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contraMut kommt nicht von Mutation

Von Marie-Claire Wygand / 30. Juli 2021
picture alliance/dpa | Michael Kappeler

Die Olympischen Spiele finden dieses Jahr in Tokio statt, trotz Pandemie. Dass Sportveranstaltungen als Massenevents keine mutige und schon gar keine gute Idee sind, sollten die Folgen der diesjährigen Fußball-Europameisterschaft bereits gezeigt haben.

Über 67.000 Menschen in Budapests Fußballstadion, der Puskás Aréna. Dicht gedrängt, bunt bemalt und gekleidet, singend, grölend, einander in den Armen liegend, feiernd oder trauernd. Ein Bild, das Herzen erwärmte. Wäre da nicht der klitzekleine Wermutstropfen: die Pandemie. Eine neuartige Viruserkrankung, extrem ansteckend, an oder mit der weltweit bereits 4,12 Millionen Menschen gestorben und an der bislang insgesamt 192 Millionen erkrankt sind – die Dunkelziffern werden wesentlich höher geschätzt.

Nicht erst seit ein paar Wochen stecken wir in dieser Pandemie, inzwischen sind es fast eineinhalb Jahre! Jetzt, im zweiten Sommer der Corona-Pandemie, gibt es Erfahrungswerte, die zeigen, dass die Infektionskurve in den Sommermonaten zwar abflacht, danach aber verlässlich wieder ansteigt. Auch aktuell steigt sie – trotz Impfungen – schon wieder. Denn neu ist: Das Virus mutiert, und Mutationen wie die Delta-Variante vermehren sich gerade exponentiell. Währenddessen werden Fußballstadien überall in Europa mit jeweils mehreren Zehntausend Fans gefüllt, teils mit hundertprozentiger Auslastung. Praktisch jeder Sitz war besetzt!

Nun stellt sich die Frage: Ist diese Öffnung von Fankurven in Zeiten, in denen Schulen und Kitas gerade erst wieder ihren Betrieb aufnehmen durften, mutig oder doch eher verantwortungslos? Mut ist ein großes Wort, es beinhaltet nach gängiger Definition, dass „man sich traut und fähig ist, etwas zu wagen, das heißt, sich beispielsweise in eine gefahrenhaltige, mit Unsicherheiten verbundene Situation zu begeben“. Die Union der Europäischen Fußballverbände UEFA und alle Regierungen von Staaten, die Fußballspiele vor live anwesenden Zuschauer:innen erlauben, trauen sich also etwas – aber als „dessen fähig“ lassen sie sich kaum bezeichnen.

Nachgewiesene Infektionsgefahr – kein Hindernis

Schon am 7. Juli, vor den finalen Tagen der Fußball-Europameisterschaft (EM) der Männer, stellte die Europäische Gesundheitsbehörde ECDC einen erheblichen Anstieg der Ansteckungen in Zusammenhang mit den EM-Fußballspielen fest. Allein in den ersten drei Turnierwochen habe es mehr als 2.500 nachgewiesene Corona-Fälle in sieben Ländern gegeben, die sich mit der EM in Verbindung bringen ließen, bestätigte die ECDC gegenüber der Deutschen Presse-Agentur dpa; und dieser Anstieg sei laut ECDC-Direktorin Vicky Lefevre angesichts der Menschenmassen in den Stadien „nicht unerwartet“. Nicht unerwartet, aber dennoch geschehen. Dagegen unternommen wurde nichts. Menschenleben, auch die unbeteiligter Dritter, die gar nicht ins Stadion oder auf Fanmeilen gingen, wurden nicht geschützt.

Obwohl sich aggressive Virusvarianten bereits seit Monaten in Europa verbreiten, nachgewiesenermaßen vor allem auf sogenannten Superspreading-Events, wurden die Turniere vor Menschenmassen mit zu wenig Abstand, ohne Maskenpflicht und mit mangelhaften Hygienekonzepten ausgetragen. Sicherlich sind nicht nur die Auslastungen der Zuschauerränge in europäischen Stadien ein Problem, sondern auch Fanmeilen und Fußballpartys überall auf der Welt, auf denen wild und ohne Abstand gefeiert wurde. Beides hätte reguliert werden müssen. Doch in diesem Punkt schieben die UEFA und die europäischen Staaten die Verantwortung hin und her – aber natürlich sind es die nationalen Regierungen, die durch Lockerungen der Maßnahmen Veranstaltungen dieser Größenordnung überhaupt erst ermöglicht haben.

Wirtschaft wiegt schwerer als Menschenleben

Was dahintersteckt, wird schnell klar: Geld. Die UEFA verdient an der EM vor allem über vollbesetzte Stadien, denn nur so erzielt sie die Werbeeinnahmen, aus denen sie sich finanziert. Und die UEFA ist eine mächtige Instanz. Das geht so weit, dass in Städten, die keine Mindestauslastung von Stadien garantierten, keine Turniere stattfanden, wie dieses Jahr in Bilbao und Dublin.Dass jedoch so viele Metropolen mitziehen wollten und ihre Stadien öffneten, geht zulasten der Gesundheit ihrer eigenen Bevölkerung. Besonders schlimm und unfair: Vor allem finanziell schlechter gestellte Menschen sind betroffen, denn diese sind vulnerabler, stecken sich nachweislich häufiger an und erkranken oft schwerer an Covid.

In Gastronomie, Kultur und Sport wieder alles hochzufahren und inmitten einer noch nicht überwundenen Pandemie eine neue, trügerische Normalität anzusteuern, ist meiner Meinung nach nicht mutig, sondern fahrlässig. Es wäre durchaus möglich gewesen, das tun zu können, und zwar verantwortungsvoll und solidarisch mit gefährdeteren Personengruppen. Aber dafür wären Zero-Covid-Strategien nötig gewesen, wie sie zum Beispiel Australien mittlerweile verfolgt – also Öffnungen und Lockerungen, aber harte regionale Lockdowns, sobald Corona-Fälle auftreten. Möglich wäre ein solches Vorgehen Anfang des Sommers auch andernorts gewesen, als die Inzidenzen überall teilweise extrem niedrig waren.

Das Olympische Komitee, das für vieles kritisiert werden kann, hat am 8. Juli 2021 immerhin eine wirklich mutige Entscheidung getroffen: die Olympischen Spiele in Tokio dieses Jahr vor leeren Zuschauerrängen stattfinden zu lassen. Vorsicht und Umsicht walten zu lassen ist also machbar. Ich wünsche mir mehr solcher couragierten, starken Entscheidungen, damit die Pandemie nicht ewig andauert. Damit nicht weiter täglich Menschen durch sie sterben müssen. Damit wirklich wichtige gesellschaftliche Institutionen wie Schulen nicht schon bald wieder schließen müssen – für ein bisschen Stadionfeeling.

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