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contraRetter vor sich selbst schützen

Von Claudia Ermel / 2. März 2018
Credits: Pixabay/ succo; Lizenz CC0

Die Verschwendung von Lebensmitteln in unserer konsumorientierten westlichen Welt ist legendär. Zu den größten Verursachern des Problems zählen Supermärkte. Doch Containern ist mitnichten eine Lösung.

Längst ist Containern zur coolen Freizeitbeschäftigung geworden. Im Internet finden sich Gruppen von sogenannten Essensrettern zusammen und treffen Verabredungen zum „Mülltauchen“. Auf Facebook gibt es für jede größere Stadt in Deutschland mindestens eine Community zu diesem Thema. Erlaubt ist Containern jedoch keineswegs und das ist auch gut so.

Dass die Entkriminalisierung des Containerns im Gespräch ist, deutet aber auf eine beängstigende Schieflage im Rechtsverständnis hin. Die Legalisierung könnte mehr Schaden als Nutzen anrichten – auch für die Essensretter selbst.

Mülltaucher gefährden sich selbst

Der Ausdruck „Mülltaucher“ sagt es bereits: Die Menschen wühlen im Müll der Supermärkte, in dreckigen, fauligen, unhygienischen Abfällen – nicht nur unbeschädigten, verpackten Lebensmitteln. Sie setzen sich damit der Gefahr von Krankheiten aus, sowohl beim Herumwühlen selbst als auch beim späteren Verzehr der entwendeten Waren. Krankenkassen haben darüber zwar noch keine Erhebungen, aber wer gibt schon gerne zu, freiwillig Müll gegessen zu haben? Den Schaden hat im Zweifel nicht nur der Mülltaucher, sondern auch die Krankenkasse oder der Arbeitgeber.

Mit sozialem Gewissen hat dieses angeblich politische Statement hinter einer solchen Aktion wenig zu tun. Zumal sich bevorzugt junge Menschen, oft Studierende, ihre kostenlosen Mahlzeiten in den Mülltonnen zusammensuchen. Menschen also, die meist wenig mit tatsächlich Bedürftigen zu tun haben. Essensausgabestellen wie die Tafeln verwerten kontrollierte Spenden und reichen keine Abfälle weiter. Warum auch? Große wie kleinere Supermärkte freuen sich über Abnehmer ihrer Ausschussware, Händler auf Wochenmärkten über späte Kunden, denen sie oft noch ungefragt Rabatt geben, um ihre Produkte loszuwerden.

Recht auf Eigentum

Um an entsorgte Waren zu kommen, brechen Mülltaucher Gesetze. Denn die Container und ihr Inhalt gehören den Unternehmen, die sie aufgestellt haben. Mülltaucher klettern unbefugt über Zäune oder Mauern, brechen die Schlösser der Container auf und hinterlassen manchmal wild verstreuten Müll, richtige Abfälle also, die immerhin noch Ratten anziehen.

Das Betreten von Privatgrundstücken, das Beschädigen der Container sowie das Verdrecken des Geländes sind aus gutem Grund rechtswidrig. Dass durch eine Entkriminalisierung des Containerns die Grenzen von Recht und Unrecht, von Dein und Mein, aufgeweicht würden, wollen Verfechter dieser Idee nicht wahrhaben. Woher nehmen sie sich das Recht, über das Eigentum der Unternehmen zu bestimmen?

Wenn eine Ware, die abgeschrieben ist, zum Allgemeingut würde, hieße das ja im Extremfall, dass ich mir alles immer einfach nehmen könnte, wo der Eigentümer nicht klar ausgewiesen ist. Wo genau sollte der Gesetzgeber da die Grenze ziehen? Und wo endet dann die Sorgfaltspflicht der Supermärkte? Denn hieße Entkriminalisierung praktisch nicht, dass alle Container frei zugänglich sein müssten? So könnte allerdings jedwelcher Müll, also auch (fremdes) Gefahrengut, darin landen.

Gerechtigkeit durch Anarchie?

Sicher, aus der Sicht des profitorientierten Händlers scheint es zunächst egal, was mit dem Ausschuss passiert, ob die Produkte nun weggeworfen oder verzehrt werden. Das ist aber ein Trugschluss. Dann nämlich, wenn Menschen aus Kalkül nicht mehr einkaufen gingen, weil sie ja sowieso Reste kostenlos bekommen könnten. Dem Handel würde wertvolle Kaufkraft entzogen, weil die Märkte auf Kunden verzichten müssten. Den Schaden trügen zudem auch jene Kunden, die zu zahlen bereit wären.

Was Händler mit ihrer Ware machen, sollte deshalb ihre Sache bleiben. Biomärkte haben längst eine Gemüsekiste mit Ausschussware zum Verschenken eingeführt. Regt sich etwa hier jemand über die „Zementierung von Armut“ auf?

Würde der Gesetzgeber das Containern entkriminalisieren, käme dies fast einem Aufruf zur Anarchie gleich. Communities mahnen zwar, beim heimlichen Containern alles ordentlich zu hinterlassen. Aber anscheinend wollen sich nicht alle Beteiligten daran halten. Eine Legalisierung könnte dieser letzten Selbstbeherrschung vollends den Garaus machen. Zumal die Zahl der Mülltaucher wahrscheinlich erstmal ansteigen würde. Daher ist eine moderatere Lösung gefragt, die alle Beteiligten zufriedenstellt.

Derzeit werden bereits europaweit Konzepte für eine sinnvolle Verwertung der Lebensmittelüberschüsse des Handels entwickelt. Die Essensrettung könnte in geordnete Bahnen gelenkt werden, indem Supermärkte per Gesetz zur Abgabe überschüssiger Lebensmittel verpflichtet würden. Italien etwa hat bereits entsprechende Gesetze erlassen und will Unternehmen durch Steuererleichterungen und veränderte Regeln bei der Haltbarkeitsbestimmung unterstützen.

 

Lies weiter bei…

DEBATTE | Menü aus dem Müll?

PRO | Essen richtig retten

 

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