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contraKulturelle Aneignung ist Zeichen kultureller Anerkennung

Von Andrea Burkhardt / 29. September 2022
picture alliance / CHROMORANGE | Udo Herrmann

Die Debatte zur kulturellen Aneignung kocht weiterhin heiß. Dabei sollte es nicht um Verbote gehen, sondern um Respekt. Wir können darin einen Tribut an die Andersartigkeit erkennen.

In der Debatte um kulturelle Aneignung ist immer wieder die Rede von der Nutzung positiver Effekte, ohne dass die negativen erfahren oder wahrgenommen würden. Gemeint sind damit beispielsweise weiße Menschen, die Dreadlocks tragen. Diese wollten, so heißt es, damit die Aufmerksamkeit im positiven Sinne auf sich ziehen, aber die negativen Auswirkungen der eigentlich dahinterstehenden kulturellen Ausgrenzung nicht spüren. So zumindest die Vorwürfe.

Aber geht es wirklich darum, dass etwas angeeignet werden kann bei fortbestehender Ausgrenzung? Oder ist die Frage nicht eher, ob die Kulturen sich vermischen dürfen – und sollten?

Fortschritt braucht Aneignung

Vieles liegt im Auge des Betrachters. Kaum ein Kind, welches sich zu Fasching als Indianer oder Cowboy verkleidet, weiß um den geschichtlichen Hintergrund dieser Personen. Wenn überhaupt, dann wird darin etwas Heldenhaftes erkannt, an dem teilzuhaben Freude bereitet. Und so ist es meist eben dieses Unwissen, das Menschen Dinge tun lässt, die andere möglicherweise verletzten. Fakt ist aber, die allermeisten tun dies nicht absichtlich. Die Frage sollte doch darum eher lauten: Was genau bewegt Menschen, sich kulturell etwas anzueignen? Was ist ihr Motiv? Ist es wirklich eine böse Absicht, die dahintersteckt?

Es wird hier häufig mit zweierlei Maß gemessen. Was wäre, wenn eine Gruppe Koreaner in Dirndl und Lederhose über das Oktoberfest läuft? Würde dann jemand behaupten, dies ist ein Akt von Rassismus? Eher nicht. Eher würde dieser Jemand wegen Fremdenfeindlichkeit verurteilt werden.

Wenn man das weiterspinnt, dürften dann Violinisten aus China Klassik spielen? Was dürfen die Australier, welche in Asien geboren wurden? Dürfen wir Deutschen noch Kompositionen des Österreichers Mozart spielen? Oder Shakespeares Stücke aufführen? Dürfen wir hier im Westen indischstämmige Yoga-Übungen praktizieren? Oder gar eine andere Fremdsprache erlernen? Das klingt absurd. Aber machen wir es ganz simpel: Eine Sprache, die nicht mehr benutzt wird (von wem auch immer), stirbt aus. Und mit dieser womöglich eine ganze Kultur. Dies ist die Kehrseite, wenn kulturelle Elemente nicht geteilt werden.

Das Hauptargument von Kritikern kultureller Aneignung tendiert dahin, dass kulturelle Elemente verloren gingen oder verfälscht würden. Aus dieser Sicht wird Kultur allerdings zu etwas Statischem, was der Wirklichkeit zuwiderläuft. Sie übersieht, dass Menschen ihre Inspiration meist aus anderer Leute Bücher gewinnen, von den Werken anderer Komponisten und Musikern, von Malern, Modedesignern, Rechts- und Medizinsystemen. Diese können derselben, einer ähnlichen oder einer anderen Kultur entspringen. Die Liste ließe sich unendlich lange fortführen.

Nachahmung ist eine der einfachsten und effizientesten Methoden, um etwas zu lernen, um Lösungen für Probleme zu finden oder aber um Probleme zu vermeiden, weil man die Fehler anderer unterlässt. Das verdeutlicht doch, dass ein Sachverhalt wie dieser, der an sich gleich bleibt, in so verschiedenen Kontexten völlig unterschiedliche Wirkungen entfalten kann.

Teilen als Notwendigkeit

Die Debatte um kulturelle Aneignung ist heikel und wird erbittert geführt. Auseinandersetzungen mit einem ideologischen Antirassismus werden von vielen – Intellektuellen, aber auch von Lehrern und Medien – vermieden. Mit dieser Zurückhaltung solle die angestrebte gesellschaftliche Fortschrittlichkeit am Ende gewahrt und die Deutungshoheit nicht durch Sachkompetenz in Frage gestellt werden. So zumindest scheint es.

Doch insbesondere die aktuelle Diskussion um Karl May lässt nun einige laut werden und Einspruch erheben. Das Konzept der kulturellen Aneignung im Kontext eines Rassismusvorwurfs führt aber meiner Einschätzung nach letztlich ins Leere. Es geht hierbei mitnichten um Diebstahl. Es geht um Teilhabe, es geht um Vielfalt und um die Menschheit, also uns alle. Wo stünden wir, wenn Volksgruppen nicht ständig kulturelle Teile anderer Völker übernommen hätten? Ein Prozess des Austauschs ist das, der gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann für unsere Entwicklung und unser Leben. Im Übrigen war Karl May alles andere als ein Rassist. Zahlreiche Passagen in seinen Werken belegen, dass er die Indianer und ihre Kultur am Ende des 19. Jahrhunderts vor den Folgen des Kolonialismus und Rassismus schützen wollte.

Sagen wir es also deutlich: Ist kulturelle Aneignung ein Fehler? Keineswegs! Sie ist wünschenswert und sollte unter dem Dach der kulturellen Anerkennung gefasst werden.

Wir leben nunmal in einer globalisierten Welt und sollten aufeinander zugehen. Ich sehe es positiv, wenn kulturelle Symbole gezeigt werden, ohne dieser Kultur anzugehören. Ist es denn nicht ein Kompliment, ein Ausdruck von Bewunderung, wenn man so sein möchte wie die anderen? Eine am besten wechselseitige Wertschätzung auch über kulturelle Symbole könnte ein Weg sein, Trennendes, Spaltendes zu überwinden. Wenn wir uns den Kopf darüber zerbrechen müssen, was ist erlaubt und was nicht, schreibt dies die Muster von Diskriminierungen und Misstrauen und Abspaltung nur fort. Das sollten wir nicht zulassen. Das Zeitalter des Miteinanders ist doch schon angebrochen.



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