit 24,1 Prozent der Wähler*innenstimmen. Überdurchschnittlicher Zuspruch kam aus der Gruppe der Ü60-jährigen Wähler*innen und – aus Bayern.

Das Ende der bürgerlichen Mitte, wie wir sie kennen?

Das SINUS-Institut für Markt- und Sozialforschung mit Sitz in Heidelberg und Berlin hat in den letzten vier Jahrzehnten den Wertewandel und die Lebenswelten der Menschen erforscht. Das daraus entstandene Modell der “Sinus-Milieus“ soll die neue Alltagswirklichkeit in unserer Gesellschaft abbilden. Einer Gesellschaft, die geprägt ist durch politische Umbrüche, Digitalisierung, populistische Bewegungen und klimatische Extremereignisse. Die bürgerliche Mitte als solche gibt es darin nicht mehr.

2019 existierte sie noch, 2021 zieht das SINUS-Institut eine etwas andere Bilanz: Das Ende der bürgerlichen Mitte, wie wir sie kannten, zerrieben zwischen den ständig in Bewegung verweilenden sozialen Milieus. „Der statusoptimistische Teil modernisiert sich und blickt nach oben. Der harmonieorientierte, größere Teil sieht seinen Lebensstil und seine Prinzipien gesellschaftlich entwertet, zieht sich verbittert zurück und grenzt sich verstärkt nach unten und nach oben ab“, so die Forscher*innen des Markt- und Sozialforschungsinstituts. Der gesellschaftliche Zusammenhalt nehme ab, da der Glaube an kontinuierliche Wohlstands- und Sicherheitsgewinne erodiere.

Ein neues gesellschaftliches Zentrum in den Startlöchern?

Mit anderen Worten: Die einstige, sogenannte bürgerliche Mitte ist frustriert und orientiert sich neu. Dieser Wegfall markiere, so Klaus Janowitz, einen Einschnitt. Neue Leitwerte wie Nachhaltigkeit, Resilienz und Diversität hätten sich etabliert, diese „kulturelle Öffnung der Lebensformen” würde aber nicht von allen Milieus angenommen werden. „Als Reaktion breiten sich in manchen Kreisen Ressentiments aus”, schreibt der Kölner Soziologe.

Es ergibt sich demzufolge ein Gegensatz zwischen den “Nostalgisch-Bürgerlichen“ einerseits und dem “Adaptiv-Pragmatischen“-Milieu andererseits. Letzteres stellt sich zunehmend ins Zentrum des gesellschaftlichen Mainstreams. Anpassungs- und Leistungsbereitschaft, aber auch der Wunsch nach Spaß und ein starkes Bedürfnis nach Verankerung und Zugehörigkeit machten, so das SINUS-Institut, die Adaptiv-Pragmatische Mitte aus. Aber auch sie sind, wie ihre bürgerlichen Vorgänger*innen, verunsichert aufgrund vielfältiger Entwicklungen. Die Treiber*innen der gesellschaftlichen Transformation? Das sind wissenschaftlich betrachtet eher die “Neo-Ökologischen“ mit ihrem Optimismus, ihrer Aufbruchsmentalität und ihrem Problembewusstsein für gesamtgesellschaftlichen Herausforderungen.



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