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contraRaus aus der Ungewissheit

Von Hilistina Banze / 29. April 2016
Credits: Nineta/ flickr; Lizenz CC BY-NC-SA 2.0

Es ist fahrlässig, das Selbstbestimmungsrecht eines Mannes als wertvoller zu erachten als das Recht seines potentiellen Nachkommens darauf, zu erfahren, woher er stammt. Eine Abstammungsklärung ohne rechtliche Folgen muss möglich bleiben.

Mater semper certa est. Pater semper incertus est.

*„Die Mutter ist immer sicher. Der Vater ist immer ungewiss“.*

Dieser römische Richterspruch sagt schon alles: Die Mutter eines Kindes ist jene Frau, die es zur Welt bringt, während nie sicher auszumachen ist, wer das Kind zeugte.

Die Zeiten der Römer sind jedoch vorbei und die Möglichkeiten der Fortpflanzungsmethoden vielfältiger. Heutzutage lässt sich feststellen, wer der Vater ist. Es mangelt nicht an technischen Möglichkeiten, sondern am Willen des Einzelnen.

Die Ordnung der Dinge ist heute eine andere als bei den Römern, doch die Frage nach der persönlichen Identität ist weiterhin omnipräsent. Die eigenen Eltern bleiben noch immer der erste Bezugspunkt im Leben eines Menschen. Sie zu kennen ist wichtig für die Identität des Kindes.

Im Namen des Kindes argumentieren

Um uns zurechtzufinden, brauchen wir alle einen Ausgangspunkt, welcher im Idealfall eine Familie ist, wie immer diese auch zusammengesetzt sein mag.

Einem Kind zu erklären, dass es aus einer künstlichen Befruchtung hervorging, trotzdem aber genauso geliebt und gewollt wird wie ein „natürlich“ erzeugtes Kind, gibt dem Kind eine Richtung, ein Gefühl der Geborgenheit. Auch zu erfahren, dass der Vater aus verschiedenen Gründen vielleicht nicht physisch anwesend ist, aber trotzdem sein Kind als solches annimmt, entspannt die Gedanken des Kindes. Wichtig ist, dass ehrliche und liebevolle Botschaften übermittelt werden.

Herumzuirren und den eigenen Ursprung nicht zu kennen, sich schon vor der Geburt weggeschoben zu wissen, ist hingegen ein schlimmer Gewaltakt, den das Bundesverfassungsgericht nicht dulden sollte. Jeder Mensch sollte ein Recht darauf haben, zumindest den Namen seines Erzeugers zu kennen, wenn dieser sich schon aus dem Leben des Kindes heraushalten möchte.

Ein Vaterschaftstest kann durch Klarheit den Schmerz der Ungewissheit und des Abgeschobenseins lindern. Wenn der getestete Mann nicht der Erzeuger des Kindes ist, ist er um eine Erfahrung reicher, und hat den Beweis dafür erbracht, dass er zuvor kein falsches Zeugnis abgelegt hat.

Trotz allem kann ein derartiger Test eine Belastung für die Familie des mutmaßlichen Vaters sein, ist diese sich ihrer Identität als eingeschworene Gemeinschaft sicher. Dass plötzlich ein weiterer Mensch Teil dieses Gefüges werden könnte, kann ein schwerer Schock sein. Der Mann und seine Familie können im Spannungsfeld zwischen Angst vor der unbekannten Situation und der „Pflicht“, Blutsverwandte in das Leben zu integrieren, unvereinbare Positionen einnehmen.

Trotzdem: Im Falle der Verweigerung des Abstammungsklärungsvorgangs sollte es juristische Wege geben, den mutmaßlichen Vater zum Test zu verpflichten, auch ohne dass dieses Vorgehen rechtliche Folgen hat, wie sie eine Vaterschaftsklage hätte. Diese Maßnahme ist wichtig, da es ein elementarer Teil der Selbstbestimmung jedes Menschen ist zu wissen, wer der eigene Vater ist.

Selbstbestimmung muss möglich sein, ohne dass diese rechtliche Konsequenzen mit sich zieht. Eine Möglichkeit der Abstammungsklärung neben der Vaterschaftsklage muss bestehen bleiben.

Qualvolle Suche nach der eigenen Herkunft

Ich persönlich beschäftige mich seit vielen Jahren mit der Identitätsfrage, weil ich als schwarze Frau in Deutschland viel zu häufig nicht als gleichwertig anerkannt worden bin.

Nicht nur einzelne Bürger, nein, auch die Politik schiebt mich in die Sonderkategorie mit dem negativ konnotierten Zusatz „mit Migrationshintergrund“. Ich reise viel, bin ständig auf der Suche nach einem Ort, an dem ich einfach dazugehören kann – bis jetzt vergebens. Die Vorstellung, nicht nur meinen kulturellen, sondern gar familiären Ursprung vergeblich zu suchen, beunruhigt mich.

Das Bundesverfassungsgericht hat entschieden. Jetzt liegt es in der Hand des einzelnen Mannes, zu entscheiden, ob er einem anderen Menschen helfen möchte oder nicht.

Ich hoffe, dass der Einzelne sich der Verantwortung seines Handelns bewusst wird und dass eine große Debatte in der deutschen Öffentlichkeit ausbricht. Diese muss schließlich erkennen, dass die Identitätsfrage aufgrund aktueller sozialer Entwicklungen in allen Bereichen gestellt und bearbeitet werden muss.

 

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Debatte | Kein bedingungsloses Recht auf einen Vaterschaftstest

Pro | Richtig abgewogen

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