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debatteCharisma: alles nur Show?

Von Jacqueline Möller / 30. Oktober 2015
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Wir wollen es greifen, messen, erlernen, doch die wenigsten Menschen werden dies je können. Die Rede ist von Charisma, einer Ausstrahlung, die Massen bewegen und politische Revolutionen hervorrufen kann.

Die Türen zum politischen Parkett sind offener denn je. Doch schaffen es nur wenige Politiker, nicht nur der ständigen personellen Fluktuation zu trotzen, sondern ganze Generationen zu prägen, Massen mitzureißen, Epochen für sich zu vereinnahmen. Zu ihnen gehören zweifelsohne Politiker wie Helmut Schmidt, Gerhard Schröder und Willy Brandt. Ihr offenes Geheimnis: Sie besitzen Charisma.

Der charismatische Herrscher

Dirk Kaesler (Foto: Hermann Bredehorst)
Dirk Kaesler (Foto: Hermann Bredehorst)

Dirk Kaesler, ehemaliger Professor für Soziologie an der Universität Marburg, erklärt das Phänomen Charisma wie folgt: „Mit dem Begriff Charisma, der sich aus dem griechischen Wort für Gnadengabe herleitet und den Max Weber unter Rückgriff auf den Kirchenrechtler Rudolph Sohm in die Soziologie eingeführt hat, wird eine außeralltägliche Eigenschaft bezeichnet, die einer Person durch andere zugeschrieben wird und als Legitimationsgrundlage eines spezifischen Herrschaftsverhältnisses dient, der Charismatischen Herrschaft.“ Dementsprechend kommt es beim Charisma weniger auf die tatsächlichen Fähigkeiten einer Person an als vielmehr auf jene Eigenschaften, welche andere der Person zuschreiben.

Die Sehnsucht nach einem „Erlöser“

Julia Encke, Kulturjournalistin und Autorin des Buches „Charisma und Politik“ greift Max Webers Ansicht auf und macht deutlich: Charismatische Politiker treten größtenteils in historischen Krisensituationen ins Rampenlicht. Für das Aufstreben eines charismatischen Machthabers ist die Grundstimmung des Volks ebenso entscheidend wie dessen Sehnsüchte nach einem „Erlöser“ in Zeiten von Unruhe.

So erklärt sich etwa das Phänomen des ehemaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt. Der ursprünglich unscheinbare Volkswirt wurde 1962 zur charismatischen Führungsperson erklärt. Der Grund: Während am 16. und 17. Februar 1962 eine Sturmflut die deutsche Nordseeküste heimsuchte, welche insbesondere Hamburg schwer in Mitleidenschaft zog, ergriff der damalige Innensenator Schmidt die Leitung des Krisenstabs. Er mobilisierte entgegen den Regeln der Verfassung die deutsche Bundeswehr, um Hilfe zu leisten, und wurde zum „Retter in der Not“.

Alles eine Frage der Inszenierung?

Jürg Häusermann (Foto: privat)
Jürg Häusermann (Foto: privat)

Ist Charisma in der Öffentlichkeit lediglich eine Inszenierung? Der Meinung ist zumindest Jürg Häusermann, Professor für Medienwissenschaften an der Universität Tübingen. „Das Charisma öffentlicher Personen ist nur ein Phänomen der Inszenierung durch Personal, Branding, medienrhetorische Kompetenz und bewusste oder unbewusste Unterstützung der Medien“, so Häusermann.

Das meint auch der US-Psychologe Ronald E. Riggio. Ob Politiker als charismatisch wahrgenommen werden oder nicht, sei besonders von ihrer Rhetorik abhängig, so Riggio. So fand er heraus, dass charismatische Politiker wie etwa US-Präsident Barack Obama oder auch Franklin D. Roosevelt in ihren Reden doppelt so viele Metaphern verwenden wie andere, als nicht-charismatisch wahrgenommene Politiker. Damit machten sie sich die Macht des Wortes zu eigen, um ihre Zuhörer in den Bann zu ziehen.

Laut Häusermann muss jedoch unterschieden werden, ob jemand als öffentliche Person charismatisch ist oder in der persönlichen Begegnung. „Politiker wirken oft charismatisch, weil sie im Medienauftritt, oft auch auf der Rednerbühne, überzeugend wirken, und weil ihnen in Berichten über sie Authentizität zugeschrieben wird. In der persönlichen Begegnung gelten hingegen andere Spielregeln“, so Häusermann. Es gebe Menschen, die ihr ganzes persönliches Charisma bei öffentlichen Auftritten verlören, sowie angebliche Charismatiker, die in persönlichen Begegnungen untergingen.

Politisches Erfolgsrezept „Charisma“

Ob von einer politischen Geheimwaffe „Charisma“ gesprochen werden kann, ist fraglich. Fest steht, dass eine charismatische Ausstrahlung durch mediale Unterstützung inszeniert werden kann. Trotzdem muss Charisma der Bewährungsprobe des politischen Alltags trotzen. Diese hat schon so manchen jungen, ambitionierten und charismatischen Politiker zu Fall gebracht – beispielsweise Karl-Theodor zu Guttenberg.

Das Geheimrezept scheint vielmehr in der Mitte zu liegen: Es braucht eine Mischung aus echtem Können und einer geschickten Inszenierung, die medial unterstützt wird.

Doch eines darf nicht vergessen werden: Auch Diktatoren wie beispielsweise Mao Zedong, dessen Herrschaft von Gewalt, Unrecht und Terror geprägt war, wurde Charisma zugeschrieben. Daher ist es teilweise sicherlich besser, wenn nüchterne Macher statt charismatische Blender politische Führungspositionen übernehmen.

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