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proRückzugsort gedrucktes Buch

Von / 9. Oktober 2014
Craig Santer (CC BY SA 2.0); Wer ein Buch aufschlägt kann eine andere Welt betreten. Als künstlerische Form lädt das Buch zum Versinken ein.

Gedruckte Bücher wird es immer geben. Denn solche Bücher bieten uns, was uns in der vernetzten Welt abhanden gekommen ist: Übersichtlichkeit und Endlichkeit. Die Digitalisierung verändert unseren Alltag. Sie verändert die Art wie wir kommunizieren, einkaufen, arbeiten – und wie wir lesen. Nachrichten können wir mit dem Smartphone abrufen, wir können Online-Zeitschriften abonnieren und Romane […]

Gedruckte Bücher wird es immer geben. Denn solche Bücher bieten uns, was uns in der vernetzten Welt abhanden gekommen ist: Übersichtlichkeit und Endlichkeit.

Die Digitalisierung verändert unseren Alltag. Sie verändert die Art wie wir kommunizieren, einkaufen, arbeiten – und wie wir lesen. Nachrichten können wir mit dem Smartphone abrufen, wir können Online-Zeitschriften abonnieren und Romane auf dem E-Book-Reader lesen.

Die neuen Lesegeräte sind mobil, leicht, handlich und ermöglichen es uns, Informationen jederzeit und an jedem Ort abzurufen. Durch die Digitalisierung entstehen nicht nur neue technische Möglichkeiten, sondern auch neue literarische Formen.

Was wir lesen, wird vernetzter und multimedialer. Artikel auf den Websiten von Zeitungen geben uns einen ersten Eindruck der neuen Erzählformen. Per Link gelangen wir zu Hintergrundinformationen sowie passenden Videos und können das Ganze kommentieren.

Vernetzte Bücher

Im Internet entstehen Bücher und Fernsehsendungen, deren Handlung von den Usern bestimmt wird. Amazon hat für seinen E-Book-Reader eine Funktion eingeführt, mit der die am häufigsten markierten Stellen der Leser gespeichert und für jeden einsehbar werden.

Das ist ein erster Schritt hin zur Vernetzung der Leser und zur Öffnung des Textes. In naher Zukunft können wir mit anderen Lesern über digitale Bücher diskutieren, sie umschreiben, alternative Enden erfinden und Hintergrundinformationen direkt nachlesen.

Das gedruckte Buch unterscheidet sich also vom digitalen – mit ihren jeweiligen Vorzügen werden beide in Zukunft fortbestehen, sich gegenseitig beeinflussen und verändern.

Jedes Buch hat zwei Geschichten zu erzählen: Die darin geschriebene und die eigene, wer es wann und wo gelesen hat. Hier erzählen Büchertische in Berlin von ihrer Wanderung durch viele Hände.(Foto: CC BY SA 2.0-Lizenz)
Jedes Buch hat zwei Geschichten zu erzählen: Die darin geschriebene und die eigene, wer es wann und wo gelesen hat. Hier erzählen Büchertische in Berlin von ihrer Wanderung durch viele Hände.(Foto: CC BY SA 2.0-Lizenz)

Bis zur letzten Seite

Ein gedrucktes Buch ist nicht nur eine Verpackung, deren Inhalt mit anderen Medien ebenso vermittelt werden kann, sondern auch eine künstlerische Form. Ein gedrucktes Buch können wir von vorne bis hinten durchlesen, ohne dass es sich währenddessen verändert, neue Textteile erscheinen oder wir durch Verweise abgelenkt werden.

Wenn wir auf der letzten Seite angelangt sind, können wir es mit dem Gefühl, es ausgelesen zu haben, beiseite legen. Diese Linearität, Endlichkeit und Abgeschlossenheit kann nur das gedruckte Buch bieten.

In der digitalen Welt hingegen haben wir ständig Zugriff auf mehr und noch mehr Informationen. Der Leseprozess ist wie Laufen durch einen Raum mit vielen Türen, wobei hinter jeder Tür ein neuer Raum mit neuen Türen wartet, durch die wir gehen können.

Für manche Inhalte, beispielsweise wissenschaftliche, können diese Möglichkeiten beim Entwickeln neuer Ideen helfen und kreative Prozesse beflügeln. In der Freizeit können sie unterhaltsam und spannend sein – aber auch sehr ablenkend. Wir können uns nicht konzentrieren.

Ein gedrucktes Buch lädt dazu ein, darin zu versinken, es sich anzueignen und das Gefühl zu bekommen, es vollständig erfassen zu können.

Das wird gerade im digitalen Zeitalter immer wichtiger. Inmitten einer stetig anschwellenden Informationsflut brauchen wir ab und an den begrenzten Raum eines gedruckten, übersichtlichen, endlichen und unüberwachten Buches.

Begrenztheit genießen

Beim analogen Lesen hinterlassen wir keine digitalen Spuren, unser Verhalten wird nicht ausgewertet und wir bekommen keine passende Werbung angezeigt. Das gedruckte Buch ist einer der wenigen nicht vernetzten Rückzugsorte.

Gerade die Begrenztheit des Buches erweitert die Möglichkeiten unserer Fantasie und eröffnet einen Raum, der mit eigenen Gedanken und Bildern gefüllt werden kann – und nicht mit vorgegebenen Links und Videos.

Wir haben stets die Freiheit, zu entscheiden, ob wir einen offenen oder einen abgeschlossenen Raum, ein digitales oder ein gedrucktes Buch wollen.

Ein gedrucktes Buch bietet uns auch eine gewisse Sicherheit. Als Speichermedium hat es sich bewährt. Papyrus und Pergament überdauern seit Jahrhunderten. Wie lange Festplatten und Mikrochips halten und ob nicht vielleicht alles eines Tages einem großen Hackerangriff zum Opfer fallen wird, wissen wir nicht.

Ein Buch, das wir heute in der Hand halten, kann in 50 Jahren noch gelesen werden, ob das für die auf unseren Computern gespeicherten Texte gilt, ist unklar.

Individueller Erinnerungsträger

Neben Sicherheit bieten uns gedruckte Bücher Persönlichkeit und Individualität, denn kein Buch gleicht dem anderen.

Bücher weisen immer eine Geschichte auf – sie erinnern uns. Vielleicht hat der ehemalige Besitzer seinen Namen eingetragen, vielleicht sind Stempel darin oder Kaffeeflecken. Sätze sind unterstrichen, Gedanken mit Bleistift dazukommentiert. Und warum hatten wir da noch mal ein Herz hingemalt?

Ein E-Book hingegen ist vor allen Dingen praktisch. Wir können die Schrift vergrößern, die Bildschirmhelligkeit verändern. Als Erinnerungsträger taugt das digitale Buch nicht. Auch deshalb werden wir immer an gedruckten Büchern hängen.

 

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