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DebatteWeichenstellung in der Verkehrspolitik?

Von Tom Albiez / 30. Mai 2023
picture alliance / imageBROKER | Firn

Deutschland war bisher vor allem Autoland. Das liegt an der deutschen Automobilindustrie, einem der wichtigsten inländischen Arbeitgeber, aber auch an politischen Richtungsentscheidungen in den letzten Jahrzehnten. Ob das 49-Euro-Ticket eine Verkehrswende bringen kann, wird unterschiedlich bewertet.

In den 1960er Jahren riss man in Westberlin die Straßenbahngleise heraus. Dem Auto galt die Zukunft, die Tram schien als Verkehrsmittel überholt. Heute verkehren in der Hauptstadt überwiegend im Osten Straßenbahnen, nur teilweise hat man im Westen wieder neue gebaut. Vorfahrt hat hier die U-Bahn.

Berlin ist ein Paradebeispiel für die Verkehrswenden in der Bundesrepublik. Auto und Flugverkehr wurden nach der Wende lange Zeit der Vorrang eingeräumt, die Schiene bewusst vernachlässigt.

Das 49-Euro-Ticket, offiziell „Deutschlandticket“ genannt, soll seit Monatsbeginn nun den klimafreundlichen ÖPNV und damit auch den Schienenverkehr stärken. Es ermöglicht ein einheitliches bundesweites Angebot im Regionalverkehr für die zahlreichen Verkehrsverbünde.

Allerdings gibt es weiterhin eklatante Unterschiede zwischen den Bundesländern. Zum Beispiel was die Mitnahme von Fahrrädern oder vergünstigte Varianten für Azubis, Freiwilligendienstleistende beziehungsweise Studierende angeht.

Das 49-Euro-Ticket bedeutet insbesondere eine Entlastung für Pendler:innen, die bisher deutlich mehr zahlen mussten. So kostete das Monatsticket des Rhein-Main Verkehrsverbundes allein für das Stadtgebiet Frankfurt 97,90 Euro. Wenn man, wie viele, nicht direkt in der Stadt, sondern im weiteren Umland lebt, musste man bisher noch tiefer in die Tasche greifen.

Das 9-Euro-Ticket als Wegbereiter

Es dauerte acht Monate, bis das Deutschlandticket als Nachfolger des 9-Euro-Tickets nun zur Verfügung steht. Letzteres, das im Juni 2022 startete und zur Entlastung der Bürger:innen in Folge des Ukrainekriegs und der gestiegenen Energiepreise eingeführt wurde, war mit 51 Millionen Verkäufen ein echter Bestseller.

Zu den positiven Reiseaussichten kamen schnell harte Realitäten. Unvergessen sind die Bilder von Punker:innen auf Sylt, überfüllten Bahnhöfen sowie Zügen mit ausgefallenen Klimaanlagen in der brütenden Sommerhitze. Das 9-Euro-Ticket legte die Schwächen der Infrastruktur offen. Das deutsche Schienennetz wurde in den letzten Jahren zurückgebaut. Gleichzeitig hat die Auslastung durch den Personen- und Güterverkehr zugenommen.

Ein Blick ins europäische Ausland

Im Vergleich zu unseren Nachbarländern wird in Deutschland in die Schieneninfrastruktur wenig investiert. So betrugen die Ausgaben 2021 in Deutschland pro Kopf 124 Euro, während in Österreich 271 Euro, in der Schweiz 413 Euro und in Luxemburg sogar 607 Euro pro Bürger:in in die Hand genommen wurden. Im Jahr 2020 waren es hierzulande gerade einmal 88 Euro.

Als Musterbeispiel für ein gelungenes Zugnetz gilt die Schweizerische Bundesbahn (SBB). Über 90 Prozent der Züge in der Eidgenossenschaft sind pünktlich. Pünktlich: Das bedeutet eine Verspätung von weniger als drei Minuten. Die Anschlusspünktlichkeit lag 2021 sogar bei fast 99 Prozent. Bei nur einem Prozent aller Züge wurde die Verbindung verpasst. Ein wesentlicher Faktor zur dortigen Vermeidung von Verspätungen ist das Bereithalten von Ersatzzügen sowie -personal.

Einen einzigartigen Schritt hat das kleine Nachbarland Luxemburg gewagt. Seit 2020 ist dort der gesamte ÖPNV kostenlos. Ein Schritt, zu dem sich die Politik aufgrund der außerordentlich hohen Autodichte in dem kleinen Land entschied. Allein die Nutzung der Luxemburger Stadtbahn vervierfachte sich durch diese Maßnahme.

Klimaschutz als Treibkraft

Während in der Gesamtschau die Treibhausgasemissionen in der BRD stark gesunken sind, zeigt die Bilanz in der Verkehrspolitik in die entgegengesetzte Richtung. Fast 20 Prozent aller Emissionen entfielen 2021 auf den Verkehr. 1990 waren es noch etwa 13 Prozent. Der Zuwachs lässt sich mit mehr Straßengüterverkehr, motorisiertem Individualverkehr und zunehmendem Absatz von Dieselkraftstoff erklären.

Die Klimaschutzziele der Bundesregierung und der EU setzen neben Elektrifizierung auf einen starken ÖPNV, der hierzulande durch das 49-Euro-Ticket forciert werden soll. Insbesondere die sogenannte Letzte Generation hat durch ihre umstrittenen Klebeaktionen gezeigt, dass die Verkehrspolitik ein umkämpftes Terrain ist – und dabei viel Hass auf sich gezogen.

Warum das alles erst jetzt geschehe, fragen nicht nur Abonnent:innen. Bisher galt der ÖPNV oft als zu teuer. Es war günstiger, Auto zu fahren, als sich ein Ticket für Bus oder Bahn zu kaufen. Aber auch mit Fluglinien kann die Bahn oft nicht konkurrieren. Das 49-Euro-Ticket soll diese Kostendifferenzen nun ausgleichen. Zumindest im deutschlandweiten Nahverkehr.

Es bleibt abzuwarten, inwiefern das Deutschlandticket als Erfolg oder Flop gelten kann. Heißgelaufene Debatten deswegen gibt es jetzt schon. Vielleicht wird man bald wieder auch in ganz Westberlin Straßenbahngleise verlegen. Das wäre auf jeden Fall eine 180-Grad-Wendung gegenüber den ’60ern.



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