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debatteDeutschland verpflichtet?

Von Madlen Schäfer / 3. Februar 2017
Credits: Pixabay/ christels; Lizenz CC0

Viele Jahrzehnte lang schränkte sie die Freiheit deutscher Männer für einige Monate ein: die allgemeine Wehrpflicht. Seit 2011 ist der Dienst freiwillig – das stellt die Bundeswehr vor Nachwuchsprobleme.

Jerome Demelius steht vor dem Spiegel, posiert mit seiner Kleidung und filmt sich dabei für Youtube. „Mein OOTD bekommt ihr heute – Mein Outfit of the day, hier Camouflage-Parker gesponsert vom Staat”, scherzt er. Demelius ist Rekrut, ein Soldat in der Grundausbildung der Bundeswehr. Mit der Youtube-Serie „Die Rekruten“ wirbt die Bundeswehr um freiwillige Wehrdienstleistende.

Seit der allgemeine Wehrdienst 2011 ausgesetzt wurde, fehlt es der Bundeswehr an Personal. 20.000 Soldaten scheiden jedes Jahr aus der Armee aus. Sie werden kaum ersetzt: Lediglich 10.000 Jugendliche dienten im vergangenen Jahr freiwillig, etwa ein Viertel brach den Dienst wieder ab.

Die Basis der Verteidigung

Die Wehrpflicht hat eine lange Tradition: 1871 wurde sie zum Teil der Verfassung des Kaiserreichs. Eingezogen werden konnten deutsche Männer ab dem 20. Lebensjahr, wenn sie körperlich, moralisch und geistig wehrtauglich waren. Die Wehrpflichtigen dienten bis zu sieben Jahre lang, erst als Soldat, anschließend in der Landwehr zur Sicherung der Grenzen oder als Reservisten.

„Im Kaiserreich wurden unter 50 Prozent eines Jahrgangs eingezogen, in Frankreich waren es bis zu 90 Prozent. Dies änderte sich im Ersten Weltkrieg dramatisch“, erklärt Harald Potempa vom Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr in Potsdam. In Folge des Ersten Weltkrieges schaffte der Versailler Vertrag die Wehrpflicht wieder ab. Adolf Hitler führte sie 1935 wieder ein. Dienstverweigerung bedeutete im Dritten Reich meist den Tod.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es zunächst keine deutsche Armee. Erst als Deutschland 1955 der NATO beitrat, wurde die Bundeswehr aufgebaut und ein Jahr später der allgemeine Wehrdienst eingeführt. Seitdem heißt es in Artikel 12a des Grundgesetzes: „Männer können vom vollendeten achtzehnten Lebensjahr an zum Dienst in den Streitkräften, im Bundesgrenzschutz oder in einem Zivilschutzverband verpflichtet werden.“ Doch nicht alle Männer wurden rekrutiert. Ausgemustert wurden vor allem Männer, die unter schweren physischen und psychischen Krankheiten wie Asthma oder Depressionen litten oder Drogen konsumierten.

Laut Artikel 4 des Grundgesetzes konnten Wehrpflichtige den Dienst auch verweigern. Trotzdem führte das Wehrpflichtgesetz zu einer heftigen innenpolitischen Debatte. SPD und FDP forderten eine reine Berufsarmee. Im gesamten Land protestierten Tausende: Die Grausamkeiten des Zweiten Weltkrieges waren für viele noch präsent.

Wer verweigert, wird Zivi

Wer die Pflicht verweigerte, leistete im Gegenzug einen Wehrersatzdienst – den Zivildienst. Ungefähr 90.000 Männer arbeiteten jährlich ersatzweise in Krankenhäusern, Seniorenheimen und Kindergärten.

Die Dauer des Grundwehrdienstes veränderte sich im Laufe der Jahre immer wieder. Bis 1961 dauerte er zwölf Monate. Dann erhöhte er sich aufgrund der Spannungen zur DDR anlässlich des Mauerbaus auf 18 Monate. Von 1957 bis 1989 leisteten insgesamt knapp sechs Millionen Männer den Wehrdienst ab, welcher unter anderem eine Schießausbildung beinhaltete.

Die DDR führte die allgemeine Wehrpflicht über 18 Monate Dienst in der Nationalen Volksarmee mit dem Bau der Berliner Mauer ein. Eine Kriegsdienstverweigerung war nicht möglich. Allerdings konnten die Rekrutierten Bausoldaten werden, also einen Dienst ohne Waffe wählen.

Nach der Wende folgte das Eindampfen der Armee: „Da es zunächst zwei Heere gab, hatte die Bundesrepublik Deutschland die stärkste Armee des gesamten Kontinents und musste ihre Rüstung abbauen“, sagt Historiker Potempa. Rekruten dienten ab 1990 zwölf Monate, von 1996 bis 2001 zehn Monate. 2010 betrug die Dauer des Wehrdienstes sogar nur sechs Monate.

Keine Pflicht für Frauen

Frauen waren lange explizit vom Wehrdienst aktiv ausgeschlossen. Im Gesetz hieß es: „Frauen dürfen auf keinen Fall Dienst an der Waffe leisten.“ So ein Verbot gab es in den deutschen Nachbarländern nicht. Die Frauenrechtlerin Alice Schwarzer forderte 1978 als eine der ersten eine Öffnung der Bundeswehr für Frauen und erntete dafür viel Kritik.

Erst seit 2001 können Frauen eine militärische Laufbahn einschlagen. Auslöser für diese Änderung war ein Urteil des Europäischen Gerichtshofes nach der Klage der Elektronikerin Tanja Kreil, die sich 1996 bei der Bundeswehr beworben hatte. Inzwischen gehören insgesamt gut 20.000 Soldatinnen zu den Streitkräften. Im letzten Jahr des allgemeinen Wehrdienstes, der für Frauen immer freiwillig war, meldeten sich 207 Frauen zur Armee.

Seit 2011 ist die Wehrpflicht ausgesetzt. Im Spannungs- oder Verteidigungsfall könnte sie wieder eingeführt werden. Wer will, kann einen freiwilligen Wehrdienst für bis zu 23 Monate absolvieren. Nicht nur in Deutschland ist die Wehrpflicht ein Auslaufmodell: In den Niederlanden existiert bereits seit 1996 nur noch eine Berufsarmee. Frankreich und Spanien zogen 2002 nach.

 

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Pro | Im Dienste des Landes

Contra | Ineffizient und demotivierend

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