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contraContra Abschaffung: Am Ball bleiben

Von Marlene Thiele / 6. August 2015
Sophie Hubbe // Die Urkunden sind allesamt Ehrenurkunden, unterschrieben vom Bundespräsidenten. Gemäß der erreichten Punktezahl erhält man eine Sieger- oder eine Teilnahmeurkunde.

Einmal in Jahr geht es auf die Tartanbahn: Seit 1951 springen, sprinten und werfen Schüler im Rahmen der Bundesjugendspiele um Ehren-, Sieger- und Teilnehmerurkunden. Die Online-Petition zur Abschaffung der Sportwettkämpfe übersieht viele ihrer Pluspunkte.

Christine Finke fordert in einer vielbeachteten Online-Petition die Abschaffung der Bundesjugendspiele. Nach Meinung der dreifachen Mutter demotiviere der Sportwettbewerb die Schüler, Sport zu treiben, und wirke als soziale Erniedrigung. Dabei wünscht sich das zuständige Kuratorium der Bundesjugendspiele laut offiziellem Aufruf eine genau gegenteilige Wirkung: „Die Bundesjugendspiele sind eine in dieser Form einmalige Gelegenheit, allen jungen Menschen über den Sport positive Werte zu vermitteln.“ Der Sportwettbewerb solle den Schülerinnen und Schülern „die verbindende Kraft von Fairplay, Engagement und Gemeinschaftsgeist“ nahebringen.

Ein solches Ziel ist edel und wichtig, vor allem in der heutigen Leistungsgesellschaft, in der es nur noch darum zu gehen scheint, schnellstmöglich einen Top-Uniabschluss zu erreichen. Laut den Organisatoren sollen die Bundesjugendspiele ein „fröhlich bewegtes Fest“ sein. Dagegen hätte vermutlich auch Christine Finke nichts einzuwenden.

Zu wenig Bewegung

Das Problem liegt also nicht in der Idee der Bundesjugendspiele, sondern in ihrer Umsetzung. Die Lösung ist eine Reform der Wettkämpfe, auf keinen Fall jedoch deren Abschaffung. Denn gerade bei Kindern sind positive Effekte durch Sport hinsichtlich ihrer Gesundheit, ihrer motorischen Geschicklichkeit und einer erhöhten Denkfähigkeit hinlänglich bekannt. Trotzdem bewegen sich laut Weltgesundheitsorganisation rund 80 Prozent der Kinder und Jugendlichen weltweit nicht ausreichend.

Um dem entgegenzuwirken, sollten Kinder Sport als positive Betätigung vermittelt bekommen. „Die Bundesjugendspiele in ihrer jetzigen Form konterkarieren dieses Ziel“, so Finke in ihrer Petition. Man muss also das Konzept verändern. Für ein besseres Gemeinschaftsgefühl könnten die Disziplinen auf Teamsport ausgeweitet werden. Gegen die Angst vor öffentlicher Demütigung sollten die Urkunden statt vor den anderen Schülern diskret mit den Endjahreszeugnissen vergeben werden.

Fitness lässt sich schnell verbessern

Jede Klasse kennt ihre unsportlichen Schüler selbstverständlich trotzdem. Wenn diese bei den Bundesjugendspielen Niederlagen erleben, ist das jedoch keineswegs schlecht. Es ist gut, früh zu lernen, dass man nicht immer Erfolg haben kann. Nur so können Kinder eigene Schwächen erkennen und daran arbeiten.

Natürlich sind bestimmte körperliche Voraussetzungen gegeben, doch mit ein wenig Training lässt sich die Fitness eines Jeden schnell verbessern. Üben müssen schließlich auch Schüler, die in den mehrfach jährlich geprüften Schulfächern Schwierigkeiten haben. Da hilft eine Anerkennung für die sportliche Leistung auch einmal über die Enttäuschung in Mathematik oder Französisch hinweg.

Erfolg im späteren Arbeitsleben haben auch nicht nur die Schüler mit Einser-Noten in den naturwissenschaftlichen Fächern. Das ist eine Weisheit, die Kinder nicht früh genug lernen können: So unterschiedlich wie die Menschen selbst sind auch ihre Fähigkeiten.

Vergleiche sind für die Entwicklung positiv

Hartmut Kasten, Entwicklungspsychologe und Frühpädagoge an der Universität München (Foto: privat)
Hartmut Kasten, Entwicklungspsychologe und Frühpädagoge an der Universität München (Foto: privat)

Wichtig sei lediglich, dem Nachwuchs klarzumachen, dass die unterschiedlichen Talente nichts mit dem Menschen an sich zu tun hätten, so Hartmut Kasten, Entwicklungspsychologe an der LMU München. „Wer in einem Punkt zurücksteht, sollte sich sicher sein können, dass sich dieses Zurückstehen nur auf diese eine Sache bezieht und nie auf seine Person als Ganzes.“

Dass Kinder sich gerne miteinander messen sei nicht schlimm und habe auch nichts mit einem Mangel an sozialen Fähigkeiten oder dem Druck der Leistungsgesellschaft zu tun. „Vergleichen ist ganz menschlich“, sagt Kasten. „Der Wettstreit ist für die Entwicklung der Kinder sogar durchaus positiv.“ Wenn der Freund etwas besser könne als man selbst, motiviere das schließlich, sich ebenfalls anzustrengen. „Problematisch wird es nur, wenn ein Kind immer wieder den Kürzeren zieht.“

Bis zu 140 Wettbewerbe auf Bundesebene

Glücklicherweise gibt es in der Bundesrepublik eine große Zahl an Möglichkeiten für Kinder und Jugendliche, ihre unterschiedlichen Begabungen unter Beweis zu stellen. Laut Achim Lipski, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft bundesweiter Schülerwettbewerbe, gibt es 90 bis 140 „ernstzunehmende Wettbewerbe“ auf Bundesebene. Bei den Wettbewerben ginge es beispielsweise um künstlerisches Talent, Erfindungsgeist oder mathematisches Geschick.

Das ist großartig für all die, die gut musizieren, forschen oder logisch denken können. Es gibt aber eben auch Schüler, die sich hauptsächlich über Sport profilieren. Warum sollen die Bundesjugendspiele gestrichen werden, während der internationale Wettbewerb „Känguru der Mathematik“ ausgeweitet wird?

Abändern statt Abschaffen

Nochmal: Statt die Bundesjugendspiele abzuschaffen, sollte man sie reformieren. Um den unterschiedlichen körperlichen Voraussetzungen gerecht zu werden, muss das Punktesystem nicht vom Alter, sondern von der Körpergröße abhängen. Zudem muss es ein Konzept geben, mit dem die Sportlehrer ihre Schüler gezielter in den Sportarten und in ihrer Teamfähigkeit schulen können. Dann werden die Bundesjugendspiele zu dem, was sie eigentlich schon immer sein sollten: eine schöne Gelegenheit, gemeinsam zu sporteln und aus dem gewohnten Schulalltag auszubrechen.

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