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contraWir brauchen Brücken

Von Maria Köpf / 31. Januar 2022
picture alliance/dpa | Fabian Sommer

Der Wille einiger EU-Mitgliedsländer, auf Atomenergie als Brückentechnologie zu setzen, ist nicht per se falsch. Schließlich muss die Nachfrage bedient werden, denn unser Strombedarf ist enorm.

Ein aktuelles Beispiel aus Deutschland zeigt, dass die Stromnetze ohne die Einspeisung von Atomenergie zumindest in den nächsten fünf Jahren nahe an den befürchteten Strom-Blackout heranreichen könnten. Als kürzlich das Atomkraftwerk Isar 2 im Kreis Landshut wegen einer Störung vom Netz genommen wurde, führte dies in Bayern schlagartig zu einer fehlenden Stromleistung von 1,4 Gigawatt. Um sich die Dimension zu vergegenwärtigen: München benötigt für seine rund 1,5 Millionen Einwohner pro Kopf jährlich etwa 1,6 Gigawatt – für all die Laptops, Computer und Smartphones, Waschmaschinen, Spülmaschinen und Kühlschränke, Mikrowellen, Wasserkocher, Waffeleisen, Föne, Aquarien oder Ladegeräte, Fernseher, Radios und Musikanlagen. Das über Nacht ladende Elektroauto in der Garage, das jährlich rund 2,3 Gigawatt Strom benötigt, ist da noch gar nicht einkalkuliert.

Grüne Energie muss flexibler nutzbar werden

Am Beispiel München wird deutlich, dass vieles gut, aber längst nicht optimal läuft: Inzwischen stammt in Bayerns Hauptstadt laut Ökostromanbieter ENTEGA jede zweite Kilowattstunde aus erneuerbaren Energieformen. Aber die Energiewende unter Einhaltung der Klimaziele herbeizuführen, ist alles andere als einfach. Die Energie muss nicht nur aus erneuerbaren Ressourcen stammen, sondern flexibel und sicher ins Stromnetz eingespeist werden können, präzise abgestimmt auf unvorhergesehen hohe Spitzenlasten oder niedrige Nachfrage.

Im Herbst 2019 thematisierte die Süddeutsche Zeitung anschaulich in einem Artikel, wie viele Landwirte und Eigenheimbesitzer in Niederbayern ihre durch Photovoltaik-Anlage gewonnene Energie ins lokale Netz einspeisen und damit auf dem Land die Strommnetze zuweilen überlasten. In der Folge seien ländliche Netzbetreiber gezwungen, die überschüssige Stromeinspeisung abzuschalten, wodurch die wertvolle grüne Energie verloren ist. In München wiederum sei die Situation umgekehrt, hier fehlt bislang die Technik, grüne Energie kurz- und langfristig zu speichern.

Sorge vor Blackout in Europa wächst

In Europa wächst die Sorge vor einem Blackout. Im Januar 2021 konnte dieser in Deutschland nur knapp vereitelt werden. Auslaufende Verträge von Atom- und Kohlekraftwerken und die niedrigen heimischen Reserven an Erdgas gepaart mit überschaubaren Erdgaslieferungen aus Russland führen in Monaten, in denen bei Wind- und Sonnenenergie Flaute bzw. zu viel Dunkelheit herrscht, zu gefährlicher Stromverknappung. Dann braucht es nur noch den “Flügelschlag eines Schmetterlings“ wie am 8. Januar, als ein Kraftwerk in Rumänien ausfiel und zu einem abrupten Abfall in der Kernstromfrequenz Österreichs führte.

Der Verband europäischer Übertragungsnetzbetreiber rief bereits Warnstufe drei von vier aus und Großkonzerne schlugen Alarm bei ihren Stromlieferanten, weil ihre Maschinen den Frequenzabfall bemerkt und sich aus Selbstschutz abgeschaltet hatten. Sollte etwas Ähnliches in einem weiteren Kraftwerk passieren, könnte dies einem Dominoeffekt gleich bei sämtlichen Kraftwerken in Europa zu einer automatischen Sicherheitsabschaltung führen. Im Ernstfall müssten gleich mehrere Länder vom Netz genommen werden, wie vor einem Jahr zugleich in Griechenland, Bulgarien, Rumänien, Kroatien und der Türkei, die im sogenannten Inselbetrieb weiterarbeiteten, während große Konzerne in Frankreich und Italien weniger Strom erhielten, um die Netzstabilität zu sichern.

Blackout-Gipfel in Österreich

In Österreich ist man einen Schritt weiter. Jüngst trafen sich Unternehmen, Bundesheer und Verteidigungsministerium zu einem “Blackout-Gipfel“, um über ein mögliches Vorgehen zu beraten. Die Bundesministerin für Landesverteidigung, Klaudia Tanner, warnte: „Wir haben die Bevölkerung insbesondere auch zu sensibilisieren, dass jeder Einzelne und jede Einzelne vorbereitet sein kann und muss. Weil die Wahrscheinlichkeit eines Blackouts, das sagen unsere Expertinnen und Experten, eben gegeben ist“. Während es für die Telekommunikation im Ernstfall genügend Notstromreserven gebe, wären im Worst-Case-Szenario besonders der Personen- und Güterverkehr, Krankenhäuser, der internationale Zahlungsverkehr, das Bundesheer, der öffentlich-rechtliche Rundfunk, Industrie, E-Commerce, die Post und der Warenverkehr der Supermärkte betroffen.

AKWs und Wärmekraftanlagen sind noch zwingend

Ingenieur Wolfgang Hesoun von der Siemens AG betonte beim Blackout-Gipfel: „Das Wesentliche ist, dass wir uns die Vielfalt der Energieproduktion erhalten und aus ganz verschiedenen Quellen unter verschiedensten Lastbedingungen versuchen, ausreichend Energie zur Verfügung zu stellen“. Anders gesagt, mögliche Produktionskapazitäten werden momentan zu stark einschränkt, was für die Versorgungssicherheit eine kritische Problematik darstellt. Derzeit speist sich das Stromaufkommen Gesamteuropas zu 25 Prozent aus AKWs, wobei die Elektromobilität ein Plus von 15 Prozent Strom erfordert und zugleich nachhaltige Energieformen momentan erst 30 Prozent des EU-Stroms ausmachen.

Es gibt nur drei Möglichkeiten: Erstens die Schließung aller Kohlekraftwerke und deren Ersatz durch Gas- und Atomkraftwerke; zweitens das Zurückfahren der Atomkraftwerke bei parallelem Weiterbetrieb von Kohlekraftwerken – wodurch die Klimaneutralität bis 2050 nicht erreicht würde; oder drittens eine drastische Einschränkung in unser aller Verbrauch, privat und industriell.

Für den ernsthaften Einstieg in ein neues Energiezeitalter und damit die Sicherstellung einer grünen Zukunft scheint dies der einzig gangbare Weg zu sein. Der AKW-Ausstieg in Deutschland wurde längst mit Verträgen und Abfindungen besiegelt. Atomenergie als Brückentechnologie etwa bei Nachbar Frankreich einzukaufen (befördert durch das Nachhaltigkeitslabel für Atomenergie und Erdgas), darf und muss nicht dazu führen, dass weniger in erneuerbare Energie investiert wird. Denn dieser Rückschritt wäre für das Klima dieses Planeten die eigentliche Katastrophe.



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