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Liebe deine Stadt

Von Marie-Claire Wygand / 28. November 2018
Credits: Photo by denis harsch on Unsplash;

Das Landleben scheint so viel einfacher, nachhaltiger und umweltbewusster zu sein als ein Leben in der Stadt. Doch wer sich anschaut, was das tägliche Leben abseits städtischer Infrastruktur ausmacht, sieht, dass dieser Eindruck an vielen Stellen nur eine Illusion ist.

Ich wohne in fußläufiger Entfernung von Cafés und Restaurants und fahre mit dem Rad zur Uni. Wenn mir danach ist, kann ich unter der Woche ausgehen. Montagabend in die Oper? Gerne. Mein Gemüse beziehe ich regional von einer solidarischen Landwirtschaft. Meine Wohnung teile ich mir mit Freund*innen, ich habe die Wahl zwischen zwölf verschiedenen Kinos und zig Supermärkten – und das sind nur die im engeren Umkreis. Das alles verdanke ich dem Leben in der Großstadt.

Was ich vorher nur ahnte, wurde mir mit meinem Umzug vom Land in die Stadt gewiss: Das Großstadtleben macht mich frei, es macht mich glücklich und es macht mich zu einem rücksichtsvolleren und umweltbewussteren Menschen. Ich bin damit nicht allein – aus all diesen und noch mehr Gründen wird das Stadtleben immer beliebter, auch oder gerade bei sogenannten Ökos.

Ein besseres Umweltbewusstsein – in der Stadt

In meiner Generation vollzieht sich vor allem im städtischen Umfeld ein ökologisches Umdenken. Ein Phänomen, das zunächst paradox klingt,sich aber in vielen Großstädten beobachten lässt: Gerade im urbanen Raum entsteht ein neues Bewusstsein für Nachhaltigkeit und Umweltschutz. Traditionen und Gewohnheiten werden in der Stadt regelmäßig hinterfragt. Der dauernde Konsum sowie der damit verbundene Verbrauch von Ressourcen kritisch betrachtet. Dank vieler alternativen Lebensweisen hinterfragen Städter*innen ihre Gewohnheiten eher und verlassen dafür im Zweifel auch schneller ihre Komfortzone als die Landbevölkerung. (Oder ist diese Zone einfach größer, weil die Umstände es erlauben?)

In dem 2.000-Seelen-Dorf, aus dem ich komme, finde ich weder ein Carsharing-Auto, noch ein Leihfahrrad und die Idee von Wohngemeinschaften ist dort ganz ungewöhnlich, obwohl die Landbevölkerung all diese Konzepte durchaus brauchen könnte. Aber es bewohnen – und beheizen – oftmals nur Paare oder Kleinfamilien unverhältnismäßig große Häuser und fahren täglich nicht nur eines, sondern gleich mehrere eigene Autos durch die Gegend. Mit anderen geteilt wird fast nichts. Die kritische Masse, derer das Entstehen von kulturellen Angeboten wie auch ökologischen Initiativen bedarf, ist auf dem Dorf einfach nicht vorhanden.

Fair produzierte Artikel statt Massenware, Bioqualität oder unverpackte Lebensmittel finden sich dort heutzutage kaum noch. Dafür muss ich in die Stadt.

Erkennen, was zählt

Die Bewohnerinnen und Bewohner von Städten werden täglich mit einem enormen Überangebot konfrontiert. Aus einem Meer an Gelegenheiten und Produkten wählen sie aus. Und genau diese Verfügbarkeit veranlasst viele wie mich, den eigenen Konsum stetig zu reduzieren.Weil wir erkennen: Zeit ist wichtiger als Zeug. Materielle Besitztümer halten ihr Versprechen von Erfüllung nicht, sondern können umgekehrt sogar belasten.

Bewusstes Konsumverhalten und ein achtsamer Umgang mit Ressourcen ist oft das Resultat von Überdruss – und der entsteht eher in der Stadt, wo man mit knappem Wohnraum haushalten muss. Das heißt, in der Stadt entsteht zwar das Problem, dort findet sich aber auch mit der Zeit die Lösung dafür.

Leben in Blasen

Zwar kommt es in Städten häufig zu einer elitären Abgrenzung gegenüber der Landbevölkerung, obwohl gerade ein Austausch zwischen beiden Gruppen Früchte tragen könnte. Andererseits profitiert man als Städter*in auch enorm von der Ansammlung Gleichgesinnter, die sich im besten Fall gegenseitig inspirieren und moderne Projekte wie Food- und Carsharing auf den Weg bringen.

In der Stadt ist man zugleich auch direkt mit vielen Andersdenkenden konfrontiert. Der Rückzug in die eigene „Filterbubble“ wird so zwangsläufig zumindest zeitweise ausgesetzt. Auf dem Land kann so eine Blase schnell mit einer kompletten Abschottung einhergehen: Nicht nur der Kontakt zu anderen Menschen fehlt dann, sondern auch die Auseinandersetzung mit anderen Denk- und Lebensweisen. Das leistet der Entfremdung zwischen den Menschen Vorschub und erschwert eine echte Kommunikation untereinander.

Die Sehnsucht nach draußen

Ich streite gar nicht ab, dass das Landleben entscheidende Qualitäten hat. Die Möglichkeit, viel draußen zu sein, allen voran. Leider weiß ich grüne Oasen erst richtig zu schätzen, seit ich nicht mehr Tag für Tag von Wäldern und Wiesen umgeben bin. Vielleicht ist es gerade die Distanz zur Natur, die in Stadtmenschen die Sehnsucht nach dem Wühlen in duftender Erde weckt. Die in Ballungsräumen überall aus dem Boden sprießenden Urban Gardening-Projekte sind ja auch ein Versuch, das Beste aus beiden Welten zu vereinen und sich mehr grüne Lebensqualität ins Beton-Biotop einer modernen Stadt zu holen.

Auf die Vorteile des städtischen Lebens zu verzichten fiele mir nicht nur schwer, sondern käme zur Zeit für mich überhaupt nicht in Frage. Ich genieße die kurzen Wege in meiner lebendigen Nachbarschaft, die große Auswahl an allem Möglichen, immer mehr nachhaltige Alternativen zu althergebrachten Gewohnheiten und völlige Entscheidungsfreiheit. Ich wünsche mir deshalb, dass das Stadtleben nicht mehr so hinter einer pauschal romantisierenden Vorstellung von ländlicher Idylle zurücksteht, sondern endlich all seine Vorzüge auch und gerade im ökologischen Sinne geschätzt werden.

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