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proUnzulässige Vereinnahmung? Diebstahl? Das ist nicht das Thema!

Von Hilistina Banze / 29. September 2022
picture alliance / Westend61 | Jose Carlos Ichiro

Einen sensiblen Umgang mit kulturellen Zusammenhängen braucht es auf jeden Fall. Aber vorher muss der Bewertungsmaßstab beiseitegelegt werden, der vor allem eine Andersartigkeit anzeigt, die Rangordnung vor Vielfältigkeit stellt.

Aktuell ist die Debatte darüber im Trend, ob oder wieweit kulturelle Aneignung erlaubt oder verboten sein sollte. Ist es eine „unzulässige Vereinnahmung“ oder ein „Tribut an die Andersartigkeit“, um den es dabei geht? Abgesehen von derartigen Fragestellungen scheint außerhalb diverser Communities nicht viel angekommen zu sein.

Ich schreibe darum hier aus einer Position als Schwarze Person. Schwarz und weiß werden in diesem Kommentar bewusst groß beziehungsweise kursiv geschrieben, da es sich um politische Analysekategorien handelt und nicht um Farben.

Ob es konservative Politiker*innen sind, welche in illustrer weißer Runde in so manchem Fernsehstudio den Export des Oktoberfests als unzulässig beklagen , oder Aktivist*innen von Fridays for Future, die Dreadlocks bei weißen Menschen verbannen wollen: Kulturelle Aneignung scheint mit Verboten untrennbar zusammenzuhängen.

Nicht nur Wahrzeichen, sondern Widerstand

Mir zeigt sich dabei, dass diese eigentliche Problematik von vielen weißen Menschen nicht angemessen wahrgenommen oder sogar reflektiert wird. Den oft nicht-weißen Menschen, die Erfahrung mit Rassismus machten und machen, geht es als Betroffenen nie bis selten bei der Frage nach kultureller Aneignung um Verbote. Uns treibt die fehlende Anerkennung historischer Bezüge um, die von Schmerz und Tod handeln, von Macht und davon, wie mächtige Menschen Profit aus etwas schlagen, wofür andere, weniger einflussreiche Menschen diskriminiert und schlimmstenfalls sogar mit dem Tod bestraft wurden und werden.

So stehen Frisuren wie Dreadlocks, das Wahrzeichen der Reaggae-Kultur schlechthin, oder Cornrows, eine aus Afrika stammende Flechtfrisur, für den Widerstand Schwarzer Menschen gegen rassistische Gräueltaten. Einige dieser Frisuren dienten früher auch dazu, die Leben unterdrückter, versklavter Schwarzer Menschen zu retten, indem sie sich etwa Reis in die Haare als Proviant einflochten oder sich Nachrichten mithilfe der Formen ihrer gebundenen Zöpfe übermittelten.

Der Schmerz ist echt

Afrohaare aber sind bis in die Gegenwart stigmatisiert. Wenn heute Schwarze Menschen ihre natürlichen Haare nicht glätten, gelten wir noch immer als verdächtig oder weniger seriös als weiße Menschen mit afrikanischer Haartracht wie den erwähnten Cornrows. Selbst Afro-Perücken gehen bei weißen Menschen als „lustig“ durch, während Schwarze Menschen mit einem natürlichen Afro Demütigungen und übergriffigem Verhalten ausgesetzt sind.

Nicht die Frage, ob eine Person sich zurecht angegriffen fühlt, steht im Raum, denn der Schmerz ist echt. Die tatsächliche Frage ist, warum dieselbe Handlung, dasselbe Lebensmittel, dieselbe Äußerlichkeit, dieselbe Wortwahl etc. anders angenommen werden, sobald deren Träger*innen jenen Personen entsprechen, auf die grundsätzlich der Bewertungsmaßstab, was „anders“ ist und ob dieses vermeintlich „Andere“ gut oder schlecht „anders“ ist, angesetzt wird?

Vor Fragen wie denjenigen, ob und ab wann kulturelle Aneignungen als übergriffig gelten können oder doch richtig sind, sollte eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den Perspektiven der Aktivist*innen aus den verschiedenen betroffenen Communities stattfinden. Auch Angehörige dieser Communities unterscheiden sich in ihren Haltungen zu einzelnen Standpunkten in Sachen kultureller Aneignung. Manche Schwarze Menschen verletzt es, wenn sie ausgerechnet weiße Menschen das N-Wort rappen hören, weil sie sich dabei der Geschichte dieses besonderen Wortes und der damit verbundenen Musikrichtung gewahr werden, die sie in sich tragen. Währenddessen gibt es andere Schwarze Menschen, die weniger sensibel in diesem Zusammenhang reagieren.

Es geht um Bildung, nicht Einbildung

Es lässt sich schnell argumentieren, dass diese historischen Bezüge gar nicht oder viel zu wenig in der Schule erwähnt werden und somit nur interessierte Menschen mit speziellen Kenntnissen das damit verbundene Problem überhaupt erkennen können. Schulen sind sicherlich Teil des Problems, denn der dort vermittelte Bildungshintergrund wird der Vielfalt der in der Gesellschaft vertretenen Communities nicht gerecht. Dafür gibt es aber zum Glück genug Aktivist*innen, die ihr Wissen in eigenen Büchern und im Internet teilen. Gute Artikel, Podcasts und Youtube-Videos gibt es genug.

Schwarze Menschen wie ich verbinden mit dem Ausdruck „kulturelle Aneignung“ keine Verbote, sondern all die nicht anerkannten Geschichten, ausgeblendeten Perspektiven und belächelten Bemühungen um Selbstbestimmung. Die Frage ist für uns nicht die, ob es sich bei kultureller Aneignung um Diebstahl handelt oder um unzulässige Vereinnahmung.

Wir müssen viel eher fragen: Wie ließe sich die Debatte von hier aus weiterentwickeln? Ich wünsche mir, dass es mehr Sendungen wie “Karakaya Talks“ gibt, „die erste Talkshow, die Deutschland aus einer Perspektive of Color diskutiert“, wie es nach eigenen Angaben heißt, die zwischen 2019 bis 2020 von Funk, dem Online-Netzwerk von ARD und ZDF, produziert wurde. Genauso sehr wünsche ich mir, dass eine wöchentliche Folge der “Besten Instanz“, Gegenpart zu der WDR-Sendung „Die letzte Instanz“ mit gern rein weiß besetzter Prominentenrunde ohne Sachkenntnis, ausgestrahlt wird. Und ich wäre mehr als froh, wenn solche Beiträge im öffentlich-rechtlichen Fernsehen vor allem zur besten Sendezeit gezeigt würden. So könnte vermieden werden, dass immer dieselben Fragestellungen aus immer derselben Perspektive beleuchtet werden.



Eine Antwort zu “Unzulässige Vereinnahmung? Diebstahl? Das ist nicht das Thema!”

  1. Von Leo Marchetti am 17. November 2022

    Was in diversen TV-Formaten auffällt, dass i.d.R. privilegierte POC eine Stimme finden, bei denen häufig ein Elternteil deutsch ist.
    Selten finden Meinungen von Menschen ein Gehör, die aus Afrika oder sonst woher zu uns geflüchtet sind und sich hier eine neue Existenz aufgebaut haben. Falls diese Personen doch eingeladen werden zu Plasberg und Co und anderer Meinung sein sollten , als die aus der Community in Deutschland Geborenen, wird ihnen unterstellt, sie seien weiterhin im Joch der Kolonisation und hätten sich von ihren Fesseln immer noch nicht befreit, würden die Wahrheit aber noch erkennen.
    Ein Mensch der sich über Frisuren, Aussehen und was auch immer anders aussehender Personen lustig macht ist ein Rassist.
    Was wären der Mensch ohne kulturelle Aneignung. Wo stünden wir in der Physik und der Medizin.

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