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contraEgoismus zum System erhoben

Von Andrea Lindner / 17. Mai 2016
Credits: Michael Dr Gumtau/ flickr: Zanzibar 1990 Kleidermarkt; Lizenz CC BY-NC-SA 2.0

Haben, haben, haben: Das ist überholt. Das Streben nach Profit ist bestenfalls egoistisch. Statt dem Kapitalismus zu frönen, sollten wir viel mehr teilen und schenken.

Wir müssen oft egoistisch sein. Wenn wir in der Schule abschreiben lassen, sind auch wir dran. Wenn wir jedem mit weniger Produkten an der Supermarktkasse den Vortritt geben, stehen wir morgen noch da. Wenn wir schlechter als andere sind, bekommen wir den Job nicht.

Angebot und Nachfrage stimmen in den seltensten Fällen überein – oft ist nicht genug für alle da. Der Kapitalismus als Marktwirtschaftsordnung ist überholt. Bereits Ludwig Erhard suchte einen Weg zwischen der Unfreiheit des Sozialismus und der Ungleichheit des Kapitalismus. Kapitalismus bedeutet Ungleichheit, denn wenn es in einer Gesellschaft nur um Geld und Besitz geht, gibt es immer die Einen, die viel besitzen, und die Anderen, die weniger besitzen. Wir können alles immer nur im Vergleich erfassen. Wenn es Arme gibt, muss es eben auch Reiche geben.

Das Problem am Kapitalismus ist, dass nicht jeder so viel hat, wie er braucht, sondern so viel, wie er sich von seinem Geld kaufen kann. Hast du kein Geld, hast du auch keinen Besitz – und bist nichts wert. Im Kapitalismus streben erst einmal alle nach Geld, Gewinn und damit Macht. Ob sie das überhaupt brauchen, fragen sie sich nicht. So haben die Einen zu viel und die Anderen zu wenig.

Dabei gibt es Bereiche, in denen wir einfach nur das teilen müssten, was da ist – ganz ohne Geld, Tauschgeschäft, Gewinn und Neid.

Klamotten im Überschuss

Zum Beispiel bei Kleidungsfragen: Weltweit werden so viele Klamotten billig produziert, dass wir in Deutschland ungefähr eine Million Tonnen Kleidung pro Jahr wegwerfen. Das sind 15 Kilogramm pro Person! Muss das sein? Warum nicht einfach die Klamotten, die nicht mehr passen oder gefallen, aussortieren und verschenken? Warum nicht einfach etwas teilen, ohne finanziell zu gewinnen?

Ich gehe oft zu einem Kleidertausch, wenn ich etwas Spezielles brauche oder wenn ich gewisse Kleidungsstücke nicht mehr mag. Dann bringe ich einige meiner ausgedienten Klamotten zum Kleidertausch und nehme ein paar neue Teile mit. In ein paar Monaten kann ich dann, wenn ich möchte, genau diese Teile wieder umtauschen. Warum überhaupt noch Klamotten kaufen? Seitdem ich so mit meiner Kleidung verfahre, spare ich nicht nur verdammt viel Geld, ich habe auch einen sehr abwechslungsreichen Kleiderschrank. Jeden Monat kommen und gehen die Klamotten. Und das Beste: Mit den Klamotten, die ich abgebe, kann ich anderen eine Freude machen.

Dabei denke ich bestimmt nicht, dass ich genauso viel mitnehmen muss, wie ich hinbringe. Ich denke nicht darüber nach, wieviel ein Shirt vielleicht mal gekostet hat. Manchmal ist es mehr, manchmal weniger. Jeder nimmt eben so viel, wie er braucht. Das funktioniert perfekt.

Lebensmittel retten

Auch beim Essen muss man nicht immer nur kaufen, kaufen, kaufen. In Deutschland werden laut einer WWF-Studie 313 Kilogramm Lebensmittel weggeworfen – pro Sekunde. Zum Glück gibt es die Plattform foodsharing.de, auf der – ganz ohne Geld – Lebensmittel geteilt werden. Das funktioniert so: Eine Straße weiter hat Hannah einen Eimer Äpfel von ihrem Baum geerntet. Die kann sie nicht alleine essen, also stellt sie sie auf foodsharing ein. Jeder, der möchte, kann sich dann bei Hannah Äpfel abholen. Wie viele auch immer. Habe ich zu viel, gebe ich etwas ab. Brauche ich etwas, bekomme ich etwas. Ganz ohne Abrechnung.

Ich könnte noch viele andere Beispiele aufzählen, bei denen Kapitalismus keine Rolle spielt: Couchsurfing, Trampen, die Liste ist lang. Wir leben zwar in einer kapitalistischen Welt, aber viele geben auch gerne, ohne dafür im Gegenzug etwas zu bekommen.

Es ist eine Traumvorstellung, dass unsere ganze Gesellschaft so funktionieren könnte. Aber im Kleinen kann jeder damit anfangen. Egal ob in der WG, unter Freunden oder auf Plattformen im Internet.

Leben ohne Geld

Ein Leben ohne Geld ist zwar möglich, aber schwierig. In Berlin hat Raphael Fellmer fünf Jahre lang ohne Geld gelebt. Er durfte bei einer Familie kostenlos wohnen und ernährte sich durch Containern und foodsharing, das von ihm ins Leben gerufen wurde. Fellmer will zukünftig auch Räumlichkeiten und Dienstleistungen per Online-Plattform teilen.

Jeder sollte sich einmal Gedanken machen, wie viel er wirklich braucht und ob er von seinem Überschuss etwas abgeben kann. Wir alle sollten einmal versuchen, in unserer Welt, die vom Kapitalismus beherrscht wird, dem Egoismus zu entfliehen. Ein Leben mit weniger Geld ist auf jeden Fall möglich und noch dazu angenehm: Ich spare nicht nur Geld beim foodsharing, Kleidertausch und Couchsurfing– ich mache auch andere Menschen glücklich und werde selbst beschenkt.

 

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Debatte | Kapitalismus in Deutschland: Rücksicht auf Verluste

Pro | Das kapitalistische System überzeugt

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