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Von Sophia Hofer / 4. Dezember 2014
picture alliance / dpa

Seit der Streaming-Anbieter Netflix in Deutschland gestartet ist, ist das Internet-Fernsehen nun wirklich auf dem Vormarsch. Was bietet das Fernsehen „on demand“?

Seit der Streaming-Anbieter Netflix in Deutschland gestartet ist, ist das Internet-Fernsehen nun wirklich auf dem Vormarsch. Was bietet das Fernsehen on demand?

Filme und Serien rund um die Uhr, wo und wie der Zuschauer will, für weniger als zehn Euro im Monat: So lauten die Versprechen der Streaming-Plattformen Watchever, Netflix, Maxdome und Snap. Video-on-Demand (VoD) ist das neue, individualisierte Online-Fernsehen.

Bisher ist legales Fernsehen im Internet noch eine Randerscheinung in Deutschland. In den USA hingegen schaut laut einer Studie nur noch knapp ein Drittel der 18- bis 34-Jährigen regelmäßig Linear-TV.

Online-Fernsehen könnte auch in Deutschland bald zum Massenphänomen werden. Seit Herbst dieses Jahres gibt es den US-amerikanischen Unterhaltungsgiganten Netflix auch hierzulande. Mehr als 50 Millionen Menschen zahlen bereits weltweit für den Streamingdienst.

Mit der Allgegenwärtigkeit des Internets und der mobilen Endgeräte wie Smartphone oder Tablet haben sich die Sehgewohnheiten verändert. Das Fernsehen im TV-Gerät hat Konkurrenz bekommen.

Laut einer Studie des deutschen Internet-Providers United Internet blicken Menschen, die eigentlich eine Sendung auf ihrem Fernseher schauen, währenddessen durchschnittlich zwei Mal pro Minute auf ihr Online-Gerät. Während der Werbung wenden sie sich schon nach drei Sekunden den Inhalten des Internets zu. Eine mögliche Zukunft: Bald werden die Konsumenten ihre Fernsehgeräte gar nicht mehr beachten.

Unabhängiger fernsehen

Seitdem dem Online-Streaming technisch und rechtlich fast nichts mehr im Wege steht, werden immer mehr VoD-Portale ins Leben gerufen. Neben Netflix versuchen auch Amazon (Prime Instant Video), Sky (Snap) und die Pro7Sat.1-Gruppe (Maxdome), die junge Generation der Digital Natives mit eigenen VoD-Portalen an sich zu binden.

Die Vorteile des Internet-Fernsehens liegen auf der Hand. Die Konsumenten bestimmen, was sie sehen wollen. Sie sind zeitunabhängig und müssen nicht mehr zappen. Es gibt keine Werbeunterbrechung, wenn es im Film gerade besonders spannend wird. Diese Vorzüge des Online-TVs werden traditionellem Fernsehen allerdings nicht das Garaus bereiten.

Volker Wortmann, Professor für Medien an der Universität Hildesheim (Foto: Sophia Hofer)
Volker Wortmann, Professor für Medien an der Universität Hildesheim (Foto: Sophia Hofer)

„Fernsehen wird es weiterhin geben“, sagt Volker Wortmann, Professor für Medien an der Universität Hildesheim. Herkömmliches Fernsehen biete ein Programm, das sich an den Tagesrhythmus des Zuschauers anpasse.

Morgens gebe es das Frühstücksfernsehen, abends Filme und Unterhaltungssendungen. „Das Fernsehen läuft auch, wenn Sie nicht schauen“, so Wortmann. „Es ist eine Parallelwelt, in die Sie sich einfach nur einklinken brauchen.“

Diese Parallelwelt bietet im Gegensatz zur Online-Welt auch noch eine gewisse Privatsphäre. Während im Internet jeder Klick werbewirksam analysiert wird, ist der Zuschauer im heimischen Wohnzimmer weitgehend anonym.

Die Last der Entscheidung

Bei Streamingdiensten muss sich der Konsument jedes Mal entscheiden, was er schauen möchte – und die Auswahl ist groß. Beim Fernsehprogramm kann er sich dagegen eher überraschen und regelrecht vom Angebot berieseln lassen.

Luca Lienemann  (Foto: Sophia Hofer)
Luca Lienemann (Foto: Sophia Hofer)

„Ich schaue oft Serien im Internet, aber manchmal weiß ich nicht, was ich gucken will. Beim Fernsehen muss ich das nicht wissen“, sagt der 20-jährige Student Luca Lienemann. „Ich zappe durch und bleibe irgendwo hängen.“ Einige Formate funktionieren auf dem Fernseher besser als online. Laut Medienwissenschaftler Wortmann sind Casting-Sendungen, Spiel- und Talkshows typische „Fernseher-Formate“.

Kaum Blockbuster online

Das herkömmliche Fernsehen bietet mehr Blockbuster als VoD-Anbieter. Die Suche nach Erfolgsfilmen wie „Harry Potter“ und „Herr der Ringe“ ist bei Netflix ergebnislos. Der Grund für das mangelnde Angebot ist die Rechtslage für Lizenzen in Deutschland.

Dennoch: Das Angebot online ist schier endlos.Bisher ist Maxdome hierzulande mit mehr als 60.000 Titeln der größte Anbieter. Netflix hat derzeit „nur“ 25.000 Titel im Repertoire. Ted Sarandos, Verantwortlicher für die Inhalte bei Netflix, begründet das relativ schmale Angebot damit, dass das Suchverhalten der deutschen Abonnenten erst untersucht werden solle. Netflix wertet also erstmal aus, was die Abonnenten in das Suchfeld eintippen. Wird ein Titel öfter gesucht, soll er in das Angebot mit aufgenommen werden.

Die VoD-Portale bieten nicht nur Filme und Serien zum Schauen an, sie produzieren sie teilweise auch selbst. Mit „House Of Cards“ und „Orange Is The New Black“ hat Netflix Qualitätsserien produziert, die sogar Emmys gewonnen haben.

Bei „House Of Cards“ stellt Netflix gleich die gesamte Staffel auf einmal zur Verfügung. Der Zuschauer muss nicht mehr auf die nächste Folge warten, sondern kann bei Bedarf die ganze Nacht durchschauen. Das verändert die Erzählstruktur von Serien. Die Geschichte hat mehr Platz, sich auszubreiten, Rückblicke zu Beginn einer Folge werden überflüssig und auch der Cliffhänger hat nicht mehr oberste Priorität.

Mit den Eigenproduktionen wollen die Streamingdienste sich vom herkömmlichen Fernsehen abheben und Abonnenten an sich binden. Nicht alle Serien sind bei jedem Dienst abrufbar. Serienjunkies müssen sich also entweder entscheiden oder gleich mehrere Dienste abonnieren, was teuer werden kann.

Wahrscheinlich wird sich das klassische Fernsehen wie einst das Radio zum „Nebenher-Medium“ entwickeln. Wir machen den Fernseher dann an, um nicht alleine zu sein, um ein Hintergrundgeräusch zu hören oder um uns zurückzulehnen und zu entspannen.

Aussterben wird das traditionelle Fernsehen jedenfalls nicht, denn auch dieses entwickelt sich weiter. Dank der Online-Mediatheken der Sender können auch die Viertel-nach-acht-Verweigerer ihre Lieblingssendung schauen, wann sie wollen.

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