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contraSanieren statt Gentrifizieren

Von Judith Dauwalter / 6. November 2014
Ziska Thalhammer; In einem Youtube-Video saniert eine krakeelende Meute mit Affenmasken in Guerilla-Manier die heruntergekommene Wohnung in der Müllerstraße 6.

In vielen deutschen Städten explodieren die Mietpreise. Vor allem Wenigverdiener werden aus ihren Wohnungen verdrängt. In München kämpft eine Satire-Immobilienfirma gegen die Gentrifizierung. Ein graues Mehrfamilienhaus an einer Kreuzung mitten in München, 1950er Baujahr. Die Fensterscheiben sind gesprungen, die Fliesen voller Schimmel. Plötzlich stürmt eine krakeelende Horde Menschen mit Affenmasken das Gebäude und räumt auf, […]

In vielen deutschen Städten explodieren die Mietpreise. Vor allem Wenigverdiener werden aus ihren Wohnungen verdrängt. In München kämpft eine Satire-Immobilienfirma gegen die Gentrifizierung.

Ein graues Mehrfamilienhaus an einer Kreuzung mitten in München, 1950er Baujahr. Die Fensterscheiben sind gesprungen, die Fliesen voller Schimmel.

Plötzlich stürmt eine krakeelende Horde Menschen mit Affenmasken das Gebäude und räumt auf, putzt, streicht, verlegt – alles in Guerilla-Manier. Am Ende sind lichte, ansprechende Räume, die geschmackvoll eingerichtet sind, zu sehen.

Das Video dieser Sanierung hat mehr als 180.000 Klicks auf Youtube gesammelt. Das Ergebnis der Aktion: Statt dem geplanten Abriss und Neubau soll die Müllerstraße 6 nun zunächst saniert und mitsamt dem großen Bolzplatz daneben erhalten werden.

Vorher hatte die Stadt München noch behauptet, das Gebäude sei „unrenovierbar“. Eine Vermutung, die in einem Lied der Urban-Brass-Band Moop Mama formuliert wird, liegt nahe: „Es geht gar nicht um’s Wohnraumschaffen, vielleicht eher um’s Kohlemachen.“

In München sind die Immobilienpreise in den vergangenen Jahren explodiert. Die Stadt zieht massenweise Investoren an. Geringverdiener haben das Nachsehen und werden in die Peripherie verdrängt. Statt bestehenden Wohnraum für sie bewohnbar zu machen, werden Luxushütten gebaut.

Hinter der Sanierungsaktion und dem zugehörigen Video steckt eine Firma, deren Name und Image so gar nicht dazu passen wollen: Goldgrund Immobilien. Die Homepage wirbt mit edelsten Wohnmöglichkeiten, vorgestellt in geschliffener Maklersprache. Zwischen den Zeilen ist skrupellose Vermarktungstaktik zu erkennen.

„Wir schlagen den Feind mit seinen eigenen Mitteln“, erklärt Journalist Alex Rühle die Idee hinter seiner fiktiven Firma „Goldgrund Immobilien“. (Foto: Alex Rühle)
„Wir schlagen den Feind mit seinen eigenen Mitteln“, erklärt Journalist Alex Rühle die Idee hinter seiner fiktiven Firma „Goldgrund Immobilien“. (Foto: Alex Rühle)

Doch das ist nur Fassade. „Wir schlagen den Feind mit seinen eigenen Mitteln“, erklärt Journalist und Goldgrund-Mitbegründer Alex Rühle. Für ihn war vor zwei Jahren ein Punkt erreicht, an dem er die Entwicklung von „homogenen Reichenquartieren, Segregation durch Miete und immer weniger normal verdienenden Familien in Stadtnähe“ nicht mehr tolerieren wollte.

Statt klassischer Protestaktionen entschied er sich mit Filmemacher Christian Ganzer und Kleinkunst-Veranstalter Till Hofmann für einen ungewöhnlichen Widerstandsweg und gründete die Satire-Immobilienfirma Goldgrund Immobilien.

Ihre Aufgabe ist es, die Verantwortlichen negativer Stadtentwicklung nachzumachen, ihre Taktik aufzuzeigen und gleichzeitig konkret zu agieren, wie etwa mit der Sanierung in der Müllerstraße. Bei Goldgrund engagieren sich mittlerweile viele empörte Münchner tatkräftig. Auch der Fußballer Mehmet Scholl und der mittlerweile verstorbene Kabarettist Dieter Hildebrandt unterstützen Goldgrund.

Deutschlandweites Phänomen

Stadtentwicklungen wie die in München haben in den vergangenen Jahren deutschlandweit Diskussionen ausgelöst. In Köln-Ehrenfeld beispielsweise protestierten vor allem Künstler aus Sorge um die massive Veränderung gewachsener bunter Strukturen gegen den Neubau eines Einkaufszentrums.

Widerstand gab es auch gegen die Internationale Bauhausausstellung im ehemaligen Hamburger Problemstadtteil Wilhelmsburg – aus Angst, dass mit der Aufwertung Verdrängung einhergehen würde.

Im Frühsommer 2014 wurden die Bebauungspläne des Tempelhofer Feldes in Berlin per Volksentscheid abgelehnt. Befürchtet wurden unter anderem Großinvestoren, die Luxuswohnungen bauen statt sozialen Wohnungsbau zu betreiben.

All diesen Protesten liegt die Angst zugrunde, dass der Kampf um Wohnraum einmal mehr mit dem Geldbeutel entschieden wird. Es ist die Angst vor der viel beschworenen Gentrifizierung.

Stadtsoziologin Ingrid Breckner aus Hamburg: „Die Sache ist ernst – in einkommenshomogenen Siedlungsstrukturen erlahmen produktive Energien schnell.“ (Foto: Altona Magazin)
Stadtsoziologin Ingrid Breckner aus Hamburg: „Die Sache ist ernst – in einkommenshomogenen Siedlungsstrukturen erlahmen produktive Energien schnell.“ (Foto: Altona Magazin)

Produktive Energien erlahmen

„Das ist ein Begriff, mit dessen Verwendung ich recht unglücklich bin, denn die meisten als Gentrifizierung bezeichneten Erscheinungen haben hiermit wenig zu tun“, sagt Ingrid Breckner, Stadt- und Regionalsoziologin an der HafenCity Universität Hamburg.

Gentrifizierung bezeichnet zunächst eine von mehreren möglichen sozialen Veränderungen in Stadtvierteln. Die vielfältigen Probleme moderner Stadtentwicklung nennt Breckner lieber beim Namen: knapper Wohnraum, steigende Mieten, Verdrängung, Alterung.

„Gentrifizeriung an sich ist weder empirisch fundiert noch auf die individuelle Situation jeder Stadt gleichermaßen anwendbar“, sagt Breckner. Negativen Ursachen und Mechanismen städtischer Veränderung könne man nur mit „umfangreichem Detailwissen“ über die Lage vor Ort begegnen, so die Forscherin.

Das sei auch dringend nötig, „denn die Sache ist ernst“. In einem Aufsatz schrieb Breckner: „Zu bekämpfen sind nicht die Gentrifier. Sondern die Strukturen und Prozesse, die zur sozialen Spaltung urbaner Lebenswelten und zur Zerstörung der Ressourcen aller Bewohner einer Stadt beitragen.“

Die Städte müssen Investoren laut Breckner klare Vorgaben machen – etwa hinsichtlich qualitativ hochwertigen Bauens und gemischter Nutzung. Auch Mittel- und Geringverdienern müsse das Wohnen in der Stadt ermöglicht werden.

Alle Bürger sollten in Fragen der Stadtentwicklung demokratisch eingebunden werden. Ältere Gebäude dürften nicht vorschnell abgerissen werden. Stattdessen sollten Zwischennutzungen gefördert und Leerstände beobachtet werden.

Die Hamburger Wissenschaftlerin warnt vor einkommenshomogenen Siedlungsstrukturen – egal welcher Gehaltsklasse. „Dann erlahmen produktive Energien für attraktive Stadtstrukturen und deren Entwicklung“, sagt sie

Alle Hände voll zu tun

Bei Goldgrund in München sind die produktiven Energien noch lange nicht erlahmt. Nach dem Erfolg in der Müllerstraße 6 lud die Satirefirma zu einer besonderen Stadtrundfahrt, einer „Verkaufstour“ von „Filetstücken und Leckerbissen des Münchner Immobilienmarktes“ – allesamt renovierungsbedürftig oder leerstehend.

„Wir können nur spekulieren“, versichern die selbsternannten Makler im feinsten Zwirn und mit unschuldig-falschem Lächeln. Die Busfahrt endet vor einem fast unbewohnten, heruntergekommenen Haus.

Die Stadt hat darauf reagiert: Sie will Leerstände nun regelmäßig überprüfen. „Wenn Wut, soziale Intelligenz, Anschaulichkeit und schlaue Kommunikation zusammenkommen, geht eine Menge auch dort, wo sonst stoisch behauptet wird, dass nichts geht“, kommentierte die FAZ vor einem Jahr.

Goldgrund-Initiator Alex Rühle will mit seinem ungewöhnlichen Projekt zu Engagement motivieren. „Wir wollen den Leuten zeigen: Das ist auch eure Stadt und ihr könnt etwas tun!“

Zum Beispiel für die Müllerstraße 2 und 4. Die benachbarten Gründerzeithäuser der geretteten Nummer 6 sind nämlich immer noch vom Abriss bedroht. „Wir haben weiterhin alle Hände voll zu tun“, sagt Rühle.

 

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