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debatteKapitalismus in Deutschland: Rücksicht auf Verluste

Von Jule Zentek / 17. Mai 2016
Credits: Tanja Djordjevic/ flickr: ill Kapitalismus; Lizenz CC BY-NC-ND 2.0

Der Kapitalismus ist ein wichtiger Bestandteil der deutschen gesellschaftlichen Ordnung. In der Sozialen Marktwirtschaft findet das Streben nach Gewinn auch eine soziale Komponente.

Die Gesellschaft in Deutschland beruht auf kapitalistischen Grundsätzen, die das Privateigentum schützen. Der Kapitalismus ist eine Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, die auf den Marktmechanismus vertraut. Kapitalismusfans setzen Kapitalismus und Marktwirtschaft de facto gleich. Kritiker sehen im Kapitalismus ein Profitdenken, das Produktionsmittel optimal einsetzen will, ohne auf Nachhaltigkeit, ethische Fragen und eventuelle soziale Probleme Rücksicht zu nehmen.

Der Marktmechanismus geht davon aus, dass das wirtschaftliche Treiben eines Landes durch die Märkte selbst bestimmt wird. Angebot und Nachfrage entsprechen sich idealerweise. Menschen können ihre Arbeitskraft auf dem Markt anbieten. Wie dieses Angebot an Arbeit genutzt wird, entscheiden die Unternehmen, welche diese Arbeitskraft für die Produktion nachfragen. Steigt die Nachfrage nach einem bestimmten Produkt oder einer bestimmten Dienstleistung, wird die Produktion erhöht – und andersherum.

Kapitalismus bestimmt die Gesellschaft

Im Gegenzug für seine Arbeit erhält der Mensch Lohn. Das Ziel des Kapitalismus ist der Gewinn. Dieses Streben nach Gewinn bestimmt die Gesellschaft. Arbeit ermöglicht laut der kapitalistischen Ideologie ein erfülltes Leben.

Die ersten Entwicklungen zum Kapitalismus begannen bereits im Mittelalter. Doch erst das 15. Jahrhundert gilt als Epoche des neuen Wirtschaftssystems, die heute als Frühkapitalismus bezeichnet wird. Die Hochphase folgte im 19. Jahrhundert, als der Fokus im Leben der Menschen auf die Arbeit fiel. Es entstanden viele politische und soziale Gegenbewegungen.

Zu jener gegnerischen Seite bekannte sich auch der deutsche Sozialökonom und Gesellschaftstheoretiker Karl Marx. Er bezeichnete die Kapitalisten als „herrschende Klasse“ in der Gesellschaft. Sie besäßen viel und zielten zugleich auf weitere Kapitalanhäufung ab, ohne dabei Rücksicht auf die Arbeiter zu nehmen. „Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaften ist die Geschichte von Klassenkämpfen“, schrieb Marx 1848 im „Manifest der Kommunistischen Partei“.

Antrieb und Druckmittel

Mit der Gefahr der Ausbeutung von wirtschaftlich und sozial Schlechtergestellten hatte nicht nur die Gesellschaft des 19. Jahrhunderts zu kämpfen. Bis heute hält das Streben nach dem größten Eigennutz und der Steigerung des Eigenkapitals an. Schon in der Schule wird der Fokus auf gute Noten gelegt und im Studium muss eine vorgegebene Anzahl an Credit Points erreicht werden. Folgt dann der Einstieg in den Job, will der Mensch für einen möglichst hohen Lohn arbeiten.

Die Folge von Kapitalismus für den Einzelnen ist Leistungsdruck am Arbeitsplatz und in der Freizeit. Das schickere Auto, die größere Wohnung und der Urlaub im Luxushotel auf den Malediven – auch der Hang zum Statussymbol macht den Kapitalismus aus. Er sorgt für Druck in allen Gesellschaftsschichten und macht bereit zum Kampf gegen die Konkurrenz.

Aber der Kapitalismus hat auch gute Seiten. Er treibt Menschen an. Ob im Büro oder in der Fabrik, jeder will gute Arbeit leisten, um dafür entlohnt zu werden. Wie ein kapitalistischer Kampf auf dem Markt aussieht, zeigen die Unternehmen Apple und Samsung seit Jahren. Sie konkurrieren um die neuesten Produkte und treiben Technik und Forschung voran. Jene Beschleunigung in den Prozessen ist wiederum ein Produkt der freien Wirtschaft. Maximierung und Optimierung sind weitere Phänomene des Kapitalismus.

In der Gesellschaft ist dieses Denken angekommen. Für ihren Wohlstand richten Menschen ihren Tagesplan nach der Arbeit aus. Mit der Aussicht auf ein finanziell sorgenfreies Leben, Stabilität sowie Vorsorge im Alter fügen sich die Menschen in die kapitalistische Gesellschaftsstruktur ein.

Ein kapitalistisches Deutschland?

Die deutsche Wirtschaft fußt auf dem Kapitalismus. Doch die Bezeichnung der Wirtschaftsstruktur ist seit dem 20. Jahrhundert eine andere: Soziale Marktwirtschaft. Zwar steht auch bei der Sozialen Marktwirtschaft das Privateigentum unter Schutz und die Märkte werden durch Angebot und Nachfrage bestimmt, aber die Politik spielt als weiterer Faktor in die Wirtschaft hinein. Sie greift benachteiligten Menschen unter die Arme– es gibt ein soziales Auffangnetz. Das Bundeskartellamt sorgt für einen ausgeglichenen und unabhängigen Wettbewerb auf dem Markt und verhindert die Bildung von Monopolen.

Das Ziel der Sozialen Marktwirtschaft in Deutschland ist dem Streben des Kapitalismus gleichgesetzt, hat jedoch eine entscheidende Facette mehr: Die Arbeiterklasse steht nicht allein da und ist nicht der Ausbeutung durch Unternehmen ausgeliefert.

 

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Pro | Das kapitalistische System überzeugt

Contra | Egoismus zum System erhoben

2 Antworten zu “Kapitalismus in Deutschland: Rücksicht auf Verluste”

  1. Von MrBang am 23. Oktober 2016

    Eine gerechte, nachhaltige Form des Kapitalismus ist also die soziale Marktwirtschaft, welche sich aber nur durchdacht und ausgereift vom Kapitalismus unterscheiden kann.
    Kann man sich also als „antikapitalistisch“ bezeichnen, wenn man für eine (funktionierende) soziale Marktwirtschaft ist?(Weil diese ja „lediglich“ ein Kapitalismus+ ist.)

  2. Von Mr. am 4. Oktober 2017

    „Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluß vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr feststellen, dass man Geld nicht essen kann.“

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