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proTrans*formation – auf dem Weg zum wahren Geschlecht

Von Balian Buschbaum / 28. Februar 2020
Credits: Bild von Sharon McCutcheon auf Pixabay;

Immer mehr Menschen outen sich als trans*ident und lassen sich geschlechtlich angleichen. Was genau beinhaltet dieser Begriff und in welchen Bereichen dürfen und müssen Politik und unser Gesundheitssystem sie dabei unterstützen?

Wissen Sie, wer Sie wirklich sind?

Stellen Sie sich vor, Sie kommen auf die Welt und aufgrund eines hormonellen Ungleichgewichtes während der Schwangerschaft werden Sie als Mann mit weiblichem Geschlecht geboren oder Sie kommen als Frau mit männlichem Geschlecht auf die Welt. Ersteres ist mir passiert.

Studien belegen, dass im Alter von ca. drei Jahren trans*idente Kinder merken können, dass  sie mit ihrer geschlechtlichen Zuweisung gefühlt nicht übereinstimmen. Für den Großteil der Menschheit unvorstellbar, aber seit Menschengedenken Realität.

Das Gehirn ist unser wichtigstes Geschlechtsorgan

Jeder Mensch verfügt über ein völlig subjektives Selbstverständnis. Auch darüber, welches Geschlecht er hat – oder haben Sie sich bei der Frage nach Ihrem Geschlecht in die Hose schauen müssen? Wenn wir einem Menschen begegnen, stecken wir diesen sofort in die Schublade “Geschlecht“. Gegen dieses automatisierte neurologische Verhalten können wir uns kaum wehren, denn die Gründe dafür liegen tief in uns, zur Erhaltung unserer Spezies.

Geschlecht ist präsent in Pass, bei Flughafenkontrollen, Toilettengängen, der Kleider- und Partnerwahl, überall. Es erklärt sich also von selbst, dass die äußeren Geschlechtsmerkmale dem wahren, empfundenen Geschlecht entsprechen müssen – nicht nur für die Gesellschaft, sondern hauptsächlich für einen selbst.

Unser Gesundheitssystem – Schlüssel zur Identität

Sofern die innere nicht mit der äußeren Geschlechtsidentität übereinstimmt, benötigen Sie Hilfe, um ein zufriedenes Leben zu leben. Jeder Mensch wünscht sich, akzeptiert und respektiert zu werden. Aber wovon hängt eine tolerante Gesellschaft ab? Wer hat Einfluss darauf? Es ist die Politik mit ihren Gesetzen! Das System hat hier enorme Verantwortung.

Manche trans*identen Menschen möchten sich geschlechtlich angleichen lassen. Sie sind bereit, sich Operationen zu unterziehen, um den Bauplan, der während der Schwangerschaft durcheinandergeraten ist, zu korrigieren. Krankenkassen sind in diesem Fall der Schlüssel zur Identität. Sie bestimmen, ob, wie und bei wem Sie sich operieren lassen können. Haben Sie mehrere zehntausend Euro auf der hohen Kante, sind Sie privat versichert, dann können Sie sich überall unters Messer legen. Andernfalls müssen Sie oft große Hürden nehmen, um eine Kostenübernahme durch Ihre Krankenkasse zu erreichen. Die Anerkennung einer notwendigen Geschlechtsangleichung bringt aktuell viele Prozesse in Gang, welche sich über Jahre ziehen können. Hauptindikator ist der psychische Leidensdruck, der – zusammen mit der Trans*identität – von einem Psychologen diagnostiziert wird. 

Sicher, dass inzwischen überhaupt alle theoretisch Zugang zu geschlechtsangleichenden Maßnahmen haben, ist ein Schritt in die richtige Richtung. Doch wo bleibt die Gleichberechtigung, wenn nicht alle Menschen über das Wie und Wo entscheiden können? Da es sich bei geschlechtsangleichenden Operationen nicht um standardisierte Verfahren handelt, wie beim Einsetzen einer neuen Hüfte oder eines Knies, und es qualitativ unterschiedliche Methoden und Ergebnisse gibt, sollten Mitspracherecht und die freie Arztwahl selbstverständlich sein.

Ja zum Leben

Meine eigene Trans*formation war lebensnotwendig. In meinem früheren Leben hatte ich alles. Eine tolle Familie, Freunde, Erfolg, Liebe. Ich war eingebettet in ein funktionierendes Umfeld, das mir jegliche Freiheiten ermöglichte und doch war ich nicht glücklich! Bei meiner Geburt wurde mir das falsche Geschlecht zugewiesen. 27 Jahre später, und nach Einholen vieler Informationen, Reflektionen und Lösungsmöglichkeiten, musste ich wie ein Löwe kämpfen, um als Kassenpatient in einer spezialisierten Privatklinik nach einer ganz bestimmten Methode operiert zu werden, die ich mir für mich und mein Leben auserwählt hatte.

Entscheider in Politik und Krankenkasse sind sich oft nicht bewusst, was für unglaublich steinige Wege und welche Ergebnisse sie den Patienten zumuten. Auch ein operativ hergestellter Penis sollte in seiner Funktion und dem ästhetischen Ergebnis nach der Realität bestmöglich entsprechen.

Es geht hierbei nicht nur um Identität, sondern auch um Existenz. Unterstützt mich mein Arbeitgeber, wenn ich über Monate hinweg immer wieder ausfalle, weil meine Krankenkasse entschieden hat, dass ich in Klinik A und nicht in Klinik B operiert werde? Ein Vertragskrankenhaus muss nicht zwangsläufig schlechter sein als eine Privatklinik. Jedoch wird in Deutschland in kassenärztlichen Krankenhäusern die Geschlechtsangleichung in durchschnittlich fünf bis neun (!) Einzelschritten vorgenommen, während Privatkliniken einem Patienten die Geschlechtsangleichung in einer einzigen Operation ermöglichen.

Dabei ist es ein Trugschluss, dass eine Privatklinik am Ende teurer ist als eine kassenärztliche Klinik. Recherchen zeigen, dass aufgrund von Verordnungen zu diagnosebezogenen Patientenfällen, die Kosten für gesetzliche Versicherungen trotz jährlicher Neuverhandlungen oft höher ausfallen. Je langwieriger der gesamte Prozess, desto eher muss mit zusätzlichen Kosten durch psychologischen Betreuungsbedarf, Komplikationen oder technische Hilfsmittel wie Epithesen (als zeitweiliger Ersatz eines männlichen Genitals) gerechnet werden.

Wie viel sinnvoller wäre es, wenn diese komplizierten Eingriffe wirklich nur in die Hände von Spezialisten gelegt würden, damit von deren Fähigkeiten alle Patienten profitieren könnten – egal, ob privat oder gesetzlich versichert.

In und mit seinem wahren Geschlecht zu leben ist Menschenrecht

Aus Berichten vieler trans*identer Menschen weiß ich, dass sie diesen jahrelangen Kampf mit den Krankenkassen verloren haben oder, schlimmer noch, auf dem Weg dorthin irgendwann aufgeben und sich selbst dadurch verlieren.

Trans*formation zu ermöglichen bedeutet nicht nur, die Gesellschaft zu sensibilisieren und über die bunte menschliche Vielfalt darin und damit verbundene Vorteile aufzuklären, sondern das Recht auf die eigene grundlegende “Transformation“ zuzulassen. Als zivilisierte Gesellschaft ist es unsere Pflicht, einander Weiterentwicklung zu ermöglichen. Nur wer sich verändern kann, bleibt sich selbst treu. Das Potenzial eines bloßen Begriffs wie “Transformation“ zeigt sich, wenn Taten folgen. Auch für das Gesundheitssystem, in dem wir leben.

5 Antworten zu “Trans*formation – auf dem Weg zum wahren Geschlecht”

  1. Avatar
    Von Anarcha Witch am 2. März 2020

    Leute! Das ist Unwissenschaft! Krass!

  2. Avatar
    Von annalydiahenkel@yahoo.com am 3. März 2020

    Sehr gut formuliert! I feel you…

    1. Avatar
      Von Balian Buschbaum am 13. März 2020

      Vielen Dank für diesen Kommentar, der aus meiner Sicht auch sehr viel mit wenigen Worten aussagt.
      Schön, dass mal jemand nicht nur mitdenkt, sondern auch mitfühlt… Das ist gerade in diesen Zeiten sehr wichtig. Auch in diesem Bereich sind wir wissenschaftlich schon weiter. Selbst Einstein war schon klar, dass wir mit unserem begrenzten Verstand (Wahrnehmung, Aufnehmen von Reizen, Informationen etc. nur ca. 5% unserer Leistung abrufen ) und das „wahre“ Leben im Unterbewusstsein (ca. 95%) gesteuert wird. Ein guter Solgan ist daher für mich: Erst fühlen, dann denken! Wenn dann noch beides Hand in Hand geht, könnten wir tatsächlich diese Welt zu einer schöneren verändern.

  3. Avatar
    Von Dorothea M. am 6. März 2020

    „Dabei ist es ein Trugschluss, dass eine Privatklinik am Ende teurer ist als eine kassenärztliche Klinik. Recherchen zeigen, dass aufgrund von Verordnungen zu diagnosebezogenen Patientenfällen, die Kosten für gesetzliche Versicherungen trotz jährlicher Neuverhandlungen oft höher ausfallen.“
    In der Tat: Es ist absurd, wenn Krankenkassen in der Schweiz Betroffenen die Operation in Thailand bezahlen, weil dort die Experten für GaOps bei MzF-Operationen sind und man mit einer einzigen Operation ein deutlich besseres Ergebnis erzielt als in Deutschland, wo in der Regel für eine qualitativ schlechteres Outcome zwei oder mehr Operationen nötig sind. Es wäre an der Zeit, für solche Operationen Verträge mit ausländischen Krankenhäusern abzuschließen, damit auch in Deutschland und anderen Ländern die beste Leistung für Betroffene möglich wird.

    Was obigen Kommentar („Unwissenschaft“) betrifft: Da kann man sich gerne ausführlicher zu informieren – es gab an der Goethe Universität Frankfurt im Jahr 2016 eine interdisziplinäre Konferenz zum Thema – das Ergebnis findet man im Fachbuch: „Transsexualität in Theologie und Neurowissenschaften“ (Hg. G. Schreiber; deGruyter 2016) und in Kurzfassung auch in „Das Geschlecht in mir“ (Hg G. Schreiber; deGruyter 2019). Die beiden Bücher bestätigen durchaus auf hohem wiss. Level, was Balian Buschbaum als Erfahrungsbericht schreibt. Aber vielleicht war das ja auch nur ein Kommentar eines Trolls, der an Wissenschaft kein Interesse hat und solche Bücher gar nicht lesen würde?

    1. Avatar
      Von Balian Buschbaum am 13. März 2020

      Liebe Dorothea, vielen Dank für Deinen Kommentar. Ich bin völlig Deiner Meinung! Die neusten Recherchen geben Auskunft darüber, dass die Privatkliniken bei Operationen (FtM) eben nicht teuerer sind, als die Vertragskränkenhäuser der gesetzlichen Krankenkassen. Es gibt in Deutschland nur wenige Kliniken/Chirurgen, die diese spezielle Art von Operationen anbieten und hier liegen nahezu alle Klinken der gesetzlichen Krankenkasse über dem Preis von Privatkliniken. Krankenkassen wissen meist gar nicht was sie den Patienten antun, wenn sie sie auf einen Operationsmarathon losschicken, von dem sie behaupten, dass dieser für den Patienten am effektivsten und für sie selbst am wirtschaftlichsten ist. Unwissenheit ist leider immer noch auf Platz EINS und es wird Zeit, dass die Fakten an den richtigen Stellen platziert werden.

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