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proFreiheit neu denken

Von Sebastian Fobbe / 31. August 2021
picture alliance / Westend61 | VITTA GALLERY

Mehr Freiheit trotz Infektionen!? So verlockend es in dieser Zeit der Pandemie sein mag: Jetzt über Lockerungen nachzudenken, ist gefährlich. Besser wäre es, wir würden darüber diskutieren, welche Form von Freiheit wir überhaupt leben wollen.

Es ist eine harte Maßnahme, die Jacinda Ardern plant: Im August dieses Jahres verkündet Neuseelands Premierministerin, dass ihr Land erneut in den Lockdown muss – wegen nur einer einzigen Corona-Infektion. Seit dem Auftauchen von Sars-Cov-2 im vergangenen Jahr greift die neuseeländische Regierung mit aller Härte durch, sobald neue Ansteckungen bekannt werden. Man verfolgt eine „No-COVID“-Strategie, die dem Virus den Garaus machen soll.

Zunächst mit Erfolg: Bereits am 8. Juni 2020 erklärte Ardern den Inselstaat für „coronafrei“. Danach konnten die knapp fünf Millionen zählenden NeuseeländerInnen eine Zeit lang ein nahezu normales Leben führen – inklusive Partys, Großveranstaltungen und das alles ohne Maskenpflicht.

Zugegeben, da schaut man doch von Europa aus mit Neid auf’s andere Ende der Welt. Volle Stadien bei Konzerten und Sportereignissen, belebte Pubs und voll besetzte Hörsäle an den Unis – wann hatten wir das zum letzten Mal? Wäre es nicht gerade jetzt, wo das Impfziel fast erreicht ist und sich die Inzidenz trotz Delta-Variante auf einem moderaten Level einpendelt, wieder an der Zeit für Öffnungen und gelockerte Maßnahmen? Zeit also für ein größeres Ausmaß von Freiheit?

Kein Zurück zum Laissez-Faire

Aus Exit-Debatten wie diesen spricht ein allzu verklärtes Bild von Freiheit. Zu tun und zu lassen, was man will, ist eine rücksichtslose Auffassung dessen, was Freiheit darstellt. Die Freiheit der Einen endet immer dort, wo die Freiheit der Anderen anfängt. Freiheit ist das Gegenteil von Laissez-faire. Sie ist vielmehr Garantie, eine Art Basis für die Möglichkeit zu ungestörter Entfaltung. Respekt und Rücksicht sind dafür unverzichtbar. Ohne gelebte Solidarität wird aus Freiheit schnell ein Zustand, in dem das Recht des Stärkeren herrscht. Und ideal kann so ein Umstand wohl kaum sein.

Bei aller Kritik am Umgang mit dem Virus, sollte eigentlich klar sein: Grundsätzlich spricht nichts dagegen, Freiheitsrechte in einer Pandemie einzuschränken. Denn die Freiheit, zu tun, was man will, beißt sich mit dem Wunsch, gesund – sprich: virenfrei – zu bleiben. In der Coronapandemie gilt es, immer wieder die Balance zwischen diesen beiden Formen der Freiheit zu finden. Das ist mühsam und oft irritierend, aber notwendig und fair.

Für Liberale ist das Coronavirus darum eine blanke Zumutung. Kino, Restaurant, Sport, Konzerte, Shopping – an vieles, was das Leben schöner und lebenswert macht, war im Lockdown nicht zu denken. Den Dingen ihren Lauf zu lassen hätte verheerende Konsequenzen nach sich gezogen. Einige liberale KritikerInnen der Maßnahmen pochen dennoch weiter auf ihre festgeschriebene Freiheit – ganz egal, welche relevante Kennzahl die bestehenden Risiken der Pandemie beschreibt. Inzidenz? Sagt zu wenig aus! Intensivbetten? Lasst endlich das Zählen sein! Todesopfer? An oder mit Corona, das kann doch niemand genau sagen.

Was, möchte man an dieser Stelle rufen, soll denn noch alles passieren, damit die aktuellen Maßnahmen ernstgenommen werden? Reichen über 92.000 Todesopfer allein in Deutschland und schätzungsweise zehn Prozent Coronainfizierte mit Long Covid-Folgen nicht aus? Die Freiheit zu leben, wie man will, setzt ebendieses Leben voraus. Das scheinen manche zu vergessen.

Nicht nur Corona stellt unsere Freiheit in Frage

Doch die Corona-Maßnahmen sind vielleicht nur ein fader Vorgeschmack auf das, was auf uns zukommt, denn das Virus ist nicht der einzige Aspekt, der unsere Freiheit herausfordert. Auch die Klimakrise wird in Zukunft das Maß des Möglichen beschränken. Womöglich müssen wir uns so oder so daran gewöhnen, dass Freiheiten, wie wir sie bisher kannten, auf Dauer beschnitten werden müssen, ganz einfach um unser Überleben zu sichern. Mal schnell am Wochenende um den halben Globus jetten oder ohne schlechtes Gewissen Berge aus Fleisch verschlingen – das könnte früher ein Ende haben, als vielen lieb ist. Genau kann das zwar niemand vorhersagen, aber die Anzeichen verdichten sich. Der kürzlich veröffentlichte Bericht des Weltklimarates (Intergovernmental Panel on Climate Change, IPCC), der der viel diskutierten 1,5-Grad-Grenze geringe Chancen einräumt, lässt jedenfalls wenig Raum für Optimismus.

In der Klimapolitik scheint somit dieselbe Annahme vorzuherrschen: Ungestörte Freiheit wird einstweilen nur da möglich sein, wo die Freiheit des Anderen nicht eingeschränkt wird. Das hat auch das Bundesverfassungsgericht Ende April mit dem Urteil zur Klimaklage bestätigt: Klimaschutz hat seitdem quasi Verfassungsrang – die Bundesregierung ist dazu verpflichtet, die Freiheitsrechte kommender Generationen bei ihren Entscheidungen mitzudenken.

Neue Spielregeln für eine neue Freiheit

Auf diese Weise stellen Corona und Klima neue Spielregeln für ein faires Miteinander auf. Es scheint fast so, als wolle uns die Natur zum Umdenken aufrufen, uns mahnen, den Blick für das zu schärfen, was abseits von dem Wunsch nach Freiheit nicht weniger relevant ist: Gesundheit, eine intakte Umwelt und nachhaltiges Wirtschaften. Wir können die Klimakrise bremsen und auch die Wahrscheinlichkeit künftiger Pandemien senken. Das heißt aber auch: Wir müssen Abschied nehmen von grenzenloser unternehmerischer Freiheit und blindem Konsum.

In diesem Sinne wäre die Coronakrise vielleicht sogar hilfreich dabei, alte Freiheitsideale über Bord zu werfen und unsere Vorstellungen von Freiheit neu zu denken. Als Menschen sind und bleiben wir biologische Wesen, das heimtückische Coronavirus bestimmt so lange unser Leben, wie es noch außer Kontrolle ist. Ihm und auch den von uns mitverantwortenden Naturgewalten kommen wir nicht bei, indem wir unsere bisherigen Freiheiten hochhalten.

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