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debatteSuchen Verschwörungstheoretiker nach der Wahrheit?

Von Madlen Schäfer / 2. Juni 2017
Credits: Pixabay/ spirit111; Lizenz CC0

Verschwörungstheoretiker halten sich für die Kenner der Wahrheit und versuchen, Probleme mit ihren selbst aufgestellten Theorien zu lösen. Manchmal steckt mehr hinter den Mutmaßungen.

Am 11. September 2001 fliegen zwei Flugzeuge in das World Trade Center in New York, eins in das Pentagon in Washington. Mehr als 3.000 Menschen sterben. Es war ein Terroranschlag, dessen Schrecken sich in das Herz der Welt brannte. Doch das Verständnis von der Katastrophe ist verschieden: Viele Menschen zweifeln noch heute die Hintergründe des Anschlags an.

In unzähligen Artikeln und Videos erklären Verschwörungstheoretiker, wen sie für die Drahtzieher des Anschlags halten. Sie glauben, Sprengsätze hätten die Türme einstürzen lassen und nicht allein Flugzeuge. Sie glauben, nicht Al-Qaida sei dafür verantwortlich, sondern die amerikanische Regierung, der Geheimdienst CIA oder „jüdische Hintermänner“.

Kenner der alleinigen Wahrheit

Auch die Mondlandung 1969 und den Mord am amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy 1963 stellen zahlreiche Verschwörungstheoretiker in Frage. Sie sehen Ufos auf der Erde und glauben, Kondensstreifen von Flugzeugen seien Chemtrails, die die Bevölkerung beeinträchtigen.

„Diese Menschen sind der Auffassung, sie seien Kenner der alleinigen Wahrheit“, sagt der Politologe und Soziologe Armin Pfahl-Traughber, der als Professor an der Hochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung im rheinländischen Brühl arbeitet und sich bereits seit Studienzeiten mit Verschwörungstheorien beschäftigt.

Die Behauptungen dieser Menschen seien immer von einem mangelnden Realitätsgehalt geprägt, ist Pfahl-Traughber überzeugt. Er selbst meidet den Begriff der Verschwörungstheorien, verwendet stattdessen den der Verschwörungsideologie: „Der Begriff Theorie würde dem Gemeinten zu viel Wertschätzung entgegenbringen.“

Verschwörung meint eine geheime Übereinkunft von zwei oder mehreren Personen für ein vornehmlich politisches Ziel. Ein Beispiel hierfür ist die Ermordung von Cäsar. Die Verschwörungen, etwa ein Komplott gegen einen Herrscher, an sich sind also real. „Bei Verschwörungsideologien handelt es sich um Aussagen über angebliche Ereignisse, die gar nicht auf realen Verschwörungen basieren. Man unterstellt ohne Belege lediglich eine Konspiration“, erklärt Pfahl-Traughber.

Vor allem in den vergangenen Jahren sind vermehrt solche Geschichten aufgetaucht. Verschwörungstheorien boomen immer, wenn es dramatische Krisen gibt oder bekannte Persönlichkeiten sterben. Anhänger von Verschwörungstheorien versuchten dann, derartige Ereignisse mit einer Pseudo-Erklärung nachvollziehbar zu machen.

Die Digitalisierung verstärkt das Phänomen zusätzlich. „Durch das Internet kursieren wilde Verschwörungsideologien, die ein extremes Ausmaß angenommen haben“, fasst der Politikwissenschaftler zusammen. Inzwischen ist der Zugang zu fragwürdigen Einstellungen inzwischen nur einen Mausklick entfernt.

Verschwörungstheorien sind kein neues Phänomen

Verschwörungstheorien haben eine lange Geschichte. So waren einige Menschen bereits im Mittelalter der Meinung, dass der Ausbruch der Pest auf eine Vergiftung der Brunnen durch Juden zurückzuführen sei. Dass an der Pest auch Juden starben, blendete man aus. Zu den ersten größeren Ideologien, die von vielen Menschen mitgetragen wurden, gehört jene zum Ausbruch der Französischen Revolution. Verschwörungstheoretiker behaupteten damals, dass die Freimaurer und Illuminaten hinter der Revolution steckten.

Manche Verschwörungstheorien setzen sich besser durch als andere. „Der Erfolg hängt auch davon ab, wie groß der wahre Kern der Ideologie ist“, so Pfahl-Traughber. Je absurder die Behauptung, desto schwieriger erreiche sie eine breitere Masse. Die Verschwörungstheorie der Reptiloide etwa geht davon aus, dass bekannte Persönlichkeiten wie Queen Elizabeth II. eigentlich Echsen in Menschgestalt sind. „Das scheint vielen einfach zu abwegig.“

Bei 9/11 ist das anders. Manche Menschen vermuten nicht ohne Grund die CIA dahinter – die CIA hat in der Vergangenheit tatsächlich immer wieder bedenklich agiert und zum Beispiel gewählte Regierungen im Iran, in Guatemala oder Chile gestürzt. „Deshalb wird der Wahrheitsgehalt bei den Ideologien zum 11. September höher angesiedelt und erhält mehr gesellschaftliche Akzeptanz“, erklärt Pfahl-Traughber.

Nicht zuletzt gibt tatsächlich auch Verschwörungstheorien, die sich als wahr herausgestellt haben. Ende der 1960er Jahre schloss sich in Italien eine Elite bestehend aus Militärs, Persönlichkeiten aus der Wirtschaft, Politikern, Mafia und Geheimdienstlern zur Organisation Propaganda Due zusammen, die auch nicht vor Terroranschlägen zurückschreckte. Ihr Ziel: ein autoritärer italienischer Staat. 1982 deckte ein Ausschuss die Verschwörung auf und verbot die Organisation.

 

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4 Antworten zu “Suchen Verschwörungstheoretiker nach der Wahrheit?”

  1. Von Sven am 3. Juni 2017

    Ich finde eines problematisch, nämlich, dass eine Debatte mit einem Artikel gestartet werden soll, der eigentlich negativ zum eigentlichen Thema gerichtet ist. Ich hätte mir mehr Ausgewogenheit gewünscht, ganz unabhängig davon, dass ich von Verschwörungstheorien nicht wirklich viel halte, aber es sollte eben auch nicht passieren, dass alles, was den Stempel „Verschwörungstheorie“ verpasst bekommt, gleich in die Schmuddelecke gedrängt wird, denn dann kann gar nicht überprüft werden, ob nicht doch etwas wahres dahinter steckt.

  2. Von Christa Roth am 6. Juni 2017

    Danke für deinen kritischen Kommentar, Sven! Tatsächlich ist der Überblicksartikel diesmal einer Seite günstiger gewogen. Aber er riskiert damit, dass die nicht gleichgültige Haltung der Autorin zum Vorschein kommt, nicht die Sachlichkeit der Diskussion. Vielmehr gibt der Beitrag die gesellschaftliche Debatte realitätsnah wider. Und die hat nunmal eine Schlagseite: Sehr viel mehr Menschen halten Verschwörungstheorien für absurd als umgekehrt.

  3. Von Madlen Schäfer am 6. Juni 2017

    Lieber Sven,

    vielen Dank für dein Feedback. Um diesen Artikel zu schreiben, habe ich mit Prof. Pfahl-Traughber gesprochen, ein Experte auf diesem Gebiet, der sich schon sehr lange mit dem Thema beschäftigt. Es liegt wohl eher an der Definition als solcher, dass du den Artikel für einseitig hältst. Der Begriff „Verschwörungstheoretiker“ an sich ist nämlich von den Kritiker solcher Menschen entstanden, dementsprechend negativ konnotiert. Zitat aus dem Text: „Bei Verschwörungsideologien handelt es sich um Aussagen über angebliche Ereignisse, die gar nicht auf realen Verschwörungen basieren. Man unterstellt ohne Belege lediglich eine Konspiration.“ Genauso wird aber auch aufgezeigt, dass VT einen wahren Kern haben (einige mehr als andere) wie auch, dass es durchaus Theorien gab, die sich als wahr herausgestellt haben. Es war mir leider nicht möglich, einen Experten zu finden, der VT positiv gegenüber eingestellt ist oder einen VT zu finden, der wissenschaftlich zitierbar wäre.

    Liebe Grüße

    Madlen

  4. Von Anita am 12. Juni 2017

    Zu 9/11: Ich rate, einmal auf diese Website zu schauen: http://rethink911.org/
    Hier finden sich Meinungen von Experten, vor allem Ingenieure und Architekten aus USA, die dafür kämpfen, dass die Vorfälle vom 11.9.2001 neu untersucht werden. Sie führen gute (wissenschaftliche!) Gründe an, warum es äußert unglaubwürdig ist, dass die zwei Türme (und übrigens auch ein drittes Gebäude in New York) nur durch die zwei (!) Flugzeuge zum Einsturz gebracht worden seien.

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