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contraMein Gehirn heißt nicht Google

Von Jacqueline Möller / 4. Dezember 2015
Credits: Michael Coghlan/ flickr; Lizenz CC BY-SA 2.0

Dank der Digitalisierung sind wir in der Lage, jede Information innerhalb von ein paar Sekunden per Mausklick zu erhalten. Alles, was wir dafür brauchen, ist ein Gerät mit Internetzugang. Aber entscheiden müssen wir immer noch selbst.

Ein Selbstversuch. Google, dein Freund und Helfer: Die Suchmaschine scheint sämtliche Lexika ersetzen zu können und steht mit Rat und Tat zur Seite, Tag und Nacht. Mit Hilfe von Google Instant kann sie seit fünf Jahren auch Gedanken lesen: Algorithmen bestimmen den individuellen Suchbegriff. So weiß die Suchmaschine bis zu fünf Sekunden vor uns, welches Wort wir gerade eingeben wollen.1 Das soll Zeit sparen. Bei einer weltweiten Nutzung dieser Anwendung würden etwa 3,5 Milliarden Sekunden pro Tag gespart werden.2

„Entscheidungsatrophie“ als Neuzeitphänomen

Doch wenn wir uns immer mehr auf die digitalen Dienste verlassen, verlernen wir, Entscheidungen selbst zu treffen. Was in der Humanmedizin als Muskelatrophie bezeichnet wird, also Muskelschwund aufgrund mangelnder Beanspruchung, ist längst in unser alltägliches Leben als eine Art „Entscheidungsatrophie“ eingekehrt.

Wir sind entscheidungsfaul geworden. Das zeigt sich in den banalsten Alltagssituationen: Möchte ich mich mit Freunden in einem Café treffen, gebe ich „beste Cafés“ und „Berlin“ in das Suchfenster ein und erhalte ein auf mein Nutzerverhalten zugeschnittenes Ergebnis. Doch ich möchte nicht vermessen, analysiert und errechnet werden, und ich möchte mein Entscheidungsmonopol auch nicht an eine Suchmaschine abgeben. Deshalb entschied ich mich vor Kurzem zu einem einwöchigen „Digital Detox“, entzog mich also bewusst allen digitalen Medien.

„Digital Detox“ auf dem Prüfstand

Es blieben Telefonbuch und Münztelefon. Gleich zu Beginn meines Experiments gab meine Waschmaschine den Geist auf. Anstatt mich nach dem besten Monteur via Internet zu erkundigen, rief ich den Ersten aus den Gelben Seiten an. Eine einfache Entscheidung.

Auch in anderen Alltagssituationen waren Entscheidungen während des „Digital Detox“ leichter. Normalerweise erreicht meine Unentschlossenheit ihren Höhepunkt, wenn es um die Wochenendplanung geht. Zusammen mit Anna und Max in die Bar oder lieber einen gemütlichen Fernsehabend mit Jan? Sollen wir vielleicht alle zusammen Essen gehen, und wenn ja, in welches der drei neuen Restaurants, die Google als die besten Insider-Empfehlungen vorschlägt?

Beim „Digital Detox“ waren die Optionen weniger. Ich hatte von einem neuen Film gehört, über den alle sprachen, warum also nicht diesen anschauen? Außerdem gab es nebenan eine Bar, in der ich noch nie gewesen war. Ich merkte: Vielleicht war ich gar nicht chronisch unentschlossen, sondern hatte dank des Internets schlicht zu viel Auswahl!

Die Drei-Sekunden-Regel

Ich habe mal gelesen, dass die Antwort, die einem in den ersten drei Sekunden auf eine Frage einfällt, die Richtige sei. Genau danach lebe ich seit dem „Digital Detox“: Ich entscheide mehr intuitiv und spontan. Studienschwerpunkt? Ich folge meinem Gefühl. Urlaub? Am meiner Meinung nach besten Ort. Neue Fremdsprache? Ich verlasse mich gänzlich auf meine innere Stimme und stelle fest: Alles ist deutlich einfacher.

Das Luxusproblem meiner Generation sind zu viele Optionen. Immer mehr Bereiche unseres Lebens werden digitalisiert: Sei es die Partnersuche, die durch Apps ersetzt wird, das Einkaufen, welches zum Großteil per Mausklick funktioniert, oder aber das Aneignen von Wissen auf Webseiten wie Wikipedia. Wir müssen uns stetig online entscheiden, doch wir können es nicht.

Hilfreiches Experiment

Nach meinem „Digital Detox“ bin ich entscheidungsfreudiger geworden. Dennoch benutze ich inzwischen wieder das Internet. Mein Umgang damit hat sich aber gänzlich verändert. So ziehe ich Lexika der Internetsuche vor. Das Ergebnis bleibt länger im Gedächtnis. Stehe ich heute vor einer großen Entscheidung, suche ich nicht mehr Hilfe bei Google.

Suchmaschinen sind vielleicht in der Lage, „Gedanken“ zu lesen und Ergebnisse zu filtern, doch die richtigen Entscheidungen können nur wir selbst treffen: durch eigenes Nachdenken, ganz ohne den Einfluss der digitalen Welt.

1 http://www.google.com/intl/de_ALL/insidesearch/features/instant/about.html

2 http://www.google.com/intl/de_ALL/insidesearch/features/instant/about.html

 

 

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