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proMehr als nur Wettkampf

Von Sebastian Stachorra / 30. Juli 2021
picture alliance / rokam-digital/Shotshop | rokam-digital

Je länger die Pandemie andauert, desto größer die Gefahr, dass unser Zusammenleben und wir selbst Schaden nehmen. Die Olympischen Spiele dagegen verbinden Menschen über Ländergrenzen hinweg. Sie während einer Virenmutation zu veranstalten ist darum wahrhaft mutig.

Die Pandemie nervt. Seit mehr als 18 Monaten dominieren Ansteckungszahlen, Inzidenzwerte und Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Virus‘ die Nachrichten. Wir sind Zoom-müde. Es fehlt nicht nur der persönliche Kontakt, es fehlen positive Gesprächsanlässe. 

Internationale Großveranstaltungen können solche Anlässe schaffen. Inmitten einer Phase mit neuen, ansteckenden Mutationen ist das Ausrichten derselben ausgesprochen mutig. Und Mut bedeutet dem Oxford Language Dictionary nach, die Fähigkeit, in einer gefährlichen, riskanten Situation seine Angst zu überwinden, sowie die Bereitschaft, trotz zu erwartender Nachteile zu tun, was man für richtig hält.

Mut bedeutet, Nachteile in Kauf zu nehmen

Dass die Olympischen Spiele dieses Jahr stattfinden, ist insofern ebenfalls ein mutiges Unterfangen. Denn die Risiken sind offensichtlich: tausende Menschen aus allen Ländern auf engem Raum im Olympischen Dorf, dazu der internationale Pressetross. Und bereits eine knappe Woche vor Beginn der Spiele die ersten Infektionen mit der hochansteckenden Delta-Virusvariante.

Dennoch: Genau dieses Risiko kann lohnen. Sport kann verbinden, Brücken bauen. Wir bewundern die Athlet*innen für das, was sie zu leisten im Stande sind, für die Hingabe an ihren Sport, ihre Willensstärke und Disziplin, ihr hartes Training, die Nervenstärke im Wettkampf. Wir empfinden Sympathie für die Sportler*innen, freuen uns mit den Außenseiter*innen über ihre Erfolge. Die Olympischen Spiele können Emotionen und Verhaltensweisen in uns wiederbeleben, die coronabedingt zu verkümmern drohten. Sie können dafür sorgen, dass wir andere Länder wieder mit Positivem verbinden statt mit Corona-Mutationen. Was das bewegen kann, hat beispielsweise der Eurovision Song Contest (ESC) gezeigt, als Millionen von Menschen sich vor den Bildschirmen versammelt und gestaunt haben über ESC-Beiträge wie den Italiens: Extravaganz, Musik und Show statt Intensivbettenauslastung, Testpflicht und Impfpriorisierung beherrschten in den Tagen danach den öffentlichen Diskurs.

Großereignisse geben uns Menschlichkeit zurück

Wir nahmen das zum Anlass, unsere Zoom-Fatigue zu überwinden und mit Freund*innen in anderen Ländern zu sprechen, weil sie uns in Folge dieses positiven Anlasses in Erinnerung gerufen wurden – und nicht etwa, weil wir im Newsfeed schockierende Nachrichten aus der jeweiligen Region gesehen hatten und checken wollten, wie es ihnen geht. Auf diese Weise wohnt Großveranstaltungen das Potenzial inne, uns aus dem reinen Überlebensmodus zu ziehen. Denn als soziale Wesen brauchen wir (positive) Kommunikation mit anderen und ihre Nähe. Auch wenn diese weiterhin vorwiegend nur digital hergestellt werden kann.

Tokio kann aus den Fehlern der EM lernen

Mutig zu sein bedeutet nicht, verantwortungslos oder ignorant zu sein. Die Fußball-EM der Männer hat die Risiken großer Menschenansammlungen in einer noch nicht kontrollierten Phase der Virusausbreitung auf dramatische Weise veranschaulicht. Doch viele Probleme sind darauf zurückzuführen, dass die EM in verschiedenen Ländern stattfand, inklusive vieler Reisen der beteiligten Sportler. Große Zuschauermengen sind einem Verband zuzuschreiben, der die gastgebenden Staaten (erfolgreich) unter Druck setzte, indem etwa die zulässige Auslastung der Stadien gegen die Empfehlungen von Expert*innen erhöht wurde und Test- und Quarantänepflichten für Tausende ausgesetzt wurden. Das war ein verantwortungsloser und kein mutiger Umgang mit der Situation.

Wiederum ist es ein gutes Zeichen, dass Zuschauer*innen bei den Olympischen Spielen nicht zugelassen sind, die Menschen im Olympischen Dorf täglich getestet werden und viele der Sportler*innen geimpft sind (im deutschen Team etwa 95 Prozent). Die täglichen Testungen sorgen im Falle von Infektionen für schnellstmögliche Behandlung, die zentrale Unterbringung ermöglicht die Nachverfolgbarkeit und Eindämmung von Ausbrüchen. Im besten Fall veranschaulichen die Olympischen Spiele dadurch eine neue Normalität, einen Weg in einen neuen Alltag.

Die Spiele als Blick in die nahe Zukunft?

Es fühlt sich für mich falsch an, das zu schreiben, aber: Wir werden uns wohl daran gewöhnen müssen, dass Corona-Infektionen weiterhin möglich sind, trotz Impfungen, trotz Einhaltung der AHA-Regeln. Entscheidend ist, wie wir damit umgehen. Wir müssen dafür sorgen, dass weltweit alle Menschen Zugang zu wirksamem Impfstoff haben. Wir müssen uns regelmäßig testen und Hygieneregeln einhalten. Und wir müssen die medizinische Versorgung von Infizierten sicherstellen. Das bedeutet, dass große Anstrengungen unternommen werden müssen. Vollständige Sicherheit wird es in nächster Zeit wohl trotzdem nicht geben.

Wir sind in einer Phase der Pandemie angekommen, in der wir unsere Ambiguitätstoleranz stärken müssen, den Umgang mit Unsicherheiten und Unklarheiten in der Zukunft. Großveranstaltungen wie diese Olympischen Spiele zeigen uns, dass das Leben weitergeht, dass schöne Dinge möglich sind, stattfinden können. Dass es sich lohnt, den eigenen Leidenschaften weiter nachzugehen. Sie zu veranstalten ist mutig – und es kann gleichermaßen Mut stiften bei denen, die zuschauen. Das ist eine verantwortungsvolle Aufgabe. Hoffen wir, dass das Internationale Olympische Komitee dieser Aufgabe gewachsen ist.

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