Twitter Icon Facebook Icon

contraIch, die Deutsche

Von Semra Kizilkaya / 1. Januar 2016
Credits: Gustave Deghilage/ flickr; Lizenz CC BY-NC-ND 2.0

Jede fünfte Person in Deutschland hat einen Migrationshintergrund. Längst sind wir eine ethnisch-kulturell und religiös diverse Gesellschaft geworden. Obwohl ein Bekenntnis zu dieser Vielfalt lange auf sich warten lassen hat, ist nun das Selbstverständliche angekommen: Deutschland ist ein Einwanderungsland.

In den vergangenen zwanzig Jahren hat ein Umdenken stattgefunden, das Menschen mit aktiver und passiver Einwanderungsgeschichte als Teil unserer Gemeinschaft akzeptiert. Wurde in den 1990er Jahren noch argumentiert, Deutschland sei ein Rotationsland, sah man zehn Jahre später ein, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist – wenn angeblich auch kein „klassisches“.

Sah sich Christian Wulff 2010 für einen mutigen Satz noch heftiger Kritik ausgesetzt (den übrigens Wolfgang Schäuble schon vier Jahre zuvor bei der Islamkonferenz gesagt hatte), hat nun endlich auch die Bundeskanzlerin ausgesprochen, was zuvor zu parteipolitischen Kontroversen geführt hatte: Der Islam gehört zu Deutschland und Deutschland ist ein Einwanderungsland.

Umfragen belegen, dass mehr als zwei Drittel der befragten Deutschen der Einwanderungsland-Aussage zustimmen. Gewiss haben die Globalisierung, die Personenfreizügigkeit innerhalb der Europäischen Union, die Digitalisierung und Soziale Medien zu einem differenzierten Verständnis von der Mobilität des Einzelnen beigetragen. Außerdem haben wir erkannt, dass unsere Bevölkerung aufgrund des demographischen Wandels auf Fachkräfte von außen angewiesen ist: Einwanderung ist damit nicht nur erwünscht, sondern auch nötig.

Etablierung von Diversität als Norm

Mit dem Bekenntnis zum Einwanderungsland wird die deutsche Leitkultur allmählich durch Diversität und die Wertegemeinschaft ersetzt. Dementsprechend sieht die Integrationspolitik, die es lange Zeit schlicht nicht gegeben hat, Integration als einen beidseitigen Prozess, in den die Mehrheitsgesellschaft eingebunden ist.

Menschen ganz gleich ob mit oder ohne Migrationshintergrund lernen in einem pluralistisch-demokratischen Umfeld, Freiräume zu schaffen und miteinander zu leben. Vor allem angesichts der Eingliederung von geflüchteten Menschen ist Deutschland sich gegenwärtig mehr denn je im Klaren darüber, dass Begegnung und Austausch das Fundament von Toleranz bilden und langfristig gesellschaftliche Stabilität bewirken.

Der interreligiöse und interkulturelle Dialog wird sowohl durch die Zivilgesellschaft (bottom-up), als auch von Seiten der Politik (top-down) betrieben. Im Grunde genommen haben gegenteilige Meinungen und fremdenfeindliche Zeichen in der jüngeren Vergangenheit auch zu einer positiven vielfältigen Identität unseres Landes beigetragen. Als Reaktion auf Sarrazins Deutschland schafft sich ab ist unter anderem das Dialogforum Junge Islam Konferenz entstanden. Phänomene wie Pegida werden mit einer klaren Positionierung, enormem bürgerschaftlichen Engagement sowie dem Willkommenheißen von geflüchteten Menschen beantwortet.

Politische Zeichen

Nachdem einige Politiker eingeräumt haben, die Integration lange Zeit verschlafen zu haben, hat Deutschland sich nun mit seiner Position als Einwanderungsland arrangiert.

Ein Beispiel dafür ist die Charta der Vielfalt, die Vielfalt in Unternehmen und Institutionen fördert und bereits mehr als 2.000 Unterzeichner aufweist. Eine Institution, die ebenfalls unterzeichnet hat, ist das Auswärtige Amt, das im vergangenen Jahr eine Grundsatzdiskussion über die deutsche Außenpolitik angestoßen hat. Der ehemalige Außenminister Frank-Walter Steinmeier bezog Stellung, indem er deklarierte, man wolle ein Spiegel der deutschen Gesellschaft sein, sich stärker für Bewerber mit Einwanderungsgeschichte öffnen und die Diversität, die im Land herrscht, weltweit repräsentieren.

Ein anderes Beispiel ist die sichtbare Ansprache von bestimmten, bis dato unterrepräsentierten Zielgruppen in Stellenanzeigen. Auch hier ist vermehrt zu beobachten, dass unter anderem Frauen und Menschen mit Migrationshintergrund in Jobangeboten von Hochschulen, Unternehmen und öffentlichen Institutionen explizit angesprochen und zur Bewerbung aufgefordert werden.

Daneben vereinbart die Aufhebung der Optionspflicht, die den in Deutschland geborenen Kindern ausländischer Eltern vorschrieb, sich im Alter von 21 Jahren entweder für die deutsche oder ausländische Staatsangehörigkeit zu entscheiden, endlich die Realität von Mehrfachzugehörigkeit und hybriden Identitäten im Einwanderungsland: Seit Ende 2014 sind zwei Staatsangehörigkeiten nebeneinander zugelassen. Wer Wurzeln zweier Kulturen in sich trägt, darf also auch dementsprechend leben.

Außerdem sind mehrere deutsche Kommunen Vorreiter in der Gestaltung von Diversitätspolitik, wie die Hauptstadt unter dem Titel des EU-geförderten Projekts „Berlin – Stadt der Vielfalt“, die Stuttgarter Diversity-Orientierung im „Bündnis für Integration“, oder der Mannheimer „Aktionsplan für Demokratie und Toleranz“ zeigen.

Bei all den guten Nachrichten: Natürlich gibt es immer noch Schwierigkeiten, vor allem was die Akzeptanz von Menschen mit muslimischem Glauben betrifft. Der NSU-Prozess, die AfD, Pegida und Brände von Flüchtlingsunterkünften sind ernstzunehmende Herausforderungen, die es sowohl an den Wurzeln, den Grassroots, als auch auf politischer Ebene zu meistern gilt.

Deutschland ist auf dem richtigen Weg, und es ist nur natürlich, dass ein Umdenken seine Zeit braucht, bis es gesamtgesellschaftliche Stabilität erreicht hat. Der Wandel zu Einheit in Vielfalt ist unbestreitbar im Gange, was sich auch in der Sprache niederschlägt, die unser Denken reflektiert.

Zu Schulzeiten noch eingedeutschte Türkin, kann ich heute als erkennbar muslimische Frau selbstbewusst von mir behaupten, eine neue Deutsche, türkeistämmige Deutsche oder Deutsche mit Migrationshintergrund zu sein. Natürlich ist das Ideal erst erreicht, wenn nicht mehr die Notwendigkeit besteht, überhaupt differenzieren zu müssen.

 

Lies weiter bei…

Debatte | Einig Einwanderungsland, Deutschland?

Pro | Wir müssen uns alle integrieren

2 Antworten zu “Ich, die Deutsche”

  1. Von Ceqfmal Qeauglkey am 4. Januar 2016

    >>>
    ,,,das Menschen mit aktiver und passiver Einwanderungsgeschichte als Teil unserer Gemeinschaft akzeptiert.
    >>>
    Es wäre sinnvoll, wenn Du an dieser Stelle klar machen würdest, was damit gemeint ist. An sich ist diese Differenzierung nämlich unlogisch.

    >>>
    UMFRAGEN belegen, dass mehr als zwei Drittel der befragten Deutschen der Einwanderungsland-Aussage zustimmen.
    >>>
    Mit den Umfragen ist es so eine Sache. Wenn man Dich am Telefon befrägt, wirst Du vielleicht darauf antworten. Aber nicht gerade wenige, werden auflegen. Von denen ist also schon mal rein gar nichts zu erfahren. Andere werden dem Interviewer bescheiden, daß sich sein Auftraggeber zum Teufel scheren möge.

    >>>
    Außerdem haben wir erkannt, dass unsere Bevölkerung aufgrund des
    demographischen Wandels auf Fachkräfte von außen angewiesen ist:
    Einwanderung ist damit nicht nur erwünscht, sondern auch nötig.
    >>>
    Du hast gut aufgemerkt.

    >>>
    Mit dem Bekenntnis zum Einwanderungsland wird die deutsche Leitkultur
    allmählich durch Diversität und die Wertegemeinschaft ersetzt.
    >>>
    Gibt es da inzwischen eine Instanz, die einem abverlangt, daß man ein solches Bekenntnis ablegt? – Ist es schon so weit? Wo muß man sich denn da hinbegeben? Und was passiert denjenigen, die sich nicht dazu bekennen? Muß man da im Bekenntnisverweigerungsfall demnächst ein Zwangsgeld an die Wertegemeinschaft entrichten? Oder wird man dort nach einem abgestuften Verfahren erst einmal nur vorgeladen?

    >>>
    Als Reaktion auf Sarrazins Deutschland schafft sich ab ist unter anderem das Dialogforum Junge Islam Konferenz
    entstanden. Phänomene wie Pegida werden mit einer klaren
    Positionierung, enormem bürgerschaftlichen Engagement sowie dem
    Willkommenheißen von geflüchteten Menschen beantwortet.
    >>>

    Also jetzt mal ehrlich: Dieser Sermon erinnert an die Diktion von Radio Tirana während seiner kommunistischen Hochzeiten. – Gemeint ist nicht die Vermählung zwischen Braut und Bräutigam. Übrigens: Antworten kann man i. a. nur auf gestellte Fragen, nicht auf Phänomene. Phänomene können allerdings Fragen aufwerfen.

    >>>
    Der ehemalige Außenminister Frank-Walter Steinmeier bezog Stellung, indem er deklarierte, man wolle ein Spiegel der deutschen Gesellschaft sein,
    >>>
    In einem solchen Spiegel wird sich dann natürlich auch Steinmeiers Palaver reflektieren, Oberflächlich wie er nun mal ist!

    >>>
    Natürlich ist das Ideal erst erreicht, wenn nicht mehr die Notwendigkeit besteht, überhaupt differenzieren zu müssen.
    >>>
    Danach dürfte sich die SPD bereits im Idealszustand befinden. Und Steinmeier palaverbedingt sowieso!

  2. Von Franz am 24. Mai 2016

    „Der Islam gehört zu Deutschland“. (Sinnvoll?)

    Der Satz ist ähnlich mit „Das Tätowieren gehört zu Deutschland“.
    Denn: historisch gehört der Islam so wenig zu Deutschland wie das Tätowieren.
    Deutschland ist ein freies Land (Frei für Deutsche, und nicht „frei“ im Sinne… Frei für Illegale Einwanderung).

    Der in Deutschland rechtens lebende Bürger, geniesst Freiheit. Dies beinhält auch die Freiheit des Deutschen Bürgers „sich zu Tätowieren“, oder „dem Islam beizutreten“.
    Aber zu behaupten, dass „der Islam zu Deutschland gehöre“, ist einfach ein Satz der nicht die richtige Balance hat.
    Was stark zu Deutschland gehört ist (unter anderem!) die Christliche Tradition und nicht der Islam.

    Ich schäme mich für Deutschland, wenn es den Bürgern in einer unverhältnismäßigen Weise verbreitet, dass der Islam zu Deutschland gehöre.
    Nein, in der Weise… gehört er nicht zu Deutschland. Statt dessen ist es die Freiheit (der Bürger), die zu Deutschland gehört. Das ist das höhere Gut.
    Es ist Blödheit, oder Unverantwortlichkeit, oder geziehlte Manipulation… wenn in einem selektiven Wahn von political correctness…. nebensächliche Tatsachen hervorgehoben werden; und den Bürgern untergerieben werden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Ähnlicher Artikel

Zufalls Artikel

Meist Kommentierter Artikel

#2017plus

Nicht erst, wenn es zu spät ist

Wer sich weiterbilden will, der könnte schon bald Geld dafür bekommen – eine neue FES-Studie zeigt, wie aus der Arbeitslosen- eine Arbeitsversicherung werden könnte. Eine …
Von Alex Wolf / 5. Mai 2017