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debatteIst Tanzen als Therapieform geeignet?

Von Tom Albiez / 29. Mai 2020
Credits: Photo by Ahmad Odeh on Unsplash;

Tanzen macht Spaß und ist eine beliebte Freizeitbeschäftigung. Kliniken und Therapeuten gehen gar soweit und bieten Tanzen als Therapieform an. Bewegung als Mittel gegen körperliche und psychische Krankheiten. Was steckt da hinter?

Die Tanztherapie hat ihren Ursprung in den 1940er Jahren in den USA. Erst Jahrzehnte später fand sie ihren Weg auch nach Deutschland, dank Susanne Bender. Die Pädagogin und Therapeutin studierte in den USA Tanztherapie und brachte anschließend die dort erlernten Methoden nach Deutschland. 1987 gründete die damals 30-Jährige in München das Zentrum für Tanz und Therapie, das Workshops, Seminare und Ausbildungen rund um das Thema anbietet.

Mittlerweile trägt die Arbeit von Pionieren wie Susanne Bender deutschlandweit Früchte. Tanztherapie wird heutzutage in zahlreichen deutschen Städten angeboten und existiert inzwischen auch als Studienfach. Außerdem haben Kliniken für neurologische und psychosomatische Erkrankungen Tanzen in ihr therapeutisches Repertoire aufgenommen. Nur eine staatlich geregelte und anerkannte Ausbildung gibt es noch nicht.

Tanzen gegen Bewegungseinschränkungen

Tanzen hilft vor allem bei körperlichen Erkrankungen. Es wirkt dem Bewegungsmangel entgegen und schärft den Gleichgewichtssinn. Besonders hilfreich scheint eine derartige Therapie für Menschen mit Parkinson zu sein, da diese Schwierigkeiten haben, ihren Körper kontrolliert zu bewegen und ihn stabil zu halten. Hinzu kommt, dass Parkinsonpatienten generell unter verlangsamten und eingeschränkten Bewegungen leiden, schlimmstenfalls unter dem sogenannten Freezing, bei dem der Körper für eine Weile wie eingefroren wirkt und die Betroffenen zu keiner Handlung fähig scheinen. Genau dort setzt die Tanztherapie an, um Erkrankte wieder zu mobilisieren und ihnen erneut ein Gefühl für ihren Körper zu geben. Besonders geeignet scheinen hierfür klassische Tänze wie Tango oder Walzer. Doch obwohl der Mehrwert des Tanzens für Parkinsonerkrankte wissenschaftlich anerkannt ist, gibt es Parkinson-Tanzgruppen in Deutschland in gerade mal sechs deutschen Städten.

Auch Menschen mit Behinderungen können vom Tanzen profitieren. So gibt es spezielle Kurse für Menschen mit und ohne Behinderungen, die den gemeinschaftlichen Tanz mit einer inklusiven Zielsetzung vereinen. Selbst Rollstuhlfahrer können am professionellen Tanz teilnehmen. Hierfür existieren sogar nationale und internationale Meisterschaften, bei denen Rollstuhlfahrer im Duo oder in Kombination mit einem „Fußgänger“ ihre Tanzkür darbieten.

Tanztherapie ist nicht gleich Tanztherapie

Insgesamt lässt sich die Tanztherapie in drei Tanzformen unterscheiden. Die erste Form entspricht dem Nachahmungstanz, bei der die Teilnehmer die Bewegungen des Tanzlehrers zu imitieren versuchen. Diese Variante ist vor allem für Menschen geeignet, die geführt werden möchten und bei freierem Tanz eher zurückhaltend sind. Der tanztherapeutischen Theorie zufolge gibt man nämlich viel durch das Tanzen von sich preis. Alle prägenden Erlebnisse eines Menschen seien im Körper gespeichert und kämen durch das Tanzen zum Ausdruck, so eine Annahme. Tanzen ist demzufolge nicht bloß Selbsterfahrung, sondern auch eine Art Selbstoffenbarung. Im Idealfall greift der Therapeut die unbewussten oder zurückgehaltenen Gefühle des Patienten auf.

Für weniger gehemmte Tänzer bietet sich der Impulstanz an. Dieser Tanz unterliegt keinerlei Vorgaben und gibt den Patienten die Möglichkeit, sich in den eigenen Bewegungen frei auszudrücken und den eigenen Impulsen zu folgen. Die letzte Form der Tanztherapie umfasst zwar kontrollierte Bewegungen, ermöglicht aber den Teilnehmern, frei zu entscheiden, welche Gefühle dabei zum Ausdruck gebracht werden sollen. Unabhängig von der Tanzform haben Studien ergeben, dass intensives Tanztraining einen nachhaltigen körperlichen Effekt von bis zu zwölf Monaten haben kann.

Tanzen für eine gesunde Psyche

Neben den nachgewiesenen physischen Vorteilen insbesondere für Menschen mit körperlichen bzw. neurologischen Einschränkungen hat Tanzen auch auf die Psyche positive Effekte. Bewegungen und Musik sorgen für Glücksgefühle und können das Selbstbewusstsein stärken. Psychosomatische bzw. psychiatrische Kliniken, wie zum Beispiel die Heinrich-Sengelmann-Kliniken in Hamburg, bieten freies Tanzen und Tanztherapie in Gruppen und für Einzelpersonen an. Auf ihrer Webseite heißt es: „Durch die Entwicklung eines erweiterten Ausdruckrepertoires […] wird inneres Wachstum angeregt. Die themengebundene oder freie Improvisation ermöglicht es dem Patienten, innerpsychische Konflikte, innere Anteile, Ambivalenzen und Instanzen wahrzunehmen und auszudrücken.“

Tanzen findet vor allem Eingang in den Therapieplan für Menschen mit Depressionen und Angststörungen bzw. wird bei ähnlichen psychischen Erkrankungen als Behandlungsmethode immer öfter in Erwägung gezogen und angewandt.

Die Tanztherapie hat so inzwischen in einigen Kliniken und Praxen Einzug gefunden. Bisher gibt es jedoch nur sehr wenige Krankenkassen in Deutschland, die die Kosten für eine solche Therapie übernehmen.

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