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proShake it off, shake it off!

Von Elena Sebening / 29. Mai 2020
Credits: Bild von Mauricio Keller Keller auf Pixabay;

Tanzen hat in den vergangenen Jahren verstärkt Einzug in die therapeutische Arbeit gefunden. Ein Blick auf die positiven Auswirkungen zeigt, warum diese Behandlungsform nur konsequent ist und wie eines der ältesten Ausdrucksmittel sogar Medikamente ersetzen kann.

Menschen tanzen seit zehntausenden von Jahren. Die Belege dafür finden sich in Form von Wandkunst auf der ganzen Welt. Dabei stand das frühe Tanzen oft in Verbindung mit Ritualen. Im Laufe der Zeit entwickelte sich der Tanz immer mehr zu einer kulturellen Ausdrucksform. In den 1940er Jahren wurde in den USA schließlich eine erste Form der Tanztherapie etabliert. Laut dem Berufsverband der TanztherapeutInnen Deutschland e.V. ist Tanztherapie eine „künstlerische und körperorientierte Psychotherapie, die auf dem Prinzip der Einheit und Wechselwirkung körperlicher, emotionaler, psychischer, kognitiver und sozialer Prozesse beruht“. Was sich beim ersten Lesen etwas kompliziert anhört, umschreibt einen ganzheitlichen Ansatz, der herkömmliche Therapieformen unterstützen und Menschen unterschiedlichen Alters helfen kann. 

Nicht nur, dass die daraus entstehende körperliche Fitness das Risiko von Krankheiten im Allgemeinen verhindern hilft; Musik kann Veränderungen im limbischen wie im paralimbischen Bereich des Gehirns bewirken: Sie beeinflusst nachweislich unsere Emotionen, aber auch sogenannte vegetative Reaktionen wie Puls, Atmung und Blutdruck. Sogar eine Muskelentspannung kann herbeigeführt werden. Es spricht also einiges dafür, dass Tanzen als ausgewiesene Therapieform anerkannt und weiter erforscht werden sollte. 

Therapie ohne Nebenwirkungen

Zumal in der heutigen Zeit solche alternativen Ansätze nötiger sind denn je: Einer Studie der Weltgesundheitsorganisation WHO zufolge waren im Jahr 2015 rund 322 Millionen Menschen von Depressionen betroffen. Das sind 4,4 Prozent der Weltbevölkerung! In Deutschland ist nach Angaben der Stiftung Deutsche Depressionshilfe etwa jede vierte Frau und jeder achte Mann im Laufe seines Lebens irgendwann einmal von einer Depression betroffen. Die Menge von verschreibungspflichtigen Antidepressiva hat sich von 2007 bis 2016 fast verdoppelt, obwohl es nachweislich viele Menschen gibt, bei denen diese Behandlung nicht anschlägt oder die mit einer Reihe von Nebenwirkungen zu kämpfen haben. Warum also nicht dem Tanzen eine Chance geben? Zumal Tanzen ganz ohne Nebenwirkungen daherkommt. 

Erste Studien belegen bereits dessen Wirksamkeit und entkräften damit jene Argumente, die der Methode ihren medizinisch-evidenzbasierten Erfolg absprechen wollten. So bestätigen etwa Untersuchungen der Edge Hill University in Großbritannien die wirksame Behandlung von Depressionen im Erwachsenenalter. Auch das Psychologische Institut der Universität Zürich weist in einer Studie die stressreduzierende Wirkung des Tanzens nach, die durch einen sinkenden Cortisolspiegel im Speichel sogar gemessen werden konnte. Bei vielen an Depression Leidenden sind die Werte dieses Stresshormons im Blut erhöht, der Serotoninwert dagegen zu niedrig. Letzterer kann durch das Tanzen gleichermaßen positiv verändert werden. Damit hilft die Tanztherapie, ein hormonelles Gleichgewicht wiederherzustellen. 

Tanzen ist soziale Interaktion

Tanzen unterstützt die Interaktion mit anderen. Das entstehende Gemeinschaftsgefühl stärkt indirekt die Gesundheit. Weil Tanzen zudem Ausdruck von Emotionen ist, zeigen viele dabei Gefühle, die sie unter anderen Umständen nicht verbalisieren könnten. Liljan Espenak, eine der Pionierinnen der Tanztherapie, nutzte dies in der Gruppenarbeit mit geistig behinderten Kindern. Noch heute findet sich dieser heilsame Ansatz in der Musik- und Tanztherapie, weil es den Kindern auf diese Weise sichtlich leichter fällt sich mitzuteilen. 

Auch Parkinsonpatienten profitieren von dieser Form der Behandlung. Neurologische Untersuchungen unterstützen die von Betroffenen beschriebenen Fortschritte. Im Gegensatz zu einer reinen Physiotherapie werden beim Tanzen nämlich bereits genannte Glückshormone ausgeschüttet, die dafür sorgen, dass weniger Medikamente benötigt werden. Auch der Gleichgewichtssinn und die Bewegungssicherheit verbesserten sich bei Patienten mit fortgeschrittener Krankheit, wie Studien zeigten. Im Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf wurde Tanzen darum mittlerweile mit in den Therapieplan aufgenommen: Durch die Musik wird bei den Patienten eine Bewegung initiiert, die sie ohne diesen Impuls nicht mehr hinbekommen würden. Wie eine Art externer Trigger ermöglichen die Töne, motorische Blockaden zu überwinden. Die Effekte von intensivem Tanztraining können bis zu einem Jahr anhalten. 

Professionalisierung in Deutschland 

All die Studien, Erfahrungen und Weiterentwicklungen sollten Anlass genug sein, der Tanztherapie die verdiente Anerkennung zu schenken. Menschen mit unterschiedlichen Krankheiten würden enorm von einer weiteren Professionalisierung des Therapieansatzes profitieren und wissenschaftliche Forschungen könnten neue Behandlungsmöglichkeiten generieren. Erste Standards für die vierjährige berufsbegleitende Ausbildung zum Tanztherapeuten wurden vom Berufsverband der TanztherapeutInnen Deutschlands festgelegt. Auch wurde der Masterstudiengang Tanz- und Bewegungstherapie im Jahr 2012 an der SRH Hochschule Heidelberg eingerichtet. Denn dort ist standardmäßig mittlerweile anerkannt: Tanzen ist eben doch auch Therapie!

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