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proEntscheidungsfindung 4.0

Von Sadek Almahdy / 4. Dezember 2015
Credits: Joe Stump/ flickr; Lizenz CC BY-NC-ND 2.0

Noch nie war es einfacher, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Die Digitalisierung stellt viele Anforderungen an uns, nimmt uns aber vor allem einiges ab – und das ist auch gut so.

Das Zweierteam aus Null und Eins hat es geschafft: Die Welt ist zwar komplexer, aber auch handhabbarer geworden – im wahrsten Sinne. Mit nur einem Mausklick lassen sich Einkäufe erledigen oder Konzerttickets besorgen, aber auch Drohnen steuern und Raketen aktivieren. Man trifft also mit Hilfe dieser binären Signale, die im Grunde nichts weiter sind als elektrische Befehle, Entscheidungen von weitreichender Bedeutung für unser Dasein – scheinbar einfach so und in manchen Fällen unwiderruflich. Das macht einigen Leute Angst. Sie glauben, dass die korrekte Eintscheidungsfindung einfacher wird, wenn sie die Digitalisierung in ihre Schranken weisen.

Dabei ist es unwahrscheinlich, dass die Technik unsere Welt komplett beherrschen wird und die Menschen keine Rolle mehr spielen werden. Im Grunde erleichtern Computer das Leben. Das wissen viele zu schätzen. Nicht nur die rapide Zunahme der Digitalisierung der Bevölkerung belegt das. Während es 2001 noch 31 Prozent Onliner in Deutschland gab, haben seit 2014 fast 77 Prozent der Deutschen (das sind knapp 54 Millionen Personen über 14 Jahre) Internetzugang. Tendenz steigend – auch unter älteren Jahrgängen. Das sagt zumindest der Verein Digitale Gesellschaft, der seit 2001 jedes Jahr den „(N)Onliner Atlas“ herausgibt. Wie viele das Internet in welcher Weise nutzen, bleibt zwar offen. Aber die Digitalisierung ist für immer mehr Menschen längst Teil ihrer Lebenswelt.

Mehr Zeit für andere Dinge

Dass sich die Welt in Nullen und Einsen erfassen, archivieren und in Text, Bild und Grafik darstellen lässt, macht eine noch nie dagewesene Vernetzung von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft möglich. Michael Kleinemeier vom Softwareunternehmen SAP lässt sich in dem unter anderem von Frank Keuper herausgegebenen Buch „Digitalisierung und Innovation, Planung, Entstehung, Entwicklungsperspektiven“ damit zitieren, dass Unternehmen „ihre Kunden gezielt und schnell erreichen“ müssen. Kleinemeier zufolge können Firmen nur dann wettbewerbsfähig sein, wenn sie verlässliche Daten erheben, übertragen und analysieren, um die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Big Data spielt eine immer größer werdende Rolle in der Kommunikation von Mensch zu Maschine und im Informationsaustausch von Maschine zu Maschine. Mein Fitnessarmband kann meinem Smartphone meinen Kalorienverbrauch mitteilen und darauf abgestimmt einen Rezeptvorschlag für das Abendessen machen. Der Kühlschrank bestellt selbstständig die zur Neige gehende Milch nach, damit ich meinen Kaffee nicht schwarz trinken muss, weil ich zu faul war, einkaufen zu gehen oder es schlichtweg vergessen habe. Das „Internet of Things“ und das „Internet of Services“ können den Alltag managen, indem sie uns Aufgaben abnehmen, damit wir Zeit für andere Aktivitäten haben.

Wir brauchen die Digitalisierung

Treffen die vernetzten Dinge von nun an also die Entscheidungen? Das zu fragen ist nicht falsch, vor allem wenn man an die Schattenseiten einer positiven Antwort auf diese Frage denkt. Denn so praktisch es ist, dass der Computer gewissermaßen als persönlicher Assistent Dinge übernimmt – niemand will bevormundet werden, schon gar nicht von einer Maschine.

Auch die Frage, wer Zugriff auf die erhobenen persönlichen Daten hat, ist nicht unerheblich, und zeigt, dass ein durchdigitalisierter Alltag Lösung und Problem zugleich sein kann.

So sind etwa Fitness-Armbänder die Vorhut einer bahnbrechenden Entwicklung, die grundsätzliche Fragen für unser Zusammenleben aufwirft. Zum Beispiel: Warum soll ich genauso viel Krankenversicherung bezahlen wie jeder andere, wo ich doch nachweislich regelmäßig Sport treibe, nicht rauche, kaum Alkohol trinke und mein Body-Maß-Index stimmt?

Es liegt an der Gesellschaft, zu entscheiden, ob individuelle Versicherungsbeiträge – und der dafür notwendige Einblick in die eigene Privatsphäre – zu rechtfertigen sind. Was fair ist und gewollt, das bestimmt nicht die Maschine. Die macht lediglich möglich, dass wir überhaupt eine derartige Wahl haben.

Digitalisierung ist, was wir daraus machen

Es geht nicht mehr darum, ob, sondern wie wir mit der digitalen Transformation unserer Lebenswelt umgehen. Das Zauberwort hierfür lautet: Datenbewusstsein. Der verantwortliche Umgang mit den eigenen Daten – vor allem in den sozialen Netzwerken – ist damit genauso gemeint wie der freie Zugang zu Informationen für meinen eigenen bestmöglichsten Wissensstand. Immerhin sind faktenbasierte Entscheidungen in der Regel die besseren. Also muss die Datenbasis stimmen – und das geht nicht mehr ohne Computer. Die globalisierte Welt von heute ist eine, die aus Algorithmen und binären Codes besteht.

Natürlich nutzen in dieser digitalen Realität auch Unternehmen ihr erworbenes Wissen über die Konsumentscheidungen ihrer Kunden, um die Nachfrage nach ihren Produkten und Dienstleistungen zu prognostizieren und zu beeinflussen. Sie können aber nicht ohne Weiteres die Gefühle von selbstbestimmten Individuen lenken, egal, wie individuell ihr Zugang, wie weit ihr Einblick in unser Privatleben auch heute schon sein mag.

Persönliche Entscheidungen von besonderer Reichweite überlässt niemand einem unpersönlichen Gegenüber. Die Digitalisierung verhilft uns schlicht zu mehr Entscheidungsfreiheit in einem immer undurchsichtiger werdenden System, um doch noch den Durchblick zu behalten. Am Ende des Tages steuern wir mit Nullen und Einsen die Welt um uns herum, nicht sie uns.

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