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debatteMit christlichen Traditionen brechen für mehr Gemeinschaft?

Von Patricia Kusch / 29. Mai 2019
Foto: Patricia Grähling, Marsch in den Listenbach

Müssen sich Traditionen verändern, damit Integration gelingen kann? Oder gilt es, traditionell zu bleiben, um sich ein Stück Geschichte zu bewahren – selbst wenn Sexismus oder Diskriminierung damit nicht verhindert werden?

Traditionen sind Rituale, Feste oder Sitten, die viele von uns pflegen, um sie weiterzugeben an nachfolgende Generationen. Das Wort „Tradition“ leitet sich vom Lateinischen „tradere“, weitergeben, ab. Traditionen einen eine Gruppe und stellen Gemeinschaft her. Aber wie verhält sich das in einer globalisierten Welt, in einem Land, in dem viele unterschiedliche Einwanderer leben und in das sie eigene Sitten und Gebräuche mitbringen? In einem Land, das einem gesellschaftlichen Wandel unterworfen ist, etwa durch den Wunsch nach Gleichberechtigung? Wo aber auch ein offensichtlicher Bedeutungsverlust christlicher Kirchen als tägliche Leitinstanz zu verzeichnen ist? Traditionen müssen sich wandeln, um potenziell alle Menschen zu integrieren, sagen die einen. Andere sagen, dass gerade landesspezifische Traditionen in ihrer Exklusivität erhalten bleiben müssen, um ein Zusammengehörigkeitsgefühl zu schaffen.

Traditionelle Feier ohne Frauen – ist das sexistisch?

Einige Traditionen gehören nach modernen Auffassungen jedoch auf den Prüfstand gestellt: In Hessen beispielsweise gibt es das kleine Städtchen Frankenberg. Jedes Jahr kurz vor Pfingsten ziehen Männer, Frauen und Kinder in einem bunten Festzug umher. Die Frauen und Kinder dürfen aber nur innerstädtisch mitlaufen. An den Stadtgrenzen bleiben sie zurück – ab hier ziehen die marschierenden Männer ohne sie weiter in den Listenbach, um dort zu trinken und zu feiern. Den Grund für diese eigenwillige lokale Tradition kennt heute keiner mehr. Es wird aber erzählt, dass Frauen sich einst über die Männer, die auf der Stadtmauer Wache schieben mussten, lustig gemacht hätten – und bald darauf ihres Spotts wegen vom Grenzgang ausgeschlossen wurden. Alljährlich kochen nun kurz vor Pfingsten Diskussionen über Sexismus hoch. Die Veranstalter wiederum halten dagegen, die Frauen würden ja nicht wirklich daran gehindert, mit in den Listenbach zu ziehen, und dass Traditionen auch geändert werden könnten, wenn die demokratische Mehrheit es denn wünsche. Allein: Nach Pfingsten gerät das Thema regelmäßig wieder für ein Jahr in Vergessenheit.

Weihnachten ersetzt heidnische Feste zum dunkelsten Tag des Jahres

Auch Weihnachten ist ein wichtiges Thema in der Diskussion um Traditionen: Insbesondere die hohen christlichen Feiertage haben nach wie vor für viele Menschen in Deutschland Tradition. An Weihnachten stellen Familien je nach Region einen „Christ-“ oder „Weihnachtsbaum“ auf, schmücken ihn mit Kugeln und Lichtern, wünschen sich eine besinnliche Zeit. Sogar der Kirchgang ist dann für viele selbstverständlich. Das zeigen die Besucherzahlen: Während laut den Evangelischen Kirchen in Deutschland im Schnitt rund 770.000 Menschen sonntags einen Gottesdienst besuchen, sind es an Weihnachten mit 8,1 Millionen fast zehnmal soviele. Der Gottesdienst gehört zwar für viele inzwischen nicht mehr zum Alltag, zu Weihnachten aber schon.

Dabei ist die Tradition des ruhigen, besinnlichen Lichterfestes zum Jahresende nur bedingt eine christliche. Eigentlich wurzelt sie in vorherigen Sitten und Gebräuchen. Ende Dezember, zur Wintersonnenwende und damit dem dunkelsten, weil kürzesten Tag im Jahr, feierten viele Kulturen einen wichtigen Festtag. Erst 325 n. Chr. soll auch Weihnachten erstmals im Dezember gefeiert worden sein und ersetzte damit die vorherigen heidnischen Feste, was den Übergang von angestammten Traditionen hin zum Christentum einfacher gestaltete. Klassische Traditionen wie Weihnachtsbaum, Adventslieder und Geschenkrituale entwickelten sich erst über die Jahrhunderte.

Traditionen demokratisch neu aushandeln oder entspannt beibehalten?

Auch heute noch verändert sich das Fest weiter: Immer mehr Familien feiern mit – auch ohne eigenen christlichen Hintergrund; während erste Kindergärten das Krippenspiel abwandeln, um Kinder anderer Religionszugehörigkeiten nicht auszuschließen. Irene Götz, Professorin im Fach Europäische Ethnologie an der LMU München, findet, dass sich deutsche Bräuche durchaus anpassen können, insbesondere in Gesellschaften, in denen viele Identitäten aufeinander treffen. Im Idealfall würden Traditionen dann demokratisch neu ausgehandelt, um die ganze Gemeinschaft einzubinden. „Wenn die Verhandlung gelingt, können Einheimische und Zuwanderer ihre Traditionsbestände vereinbaren, es kommt nicht zu Ausgrenzungen, sondern zu Inklusionen, sogar zu Synergieeffekten“, erklärte Götz auf Anfrage dem Magazin Der Spiegel

Eine andere Position vertritt hingegen der Journalist Gunnar Schupelius. „Warum kann diese kirchenferne Gesellschaft nicht entspannt bleiben? Warum macht sie sich daran, das größte Fest des Jahres aus der Öffentlichkeit und dem Bewusstsein der Menschen zu entfernen?“, formulierte er 2014 seine Meinung zur Debatte um die Wortneuschöpfung „Wintermarkt“ in Berlin gegenüber der Wochenzeitung BZ. Er warb dafür, Weihnachten als Tradition mit christlichem Charakter beizubehalten. Der Weihnachtsmarkt würde niemanden ausschließen. 

Dagegen glaubt Schriftstellerin Katrin Seddig, „Traditionen: je länger wir sie uns unverändert erhalten, um so sinnentleerter werden sie oft.“ Sie zielt damit auf das Böllern an Silvester, das vor allem Dreck hinterlasse und eigentlich bedeutungslos geworden sei. 

Hochschullehrerin Götz geht noch weiter und behauptet, dass es gar keine echt nationaldeutschen Traditionen gebe. Stattdessen handele es sich um regionale Bräuche, die insbesondere im Ausland für ganz Deutschland stünden – und somit als typisch deutsch wahrgenommen würden, wie beispielsweise das Dirndl und das Oktoberfest. Götz betont deshalb, es seien schon immer kulturell starke Einwanderungswellen gewesen, die das Land zwischen Alpen und Nordsee auf ihre Weise mehr oder weniger nachhaltig mitgeprägt hätten. Insofern könnten auch Sitten und Gebräuche heutiger Einwanderer und anderer Religionen in regionale Traditionen einfließen und diese verändern. 

Inwiefern die verfassungsrechtlich festgeschriebene weltanschauliche Neutralität des Staates gewährleistet bleibt, wenn religiös begründete Feiertage vor allem einer Glaubensrichtung eine ganze Gesellschaft beeinflussen, das gilt es, an anderer Stelle auszuhandeln.

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