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Raus aus Afghanistan?

Von Sagwas-Redaktion / 16. März 2012
Lukow / photocase.com

Vor wenigen Tagen starben in der südafghanischen Provinz Kandahar 16 Zivilisten, darunter neun Kinder. Die Dorf­bewohner wurden ermordet. Erschossen von einem US-amerikanischen Soldaten. Der Amoklauf eines Einzeltäters, der vermutlich unter psychischen Störungen litt, so heißt es in der offiziellen Stellungnahme der US-Armee. Das ist nur der letzte in einer Reihe von Zwischenfällen, die Afghanistan seit […]

Vor wenigen Tagen starben in der südafghanischen Provinz Kandahar 16 Zivilisten, darunter neun Kinder. Die Dorf­bewohner wurden ermordet. Erschossen von einem US-amerikanischen Soldaten. Der Amoklauf eines Einzeltäters, der vermutlich unter psychischen Störungen litt, so heißt es in der offiziellen Stellungnahme der US-Armee. Das ist nur der letzte in einer Reihe von Zwischenfällen, die Afghanistan seit Wochen erschüttern. Erst Mitte Februar führte der Fund von verkohlten Koran-Exemplaren auf der Müllhalde des US-Stützpunkts Bagram bei Kabul zu tagelangen, oft blutigen Ausschreitungen im ganzen Land. Mehrere Menschen kamen dabei zu Tode. Nur vier Wochen zuvor war es ein Video, das zeigte, wie US-Soldaten auf die Leichen vermutlicher Taliban urinierten. Es brachte die Volksseele zum Kochen. Wieder wenige Wochen zuvor, im Dezember 2011, forderte der Selbstmordanschlag eines afghanischen Soldaten in einem NATO-Stützpunkt der Provinz Logar Verletze und Tote.

Die grausame Normalität eines Krieges, könnte man denken. Damit ist es nicht getan. Die Lage in Afghanistan verändert sich. Eine ungute Mischung braut sich dort zusammen. Zum einen nützt das ausdrückliche Bedauern durch Militärober­häupter und Politiker, egal welcher Herkunft, kaum noch etwas. Für den jüngsten Amoklauf in Kandahar hat sich der US-amerikanische Präsident Barack Obama sogar persönlich entschuldigt. Beruhigen konnte das die aufgebrachten Menschen nicht. Die Taliban fordern die öffentliche Ent­hauptung des inzwischen aus Afghanistan ausgeflogenen Täters.

Zum anderen scheint  der Grund für den Einmarsch der internationalen Truppen vor über zehn Jahren komplett vergessen. Das Land am Hindukusch ächzte unter der rigiden Herrschaft der Taliban und galt als Brutstätte des Terrors. Al Qaida hatte hier ihre Heimstatt. Von Afghanistan aus soll der Anschlag auf das World Trade Center in New York vom 11.09.2011 geplant worden sein. Auch die Bombenattentate in Madrid 2004 und London 2005 werden letztendlich dem Konto der in Afghanistan untergekommenen Al Qaida zugerechnet.

Als bejubelte Befreier gelten die ausländischen Soldaten schon lange nicht mehr. Längst werden sie, egal welcher Nationalität, als Besatzer wahrgenommen. Dazu kommt eine immer deutlicher ausgesprochene Kriegsmüdigkeit des Westens. Schon im Sommer vergangenen Jahres waren hierzulande 66 Prozent für einen schnellen Abzug der deutschen Soldaten aus Afghanistan. Auch in den USA häufen sich die Stimmen, die den „verlorenen“ Krieg verkünden und die Truppen heimholen wollen. 2014 soll es offiziell soweit sein. Doch inzwischen wird gemunkelt, dass Barack Obama, der sich im November zur Wiederwahl stellen muss, auf dem nächsten NATO-Gipfel im Mai dieses Jahres einen früheren Abzug der Soldaten verkünden wird. Vielleicht war auch das der Grund, warum Bundeskanzlerin Angela Merkel während ihres überraschenden Truppenbesuchs am 12. März 2012 beim Abzugsdatum weniger überzeugend wirkte als bisher.

Diese Gemengelage aus steigender Wut bei den Afghanen und immer offener geäußerter Erschöpfung seitens des Westens ist der Nährboden für die Taliban. Immer selbstbewusster treten sie auf. Aktuell fanden in Katar indirekte Verhand­lungen zwischen ihnen und den USA statt. Erst gestern wurden diese talibanseits abgebrochen. Und die Taliban haben Zeit. Die Uhr läuft für sie. Das Abzugsdatum steht fest und sie müssen nur noch warten, bis sie wieder Besitz ergreifen können, zumindest von Teilen des Landes.

Aber darf das sein? Ist ein schneller Abzug beinah aller Soldaten wirklich die richtige Lösung? Ja, sagen viele. Über zehn Jahre hätten gezeigt, dass Frieden am Hindukusch nicht mit militärischer Präsenz des Westens zu erreichen sei. Nein, erwidern andere. Gerade jetzt müsse man so lange wie möglich bleiben und dürfe nicht aufgeben, was in den letzten Jahren so mühsam und mit so viel Blutvergießen erkauft worden sei.

Gibt es für die Afghanistanmission wirklich nur diese beiden radikalen Lösungen: Raus und zwar schnell oder bleiben für viele weitere Jahre? Oder gibt es etwas dazwischen? Etwa die Stärkung der gemäßigten Taliban oder den weiteren kosten- und zeitintensiven Aufbau der Sicherheitskräfte? Doch ohne Soldaten können auch die Polizeiausbilder, zum Beispiel aus Deutschland, nicht im Land bleiben. Das wäre zu gefährlich.

Was also tun? Eine einfache Antwort gibt es nicht. Aber wenn Sie nun Angela Merkel wären oder Barack Obama, was würden Sie jetzt tun? Diskutieren Sie mit!

Artikelbild (oben):
Lukow / photocase.com

7 Antworten zu “Raus aus Afghanistan?”

  1. Von Hamon am 20. März 2012

    Die Frage, ob die internationalen Streitkräfte sich aus Afghanistan zurückziehen sollten, kann nicht beantwortet werden, ohne die aktuelle Situation in Afghanistan zu analysieren.
    Es ist symptomatisch, dass nach dem Amoklauf eines US-Soldaten, die Verfasstheit des Soldaten und sein biographischer Background in den Medien dargelegt werden. Doch niemand fragt sich wie die afghanischen Familien mit diesem Verlust zurecht kommen.
    Es geht und ging also nie um das Wohl des afghanischen Volkes bei dem Militäreinsatz, sondern immer um die politische Interessen der Regierungen in Westeuropa und Nordamreika.

  2. Von Hamon am 20. März 2012

    Es wird in der aktuellen Debatte oft darüber gesprochen, die Schulung der Soldaten im Bereich des Interkulturellen auszuweiten. Doch damit können die Probleme nicht gelöst werden, denn die Soldaten können nicht als Anthropologen oder Ethnologen auftreten, denn sie sind in erster Linie Soldaten. Sie müssen Aufständische bekämpfen. Aufstandsbekämpfung bedeutet nicht nur die Herzen und Köpfe der Menschen für sich zu gewinnen, sondern auch Menschen bekämpfen. Die beiden Punkte stehen konträr zu einander.

  3. Von Hamon am 20. März 2012

    Die Frage, die sich stellt ist, von wem die Debatte über den Afghanistan-Einsatz geführt wird. Das sind die sogenannten Experten. Aus der deutschen Perspektive sind es einige Journalisten, die ihre Auslandbüros nicht in Afghanistan haben und somit nicht die Situation in Afghanistan einschätzen können. Des Weiteren sind es einige Politiker und Wissenschaftler, die allerdings auf der einen Seite den Afghanistan-Einsatz kritisch gegenüberstehen, und doch der Regierungen beratend zur Seite stehen. Die afghanischen Stimmen kommen in der Debatte zu Geltung.

  4. Von Hamon am 20. März 2012

    Wenn die Stimmen der Afghanen gehört werden, dann zerbricht dieses Bild, das wir uns seit 2001 immer wieder an die Wand malen. Daher wird bewusst auf die Fragen, Sorgen und Problemen der Afghanen nicht eingegangen.
    Der Amoklauf der US-Soldaten kann daher als der Amoklauf eines Systems betrachtet werden. Und es ist auch nicht verständlich, wie davon gesprochen werden kann, dass es die Tat eines Einzelnen ist. Nein, hier hinterlässt der Krieg bei allen Betroffen Wunden und hinterlässt seelische Wracks, die durch ein Ventil Frust und Niederlagen suchen.

  5. Von Ltts25 am 24. März 2012

    Ich würde sagen, dass man das Problem in Afghanistan eindeutig falsch angegangen hat!
    Es bringt nix wenn man versucht eine Polizei oder Armee aufzustellen die dort vor Ort selbst für Ordnung sorgen soll…
    Das Problem der Korruption ist In Afghanistan allgegenwärtig wie nirgendwo anders auf der Welt…
    Man sollte sich jedoch überlegen wie man in Afghanistan bzw. in dessen Grenzregion zu Pakistan weiter umgeht.

  6. Von Ltts25 am 24. März 2012

    Die Amerikaner haben dort meines Erachtens schon ein Schritt in die richtige Richtung gemacht idem sie vermehrt auf mit Hellfire-Raketen bestückten Predator-Drohen zurückgriffen haben und so die Spitzen von Terrororganisationen ausschalteten.
    Man sollte das Problem jedoch an der Basis anfangen zu packen…
    in jedem Dorf in Afghanistan gibt es Anhänger der Taliban…
    Man bräuchte also regionale Verbündete…
    Dies war zum Anfang dieses Einsatzes auch der Fall jedoch haben diese sich entweder von den Amerikaner losgesagt, oder diese verbündeten wurde Opfer eines Anschlages…

  7. Von Ltts25 am 24. März 2012

    Somit Stellt sich die Frage wie hoch die Chancen für ein einigermaßen zufriedenstellendes Ergebnis sind…
    Diese würde mit einem Abzug der Truppen drastisch auf 0 sinken!!!
    Dementsprechend sollte man nicht sagen „Truppen nach Hause“ oder ähnliches sondern es sollte sich eine neue Taktik für den höchstwahrscheinlich noch weiter fortwährenden Einsatz am Hindukusch überlegt werden…

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