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debatteLiest du noch oder bloggst du schon?

Von Christina Mikalo / 8. September 2017
Credits: Pixabay/ LoboStudioHamburg; Lizenz CC0

Blogs haben das Internet erobert: Millionen Menschen veröffentlichen dort ihre Texte, Millionen folgen ihnen. Eigentlich eine Erfolgsgeschichte.

Blogs gibt es schon, seit es das Masseninternet gibt. Der Softwareentwickler und Interneterfinder Tim Berners-Lee ging 1990 mit dem ersten Blog online. Berners-Lee arbeitete am Genfer Kernforschungszentrum CERN, wo er sich mit anderen Wissenschaftlern über ein Computernetzwerk austauschte. Mit seinen französischen Kollegen kam es wegen unterschiedlicher Netzstrukturen immer wieder zu Kommunikationsproblemen. Um das zu ändern, schuf Berners-Lee ein System, mit dem sich Websites erstellen und an anderen Orten abrufen ließen – ein Prototyp des heutigen Internets. Auf der ersten Website schrieb der Entwickler in Blogeinträgen über seine Erfindung.

Zu seinem Namen kam der Blog allerdings erst fünf Jahre nach der Entwicklung des World Wide Webs. Der US-amerikanische Wissenschaftler Jorn Barger benutzte das Wort Weblog auf seiner Website „Robot Wisdom“. 1999 kürzte es der deutsche Webdesigner Peter Merholz mit Blog ab.

Zuvor hatte man längeren Texten im Internet alle möglichen Namen gegeben: Webzine, Fanzine oder auch Netzine, was der Name des ersten deutschen Blogs war, der am 3. Januar 1996 online ging. Bis heute schreibt der Schriftsteller Walter Laufenberg in ihm seine Gedanken zum Zeitgeschehen auf.

Ein Tagebuch für Millionen

Das klingt nach Tagebuch – und das ist es oft auch: Das „log“ in Weblog bedeutet Logbuch. Es steckt also schon im Wort Bloggen, Geschehnisse und Themen darzustellen. Das passiert häufig mit stark subjektiver Einfärbung. Persönlich ist ohnehin das Markenzeichen von Blogs. Mit Diensten wie Xanga können Internetnutzer sie ohne großen Aufwand und technisches Know-how selbst einrichten. Worüber sie schreiben und wie sie Inhalte darstellen, entscheiden die Blogger selbst. Aber auch Blogs sind keine rechtsfreien Räume. Beleidigungen, falsche Behauptungen und Gerüchte sind verboten.

Mit Myspace (2003), Facebook (2004) und Twitter (2006) kam das Microblogging, das Posten kurzer Mitteilungen, in Mode. Per Kommentarfunktion können sich Leser in Sekundenschnelle zu Wort melden. Dass sich so rasch Feedback einholen lässt – und neue Zielgruppen erreicht werden –, erkennen immer mehr Unternehmen und bloggen mittlerweile selbst. Auftritte in sozialen Medien sind ein wichtiger Teil der PR-Maschinerie geworden.

Die Statistikdatenbank Statista geht mittlerweile von 349,3 Millionen Blogs allein auf dem Anbieter Tumblr aus, auch wenn sich unter diesen viele inaktive Accounts befinden.

Was macht Bloggen sexy?

So viele Weblogs es gibt, so unterschiedlich sind sie. Arianna Huffingtons Newsmagazin HuffPost, mit zehn Millionen Besuchern im Monat der am stärksten geklickte Blog, setzt vor allem auf die klassische Artikelform. Buzzfeed hingegen nutzt Memes, GIFs und Videos – und kommt auf fünf Milliarden Views im Jahr. Bei deutschen Blog-Lesern kommen Technik und Humor am besten an: Caschys Blog und der Postillon haben monatlich um die zwei Millionen Besucher.

Die Gründe, warum Menschen bloggen, ähneln einander: Umfragen unter Bloggern nennen oft den Spaß am Schreiben und an der Kommunikation, Wissensvermittlung und das Knüpfen neuer Kontakte als Motivation. Auch Lob seitens der Leser treibt Blogger an. „Blogging is sharing […] and sharing involves reciprocity”, schreibt der Sozialpsychologe Edward F. McQuarrie in seinem Buch „The New Consumer Online: A Sociology of Taste, Audience, and Publics”. Viele empfinden Bloggen als Teilen von Gedanken – und damit als spannend und inspirierend.

Für manche ist Bloggen allerdings längst mehr Geschäft als Hobby. Einige Blogger verdienen inzwischen Geld, und zwar mitunter richtig viel. Einer der derzeit erfolgreichsten Online-Texter, der Unternehmer Michael Arrington, nimmt mit seinem Blog TechCrunch rund um Technologien und das Silicon Valley zwischen 500.000 und 800.000 US-Dollar pro Monat ein.

Eine Bedrohung für den Journalismus?

Mit ihrem alternativen Informationsangebot stehen Blogs oft in vermeintlicher Konkurrenz zum klassischen Journalismus. Viele Medienvertreter stellen den Qualitätsanspruch von Bloggern in Frage. Als 2015 Markus Beckedahl und Andre Meister vertrauliche Dokumente des Bundesamtes für Verfassungsschutz auf ihrem Blog Netzpolitik.org veröffentlichten, bezweifelte die FAZ, dass die Blogger Journalisten seien. Anstatt objektiv zu berichten, verfolgten die Mitarbeiter von Netzpolitik.org eine „eigene politische Agenda, organisieren den Widerstand etwa gegen Vorratsdatenspeicherung und Netzüberwachung. Darin sind sie Lobbyisten näher als Journalisten.“

Inzwischen arbeiten laut einer Studie des österreichischen Instituts für vergleichende Medien- und Kommunikationsforschung (CMC) immer mehr Blogger in redaktionsähnlichen Strukturen. Manche stehen auch in engem Kontakt zu Medienhäusern. Darüber hinaus bieten viele traditionelle Medien wie der Tagesspiegel inzwischen selbst Blogs an. Mehr und mehr Blogger lassen sich zudem journalistisch schulen, studieren Medien- oder Kommunikationswissenschaften oder sind pensionierte Redakteure. Die Bloggerszene ist enorm vielfältig geworden – auch was die Qualität und Tiefe der Inhalte angeht.

 

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