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debatteMenü aus dem Müll?

Von Marlene Thiele / 2. März 2018
Credits: Pixabay/ efes; Lizenz CC0

18 Millionen Tonnen Lebensmittel landen in Deutschland jedes Jahr im Müll. Idealisten retten noch genießbare Lebensmittel aus den Abfallcontainern der Supermärkte. Sollte diese illegale Praxis legalisiert werden?

Die Regale sind voll, immer. Im Supermarkt findet sich alles. Milchprodukte in allen möglichen Konsistenzen und Geschmacksrichtungen, makelloses Obst. Ein Joghurt aber, der seinem Ablaufdatum gefährlich nahe kommt, landet im Müll – auch wenn er eigentlich essbar ist.

Manchmal kommt auch noch jemand und isst ihn trotzdem. Zum Beispiel Tobi. Er ist 25, Student und geht regelmäßig containern. Das heißt, nach Ladenschluss steigt er mit Freunden in die Mülltonnen der Supermärkte und nimmt einfach mit, was noch genießbar ist. Dabei spielt das nicht ausgegebene Geld für ihn nur eine Nebenrolle: „Ich mache das vor allem aus ideellen Gründen“, sagt er.

Laut einer WWF-Studie landen in Deutschland jedes Jahr mehr als 18 Millionen Tonnen Lebensmittel im Müll. Das entspricht einem Drittel der hier produzierten Lebensmittel. Wer wie Tobi verzehrbare Ware an sich nimmt, verhindert zumindest die unnötige Vernichtung eines Teils der Nahrungsmittel. Obwohl er dafür bestraft werden könnte.

Großstädtische Sportart

Trendforscher Peter Wippermann sieht im Containern eine Folge einer unruhigen Gesellschaft, ausgelöst durch die Finanzkrisen in den USA und in Europa. In dieser Zeit sei die Idee des Teilens und Nutzens wieder reizvoller geworden. Tatsächlich fragen sich immer mehr Leute, was sie wirklich zum Leben brauchen. „Containern gab es zuerst im sozial betroffenen Umfeld und wurde dann in der Jugendkultur aufgegriffen.“ Wippermann bezeichnet das Phänomen als „Sportart der Großstadt“, ähnlich dem Graffiti-Sprühen: „Man tut etwas Verbotenes, entlarvt das System und triumphiert darüber.“

Containern ist in Deutschland illegal. Kritiker berufen sich auf Hausfriedensbruch und Diebstahl. Während Müll in Österreich oder der Schweiz als herrenlos gilt, ist er hierzulande bis zum Abtransport von privatem Gelände Eigentum des Müllverursachers. Auch im Fall der Supermärkte. Tobi weiß um die rechtliche Lage. „Deswegen machen wir das auch möglichst nachts und unbeobachtet.“ Große Sorgen macht er sich nicht. Die Polizei bemüht sich kaum, den Mülldiebstahl zu verfolgen. Wenn es hin und wieder doch zu Prozessen kommt, werden die meistens wegen Geringfügigkeit eingestellt.

Legale Alternative

Eine legale Alternative ist seit 2012 die Internetplattform foodsharing.de. Dort organisieren sich sogenannte Foodsaver, die täglich von Supermarkt- und Bäckereibesitzern die übriggebliebene Ware einsammeln. Den Münchner Verein leitet Günes Seyfarth. Sie ist seit drei Jahren ehrenamtliche Foodsaverin. Sie sagt, sie „rettet“ die Lebensmittel, die eigentlich noch gegessen werden könnten. „Die Supermärkte wollen die Sachen loswerden, weil sie nicht perfekt aussehen oder das Mindesthaltbarkeitsdatum knapp oder fast überschritten ist. Das Datum ist aber lediglich eine Garantie für die Qualität der Ware – viele Produkte sind noch lange darüber hinaus haltbar.“

Tobi sieht das ähnlich. Um seine Gesundheit macht er sich beim Containern keine Sorgen, eklig findet er es auch nicht. „Das ist nicht wie beim Biomüll. Nichts schimmelt, nichts fault und das meiste ist sowieso verpackt. Die Sachen sind eigentlich genau wie im Regal.“ Trotzdem steigt er meistens im Winter in die Abfalleimer. „Wenn es warm ist, verderben die Sachen in den Tonnen leider schnell.“

Günes Seyfarth hat es komfortabler. Sie nimmt die Sachen kurz vor Ladenschluss im klimatisierten Supermarkt in Empfang. „Am Anfang war ich schier überfordert von den Mengen: 15 Kilo Tomaten, 30 Kilo Bananen – und das könnte man theoretisch täglich abholen.“ Im Verein gibt es zwei Regeln: Die Foodsaver müssen alles mitnehmen, was abgegeben werden soll, und dafür sorgen, dass auch anschließend kein Essen weggeschmissen wird. In Seyfarths Küche steht eine große Pappkiste voller Obst, Gemüse und abgepackten Lebensmitteln. Regelmäßig kommen Freunde, Nachbarn und Kollegen vorbei und nehmen etwas davon mit. Was übrig bleibt, wird eingefroren oder eingekocht.

Weniger Verschwendung

Foodsharing legt viel Wert auf zuverlässige Mitarbeiter. Wer mitmachen will, durchläuft einen ausführlichen Aufnahmeprozess. In München engagieren sich rund 1.000 Foodsaver. „Es ist tatsächlich ein Schnitt durch die ganze Gesellschaft. Manche machen das aus Idealismus, andere, weil das Geld knapp wird“, sagt Seyfarth, Mutter zweier Kinder. „Einige sind auch einfach pfiffig und sagen: Wieso soll ich dafür zahlen, wenn ich allerbeste Ware retten kann?“

Wem der Aufwand zu hoch erscheint, für den gibt es seit Anfang 2016 eine weitere Möglichkeit, Essen vor der Tonne zu bewahren: TooGoodToGo. Restaurants, Bäckereien oder kleinere Geschäfte verkaufen über diese App am Ende des Tages übrig gebliebene Mahlzeiten für kleines Geld. Der Smartphone-Nutzer bestellt online zum Beispiel eine Portion Sushi und kann sie zu einem festgelegten Zeitraum abholen.

Ganz verhindern lässt sich die Lebensmittelverschwendung zwar nicht – weder mit TooGoodToGo oder Foodsharing noch mit Containern. Es wird grundsätzlich zu viel produziert. Schließlich will jeder Kunde zu jeder Tageszeit das gesamte Sortiment vorfinden.

 

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PRO | Essen richtig retten

CONTRA | Retter vor sich selber schützen

2 Antworten zu “Menü aus dem Müll?”

  1. Von PRO | Essen richtig retten | am 11. April 2018

    […] DEBATTE | Menü aus dem Müll? […]

  2. Von CONTRA | Retter vor sich selbst schützen | am 11. April 2018

    […] DEBATTE | Menü aus dem Müll? […]

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