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contraDie Rückkehr zur Nüchternheit

Von Bettina Ehbauer / 30. Oktober 2015
Credits: mic_000/ flickr; Lizenz CC BY-SA 2.0

Wir werden von immer weniger charismatischen Politikern regiert. Offenbar ist das vom Volk so gewünscht. Schließlich wählen wir die leidenschaftslosen Pragmatiker.

Ein Blick über den großen Teich offenbart: Charisma hat in der politischen Sphäre der USA eine viel größere Bedeutung als hierzulande. Millionen stimmten nach Obamas Wahlsieg 2008 in sein Yes, we can“ ein, Popstars widmeten ihm Lieder, bei seinen Auftritten konnte man den Eindruck gewinnen, es predige ein neuer Messias. Auch im aktuellen Vorwahlkampf präsentieren sich viele US-Politiker als Kenner symbolischer Gesten und wortgewaltige Redner und hoffen, die Menschen auf diese Weise für sich mobilisieren zu können.

Ein ganz anderes Bild bietet sich dem Betrachter des deutschen Politikbetriebs. Steinmeier, Schäuble und Merkel führen derzeit die Liste der beliebtesten Politiker an, obwohl sie eines gemeinsam haben: Sie können auch mit viel Wohlwollen nicht als charismatisch gelten. Selbst politische Freunde der Kanzlerin würden ihr wohl kein besonderes rhetorisches Geschick, Temperament oder gar Esprit bescheinigen.

Der US-Journalist George Packer stellte 2014 im New Yorker erstaunt fest: „Angela Merkel, Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland und mächtigste Frau der Welt, gibt sich alle Mühe, nicht interessant zu sein.“ Sein Kanzlerinnenporträt trägt die bezeichnende Überschrift „The quiet German“.

Charisma ist aktuell in der deutschen Politik nicht nötig, um erfolgreich zu sein. Wir werden zunehmend von trockenen Funktionären und leidenschaftslosen Sachverwaltern regiert. Das gilt nicht nur auf Bundes-, sondern auch auf Landesebene. Olaf Scholz in Hamburg, Stephan Weil in Niedersachen, Volker Bouffier in Hessen und Erwin Sellering in Mecklenburg-Vorpommern sind nur einige Beispiele für nüchterne Pragmatiker, die derzeit die Geschicke der deutschen Länder lenken. Schillernde Persönlichkeiten sind in der Riege des politischen Führungspersonals der Bundesrepublik äußerst selten geworden. Den Deutschen scheint das Recht zu sein. Schließlich wählen sie diese Menschen.

Von Blendern und Verführern

Die potentielle Gefährlichkeit charismatischer Führer, das Volk durch leidenschaftliche Rhetorik wie ein Rattenfänger zu verführen, wie es damals Adolf Hitler tat, ist als Erklärung für den Anti-Charismatiker-Trend nicht ausreichend. Gewiss ist vielen Menschen in Deutschland politisches Machtgebaren und exzessive Rhetorik aufgrund der eigenen Geschichte eher suspekt und befremdlich als beispielsweise den US-Amerikanern.

Dennoch gab es auch nach dem Ende der NS-Diktatur deutsche Politiker, die durch ein Gespür für Symbolik und ihren mitreißenden Charakter Begeisterung im Volk weckten. Das beste Beispiel hierfür ist vermutlich Willy Brandt, der durch seine persönliche Anziehungskraft und seinen Sinn für Theatralität Emotionen im Volk zu entfachen wusste.

Die Enttäuschung über den tiefen Fall von Karl-Theodor zu Guttenberg, der sich zuvor durch adliges Auftreten und jugendliches Aussehen in ungeahnte Höhen stilisiert hatte, vermag schon eher die derzeitige Skepsis der Deutschen gegenüber charismatischen politischen Überfliegern zu erklären. Diese Enttäuschung gründet nicht nur auf der Hochstapelei zu Guttenbergs, sondern auch darauf, diesem Blender ohne substantielle politische Botschaft ins Netz gegangen zu sein.

Es ist deshalb nur allzu verständlich, dass die Wähler sich nun Politiker wünschen, die durch Fakten und Pragmatismus überzeugen, die Ruhe und Sachkompetenz ausstrahlen. Den meisten erscheint dies allemal besser als das Risiko, auf jemanden hereinzufallen, der durch geschickte Selbstinszenierung, Marketing der eigenen Person und ein übermäßiges Kommunikationstalent die eigenen fachlichen und moralischen Schwächen zu überspielen weiß.

Langeweile schafft Vertrauen

Gerade in den derzeitigen gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Umwälzungen und Krisen können wenig charismatische Politiker ihre Trümpfe beim Volk ausspielen. Im TV-Duell des Bundestagswahlkampfs 2013 machte Angela Merkel die rhetorische Überlegenheit ihres Kontrahenten Peer Steinbrück mit drei an den Wähler gerichteten Worten zunichte: „Sie kennen mich.“

Angesichts aktueller Probleme und Herausforderungen Stichwörter Finanzkrise, Flüchtingsströme oder Ukrainekonflikt bestimmt das Vertrauen der Menschen zu Politikern, die Nüchternheit und Unaufgeregtheit verkörpern, Wahlentscheidungen. Nicht umsonst trägt Angela Merkel beim Volk den Spitznamen „Mutti“.

Die Anwesenheit einer Mutter gibt Sicherheit, spendet Trost und beruhigt. Sie schafft es, die Menschen in ein Gefühl der Geborgenheit und des Umsorgtwerdens einzulullen. Bisweilen entfaltet sie eine fast narkotisierende Wirkung. Das Interesse an Politik geht immer mehr zurück, Wahlbeteiligungen sinken, der Rückzug ins Private erfolgt. Distanz zu den gesellschaftlichen Problemen und Bedrohungen ist willkommen. Die da oben haben alles unter Kontrolle. Man sorgt für uns. Uns kann nichts Schlimmes passieren. Mutti ist da. Das ist natürlich trügerisch.

Schon der Soziologe Max Weber, der den Begriff der charismatischen Herrschaft prägte, stellte fest: Charisma ist nicht nur eine persönliche Qualität, sie entsteht in Wechselwirkung mit der Situation und dem Gegenüber. Letztlich ist Charisma etwas, das jemandem durch andere zugeschrieben wird. Charismatische Herrscher kann es deshalb nur geben, wenn die politischen Botschaften auf Resonanz im Volk treffen, wenn die Menschen bereit sind, sich mitreißen und begeistern zu lassen. Und diese Begeisterung, diese Aufgeregtheit das wollen die Deutschen derzeit anscheinend nicht.

4 Antworten zu “Die Rückkehr zur Nüchternheit”

  1. Von ripanti am 3. November 2015

    Ob man heute – Ende 2015 – Frau Merkel noch immer mit „The quiet German“ beschreiben würde?

    1. Von Ceqfmal Qeauglkey am 28. Dezember 2015

      Was die amerikanischen Verhältnisse in der Politik betrifft, kann man gar nicht „loud and proud“ genug sein. Merkel nervt auch ohne laut zu werden, also auf die ruhige Tour.

      Charisma-Diskussionen finden wohl vor allem in den USA ihren Bezug auf die Herren der Schöpfung, sei es in der Welt der Politiker oder in der Welt der US-Konzernvorstände, wo natürlich Frauen auch noch nicht die Gleichstellung erfahren haben, wie das vielleicht innerhalb von SPD-Wahllisten der Fall ist. Es dürfte heutzutage auch innerhalb der SPD kaum die Frage nach dem Charisma einer Kandidatin gestellt werden. Denn wie würde eine solche Frage von Andrea Nahles bewertet werden? Die Frage nach den Charismatiker_Innen innerhalb der SPD sollte man genauso wie bei B90/DG operational und kompexitätsbedingt ganz einfach unter den Tisch fallen lassen.

  2. Von Miriam Godau am 5. November 2015

    “Teflon-Merkel”

  3. Von Ceqfmal Qeauglkey am 28. Dezember 2015

    Es gibt Politiker und Manager, die eher als machtbesoffen denn charismatisch erscheinen. Sie führen sich dann entsprechend auf und wirken auf naive Gemüter dennoch charismatisch. Da fällt einem spontan Donald Trump ein. Auch Mussolini war solchermaßen unterwegs.

    Dann gibt es aber auch Generalsekretäre und sonstige Parteichargen von gewissen Bundestagsparteien, die speziell im Wahlkampf am liebsten zum Doktor gegangen wären , um sich eine Charisma-Droge verschreiben zu lassen. Wenn es denn eine solche gäbe, würde sie etwa bei dem schon jetzt auf erneuten Wahlkampmodus geschalteten Ralf Stegner (SPD-Vorstand) ebensowenig bewirken wie eine Adrenalinspritze. Manchmal ist charismatisch einfach nichts zu wollen. 😉

    Es wird zuweilen kolportiert, daß man sich seit Willy Brandt schon sehr lange in der SPD-Basis nach einem Charismatiker sehnt. Aber selbst der Ex-Kanzler Schröder gab den nicht her. Über den SPD-Fraktionsvorsitzenden Oppermann heißt es, daß ihm bei all seinem nach außen gerichteten Aktionismus jegliches Format abginge. Damit kann von Charisma erst recht nicht die Rede sein.

    Woran mag das charismatische Entwicklungsdefizit so vieler SPD-Chargen liegen? Kann es daran liegen, daß sie mit 16 Jahren zu früh der SPD beigetreten sind und die sodann innerhalb der Partei und womöglich auch innerhalb der Gewerkschaft absolvierte Ochsentour die Herausbildung von Charisma bei einer solchermaßen konditionierten Persönlichkeitsentwicklung erst gar nicht zuließ?

    Wie war das aber seinerzeit mit dem Freiherrn zu Gutenberg von der CSU. Da gab es doch ein unglaubliches mediales Geriß um diesen Herrn, weil sich der Verlagsadel endlich mal einen blaublütigen Schloßherrn als häufig zu publizierenden Charismatiker auserkoren hatte? Wo war dessen charismatisches Erscheinungsbild im Anschluß an die Aufdeckung seiner doktoralen Plagiate abgeblieben? Wurde der nicht vor allem aus charismatischen Gründen als Kanzlerkandidat, somit als Nachfolger für „Mutti Merkel“ gehandelt? Das wirft eine weitere Frage zu dem hier behandelten Thema auf: Kann sich Charisma einfach mal so auf die Schnelle verdampfen?

    Ceqfmal Qeauglkey (DD)

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