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proErinnerungsträger gedrucktes Buch

Von Camilla Lindner / 9. Oktober 2014
Camilla Lindner; Das Bücherregal von sagwas Autorin Camilla Lindner ist voller Bücher und Geschichten.

Digitale Bücher werden nie die gedruckten ersetzen. Denn letztere sind nicht nur Träger fremder Erzählungen, sondern auch unserer eigenen Geschichten. Meine Bücherregale sind voll, meine Wohnung klein. Eines Tages beschließe ich, meine Bücher zu verkaufen. Ohne Bücher hätte ich mehr Platz und die Wohnung würde aufgeräumter und moderner aussehen. Ich würde mir einfach einen E-Book-Reader […]

Digitale Bücher werden nie die gedruckten ersetzen. Denn letztere sind nicht nur Träger fremder Erzählungen, sondern auch unserer eigenen Geschichten.

Meine Bücherregale sind voll, meine Wohnung klein. Eines Tages beschließe ich, meine Bücher zu verkaufen. Ohne Bücher hätte ich mehr Platz und die Wohnung würde aufgeräumter und moderner aussehen.

Ich würde mir einfach einen E-Book-Reader kaufen und einen Haufen digitale Bücher dazu. Dann hätte ich keinen Ärger mehr mit geknickten Seiten und schweren Taschen auf dem Weg zur Uni.

Während ich die Bücher aus dem Regal auf verschiedene Stapel verteile, kommen viele Erinnerungen hoch.

Ein Buch erzählt nicht nur eine Geschichte

Bücher sind nicht nur eine Aneinanderreihung von Zeichen, die eine Geschichte ergeben. Bücher sind auch Träger der eigenen Geschichten und somit Vermittler von Kultur und Historie. Das Buch wird beispielweise in den Urlaub mitgenommen und am Strand, auf der Wiese oder in einem Café gelesen.

Monate oder Jahre später fallen beim Herausholen des Buches aus dem Regal eine getrocknete Blume aus Südafrika, ein französisches Busticket zusammen mit Croissant-Krümeln oder ein paar Sandkörner von der Costa Brava heraus.

Der digitale Trend

„Im Moment liegt der Reiz noch in der neuen Technik des E-Books“ meint Sabine Seelow, der im baden-württembergischen Schorndorf eine Buchhandlung gehört. „Ich glaube aber, dass das Fühlen und Riechen auch jungen Menschen bald fehlen wird. Deshalb wird das Buch nie aussterben.“

Seelows Buchladen gibt es schon seit 1986. „Wir haben uns entschlossen, keine E-Books ins Programm zu nehmen. Aber unsere Kunden fragen auch gar nicht danach“, erzählt Seelow. „Wer heute in eine Buchhandlung geht, möchte ein gedrucktes Buch kaufen. Die Menschen, die E-Books kaufen, sind eher im Netz unterwegs und gehören somit nicht zu unserer Stammkundschaft.“ Seelow selbst liest nur gedruckte Bücher. „Die sind für mich einfach lebensnotwendig“, sagt sie.

Beim Lesen beobachtet

E-Books sind vor allem praktisch. Wenige Klicks im Internet führen zur gesuchten Lektüre. Wenn die Nutzungsrechte erworben sind, ist der Besitz der Buchdatei gesichert – zumindest temporär.

Denn die Kontrolle über das Buch besitzen stets Konzerne wie Amazon. Im Juli 2009 löschte Amazon die digitalen Ausgaben der George Orwell Literatur „1984“ und „Farm der Tiere“. Schuld sei der Rechteinhaber, so Amazon. Der habe auf das Löschen bestanden. Amazon versprach, dass so etwas nie wieder passieren werde.

Vielen Internetnutzern scheint es heute egal zu sein, dass jeder einzelne Klick gespeichert wird und dass jemand weiß, aus welchem Kaffeebecher wir bald trinken werden oder nach welchen peinlichen Fragen wir googeln.

Wollen wir auch beim Lesen überwacht werden? Bei einem der wenigen Aktivitäten, bei denen wir wirklich abschalten und in andere Welten abtauchen können? Ist die Vorstellung nicht seltsam, wenn nicht sogar beängstigend, dass jemand anderes darüber informiert ist, wie viel Zeit wir auf Seite 36 verbracht haben, dass wir zwei Kapitel übersprungen haben und dass wir das E-Book während unseres Madeira-Urlaubs lesen?

Beim Kauf eines gedruckten Buches sind wir alleiniger Eigentümer und können von diesem Eigentum voll und ganz Gebrauch machen. Seiten können beschrieben, geknickt und herausgerissen werden. Wann das Buch aus dem Regal verschwinden soll, liegt in unserer Hand. Und: Niemand beobachtet uns dabei.

Besser lesen auf Papier

Auf einem Flohmarkt keine Bücher mehr zu finden, scheint unvorstellbar. Gerade das Stöbern ist durch keine virtuelle Bibliothek zu ersetzen. Auch das Ausleihen von Literatur an Freunde hat sich mit digitalen Büchern erledigt. Die meisten elektronischen Bücher können seit August 2014 nicht mehr auf dem Zweitmarkt verwertet werden, da Anbieter die Weitergabe der Dateien verbieten können.

Der Hamburger Kinderbuchautor Finn-Ole Heinrich. (Foto: privat)
Der Hamburger Kinderbuchautor Finn-Ole Heinrich. (Foto: Denise Henning)

Das Cover und die Haptik eines gedruckten Buches sind ebenfalls nicht durch digitale Formate zu ersetzen. Sie spielen eine wesentliche Rolle beim Buchkauf. „Die Haptik des ganzen Buches wird immer wichtiger“, sagt Kinder- und Jugendbuchautor Finn-Ole Heinrich aus Hamburg.

„Wenn ich Bücher mache, dann sollen sie sich schön anfühlen, gut riechen und so aussehen, wie die Geschichte es erfordert.“ Vor allem bei Kinderbüchern spielen Aufmachung und Haptik eine wichtige Rolle. Ein Kind freut sich eher über ein gedrucktes Buch als über ein Recht an einem E-Book.

Ob auf gedrucktem Papier oder auf einem elektronischen Lesegerät schneller und besser gelesen werden kann, bleibt umstritten. Laut einer norwegischen Studie erinnern sich Probanden, welche die digitale Ausgabe gelesen haben, schlechter an die Geschichte als Probanden, welche die gedruckte Ausgabe gelesen haben.

Eine Studie der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz kommt hingegen zu dem Ergebnis, dass man sowohl digital als auch analog gut und effektiv lesen kann. Die Leser selbst ziehen in fast allen Studien die gedruckte Ausgabe vor.

Ich verkaufe meine Bücher lieber doch nicht. Sollen die Regale und die Wohnung doch voll sein. Ich verschenke und verleihe weiterhin Bücher und nehme sie mit auf Reisen, stelle leichte Lektüre auf die Toilette und Gruselgeschichten auf den Nachttisch.

Trotzdem will ich das digitale Buch nicht ignorieren. Lesen kann man es ja, nur eben ohne Verpackung, schlicht, handlich. Ein E-Book-Reader ist ein modernes Lesegerät für eine mobile Gesellschaft. Wir sollten nur bewusst konsumieren. Auch, weil Buchdateien wieder einfach gelöscht werden könnten.

Ray Bradbury schrieb 1953 in seinem dystopischen Roman „Fahrenheit 451“ über einen Staat, in dem Bücher verbrannt werden, da selbstständiges Denken als gefährlich gilt.

Das Löschen von Buchdateien durch Amazon erinnert skurrilerweise stark an Orwells „1984“, in dem der Mensch von einem Überwachungsstaat kontrolliert wird. Die Konsequenzen der Vernichtung von E-Books und Büchern sind ähnlich. Sie bedeuten den Verlust von Kultur und Historie und die Kontrolle anderer über die eigene Privatsphäre.

Bradbury sagte einmal in einem Interview, dass die Täter in seinem Buch nicht der Staat, sondern die Menschen selbst seien, weil sie das Verbrennen nicht verhindert haben.

Eine ganze Vernichtungswelle für E-Books wird es vermutlich nicht geben. Wenn, dann wird es sich um einen leisen, schleichenden Vorgang handeln. So weit sollten wir es aber nicht kommen lassen. Das analoge Buch wartet jedenfalls im Regal auf uns.

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