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Sexismus und Klassismus: Welche Verantwortung haben Medien?

Von Lisa Winter / 10. März 2021
Autorin Brigitte Theißl, Foto: Lisa Winter

Die österreichische Journalistin Brigitte Theißl setzt sich privat wie auch beruflich für eine gerechtere Gesellschaft ein. Und spart dabei nicht mit Kritik an ihrer eigenen Zunft.

sagwas: Frau Theißl, als Redakteurin und Buchautorin legen Sie den Finger in Wunden und zeigen auf, wie Medien sexistische und klassistische Stereotype reproduzieren. Warum?

Theißl: Für mich waren Gerechtigkeitsfragen immer schon ein großes Thema. Ich habe bereits frühe Erinnerungen an sexistische Strukturen, Frauenfeindlichkeit, Doppelstandards und Abwertungen von Frauen. Das hat mich wütend gemacht.

Was für Situationen waren das zum Beispiel?

In meiner Schule war es so, dass es ganz klare Zuschreibungen gab, wie Mädchen sich verhalten sollen: ruhig und still. Und wenn es sexistische Beleidigungen oder Übergriffe gab, wurde das total weggewischt. Bei Lehrerinnen und Lehrern gab es überhaupt kein Bewusstsein dafür.

Sie sind leitende Redakteurin des feministischen Magazins an.schläge. Welche Verantwortung bezüglich sexistischer Stereotype sehen Sie bei den Medien?

Medien haben da eine ganz große Verantwortung. Sowohl auf struktureller Ebene als auch in der Berichterstattung. Auf Führungsebene und in bestimmten Ressorts sind Frauen noch immer viel zu wenig vertreten. In der Berichterstattung müssen Frauen stärker zu allen möglichen relevanten Themen als Expertinnen zu Wort kommen. Feministische Themen sind zwar teils im Mainstream angekommen – an Bewegungen wie beispielsweise #metoo kommt ja kein Medium mehr vorbei. Zugleich kommen Themen wie der Gender Pay Gap und niedrige Pensionen kaum vor.

Ihr anderes Herzensthema ist Klassismus. Warum ist Klassenzugehörigkeit überhaupt noch der Rede wert?

Einkommen und Vermögen sind nach wie vor und zunehmend sehr ungleich verteilt. Eine kleine Gruppe an der Spitze besitzt sehr viel und eine große Gruppe sehr wenig. Erben spielt eine wesentliche Rolle für den sozialen Aufstieg. In Österreich noch mehr als in allen anderen EU-Ländern. Die Klassengesellschaft existiert.

In Ihrem Buch „Klassenreise“ geht es darum, wie die soziale Herkunft das Leben prägt. Wie haben Sie Ihre eigene „Klassenreise“ erlebt?

Ich bin als ArbeiterInnenkind in einem kleinen Ort am Land in der südlichen Steiermark aufgewachsen. Meine Schwester und ich haben als Erste in der Familie studiert. Bis ich 18 Jahre war, kannte ich niemanden, der oder die studiert hat. Auf der Uni hatte ich dann sehr viele Fremdheitsgefühle. Mir war am Anfang nicht bewusst, dass das an meiner Klassenherkunft liegt. Jetzt erlebe ich das Gefühl, was viele beschreiben: sich sowohl im Herkunftsmilieu als auch im akademisch-bürgerlichen Umfeld fremd zu fühlen.

Gibt es Überschneidungen zwischen Ihrer feministischen und anti-klassistischen Arbeit?

Man kann eigentlich alle Themen durch beide Brillen betrachten. Wenn man sich anschaut, welche Menschen von Armut betroffen sind, sind Frauen deutlich überrepräsentiert. Da überschneiden sich Klasse und Geschlecht klar. Auch in der vielfach unbezahlten Sorgearbeit, die von Frauen geleistet wird. Genauso Frauen, die noch immer in Berufsfeldern mit niedrigen Löhnen tätig sind. Aber auch reproduktive Gerechtigkeit ist da ein wichtiges Thema: Beispielsweise Schwangerschaftsabbruch ist ganz klar eine Klassenfrage. Wer kann es sich leisten, irgendwo hinzufahren und den Abbruch sicher durchführen zu lassen? Wer muss seine Gesundheit oder gar sein Leben riskieren?

Wenn man sich anschaut, welche Menschen von Armut betroffen sind, sind Frauen deutlich überrepräsentiert.

Brigitte Theißl

In Ihrem Sammelband „Solidarisch gegen Klassismus“ schreiben Sie unter anderem über Klassismus in den Medien. Inwiefern reproduzieren Medien auch klassistische Stereotype?

Im Reality-TV und in den Boulevardmedien gibt es eine lange Tradition, von Armut betroffene und erwerbslose Menschen auszustellen, sie in der vermeintlich sozialen Hängematte liegend zu präsentieren. Sie werden als Problem für die Gesellschaft dargestellt. Aber auch in Qualitätsmedien sind klassistische Stereotype zu finden: Es wird von der „Unterschicht“ gesprochen, von „sozial Schwachen“, dabei sind Menschen, die von Armut betroffen sind, alles andere als sozial schwach. In der Kultur gibt es klare Unterscheidungen, was Hochkultur ist und was etwa Schlager für die „Unterschicht“. Von Armut Betroffene werden nicht als ExpertInnen ihrer Lebenssituationen befragt. Sie sollen eine emotionale Geschichte erzählen. Dabei könnten sie über die strukturellen Probleme berichten. Doch der Zugang zum Journalismus wird immer elitärer und die Akademisierungsrate steigt. Was ForscherInnen einerseits positiv beurteilen, weil das einen gewissen Professionalisierungseffekt hat. Andererseits heißt das, dass gewisse Perspektiven immer stärker ausgeblendet werden.

Sie haben selbst studiert und sind Journalistin. Reproduzieren Sie die beschriebenen Probleme nicht selbst?

Ich bin natürlich selbst überhaupt nicht gefeit vor klassistischen Stereotypen. Wir sind alle in einer klassistischen, sexistischen und rassistischen Welt aufgewachsen. Das prägt. Es gibt aber sehr viele Interessensverbände, die ganz wichtige Bildungsarbeit machen. Da versuche ich mich auf dem Laufenden zu halten, zu schauen, welche Themen ich vielleicht ausgeblendet habe und welche unsensible Sprache ich selbst verwende.

Sie leiten auch Workshops zu Klassismus in Medien. Wie kann man klassistische Diskriminierung und Sprache analysieren?

In den Workshops schauen wir uns Texte mit klassistischen Stereotypen an und Texte, die von der Armutskonferenz ausgezeichnet wurden. Wir schauen, was sind die Unterschiede? Wer kommt wie zu Wort? Welche Sprache wird verwendet? Was erfahren wir über soziale Ungleichheit und wie werden Probleme individualisiert? In deutschen linken Medien gibt es bereits eine starke Auseinandersetzung mit Klassismus. In den Massenmedien stehen wir aber am Anfang. Es hängt noch an engagierten Einzelpersonen, die Bewusstseinsarbeit leisten, bis so etwas institutionalisiert wird.

Danke für das Gespräch!

Hinweis:

Wie viele Identitäten sind wir, verleugnen wir, streben wir an? Im März 2021 beleuchten AutorInnen der NG/FH und sagwas.net gesellschaftliche und politische Dimensionen dieser Frage – zum Nachlesen und Nachdenken.

In der aktuellen Ausgabe (3/2021) der Neuen Gesellschaft Frankfurter Hefte hält Autorin Lea Susemichel ein Plädoyer für eine feministische Identitätspolitik. Lesen Sie hier: https://www.frankfurter-hefte.de/artikel/ein-plaedoyer-fuer-feministische-identitaetspolitik-3152/

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