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Smart Homes – komfortabel, aber kein bisschen privat

Von Christina Braun / 13. Februar 2019
Credits: Photo by Thomas Kolnowski on Unsplash;

Sensoren, die geöffnete Fenster anzeigen, Sprachassistenten, die uns bei der Heimkehr umsäuseln und Überwachungskameras im Wohnzimmer: Das Smart Home soll uns durch eine intelligente Vernetzung von Alltagsgeräten das Leben erleichtern. Doch was passiert mit unserer Privatsphäre, wenn wir externen Diensten tiefe Einblicke in unseren Alltag gewähren?

Während der Mähroboter seinen Rasen im Vorgarten trimmt und die Kaffeemaschine ihm feinsten Cappuccino in die Tasse zaubert, hat ein spießiger Möchtegern-Hipster Zeit für die wichtigen Dinge im Leben wie Liegestütze machen oder Tiefkühlgarnelen kaufen. „Endlich leben wie ein Bosch“ – so wirbt das gleichnamige Unternehmen derzeit mit #Likeabosch für sich selbst. Das Versprechen: Ein innovatives, komfortables und sicheres Wohnen, bei dem man sich dank der Auswertung zahlreicher persönlicher Daten um fast nichts mehr selbst kümmern muss. Ein Meilenstein, finden die einen. Was aber würde wohl George Orwell dazu sagen?

Intelligente Geräte als neugierige Mitbewohner

Er würde wahrscheinlich zunächst einmal wissen wollen, was ein Smart Home überhaupt ist. Gemeint ist damit die Gesamtheit aller elektronischen Geräte im und um einen Wohnbereich, die über Funkdienste miteinander verknüpft sind. Nutzer haben somit die Möglichkeit, ihren kompletten häuslichen Alltag zentral über das Smartphone zu steuern, ohne selbst vor Ort sein zu müssen. Kaffee kochen, Licht anschalten, Staubsaugen – lästige Haushaltspflichten übernehmen die neuartigen Mitbewohner. Um die Funktionalität des Smart Homes zu sichern, erheben die vernetzten Geräte mittels Sensoren, Mikrofonen und Kameras durchgehend sensible Daten, die an den Anbieter übertragen werden. Mithilfe von Big Data-Analysen lassen sich die Tagesabläufe der Nutzer dann detailliert auswerten.

Der kleine Roombas zum Beispiel, ein vollautomatischer Staubsauger-Roboter, kartiert dank Kameras und Lasersensorik die Wohnung seiner Besitzer. Zwar ist eine solch exakte Ausmessung nötig, damit sich Roombas beim Saugen nicht die Roboternase am Schrank stößt. Aber sie liefert dem Hersteller ganz nebenbei auch wertvolle Daten direkt aus der Wohnung: eine exakte Aufzeichnung des Inventars oder der Aktivitäten der Bewohner – die in Zeiten von personalisiertem Marketing besonders einen hohen Verkaufswert versprechen. Noch fragwürdiger ist die intelligente Sprachassistentin Alexa von Amazon. Dank sieben Mikrofonen und Anbindung zum WLAN und zu anderen smarten Geräten kann sie ihren Benutzern jeden Wunsch von den Lippen „abhören“. Ihre Assistenzfunktion erfüllt sie so gut, dass sie Gespräche gleich aufzeichnet und zur Analyse an Amazons Server sendet. Davon halten sie auch laute Geräusche und Musik nicht ab. Schenkt man Amazon Glauben, speichert Alexa allerdings nicht dauerhaft alle Gespräche, sondern nur solche, in denen ihr Name fällt. In Nutzungsbedingungen und Datenschutzerklärung sichert sich das Unternehmen allerdings weitreichende Rechte für die Verwendung der übertragenen Daten. Datenschützer warnen vor dem Lautsprecher.

Mehr Transparenz beim Datenschutz

Tatsächlich sind die Daten aus dem Smart Home für die Gerätehersteller eine echte Goldgrube. Sie ermöglichen personalisierte Werbeanzeigen und Produktvorschläge. Verständlich, dass sich laut einer Studie des Marktforschungsinstituts Splendid Research mehr als die Hälfte der Nutzer von Smart Homes in Deutschland um ihre Privatsphäre sorgt. Dabei sind seit Inkrafttreten der europäischen Datenschutzgrundverordnung (EU-DSGVO) im Mai 2018 nun auch Anbieter von Smart Homes zu mehr Transparenz in Sachen Datenschutz verpflichtet. So müssen sie von den Nutzern eine schriftliche Erlaubnis einholen, um deren Daten verarbeiten und speichern zu dürfen. Auch ein Zugriff Unbefugter auf die Daten muss den Nutzern unverzüglich gemeldet werden. Falls sich die Unternehmen nicht an das Gesetz halten, drohen Bußgelder. Dennoch: Auch mit einer zunächst positiven Umsetzung der EU-DSGVO ist ein umfassender Schutz unserer Daten noch lange nicht garantiert.

Das Smart Home kann, wie jedes System, das mit dem Internet verbunden ist, schnell zum Angriffsziel von Cyberkriminellen werden. Haben Hacker sich einmal Zugriff verschafft, können sie nicht nur auf die gespeicherten Daten zugreifen, sondern auch die Systemsteuerung übernehmen und so Einbrüche planen. „Oft wird bei der Entwicklung von Geräten und Diensten überhaupt nicht an die Sicherheit der Nutzer gedacht“, klagt Maik Morgenstern von der AV-Test GmbH und fordert für zahlreiche Geräte eine Nachrüstung. Die Gewerkschaft der Polizei weist umgekehrt allerdings auf die Vorteile intelligent vernetzter Sicherheitssysteme hin, die Einbrecher durch Bewegungsmelder und Überwachungskameras in die Flucht zu schlagen vermögen.

Das Ende der Privatsphäre?

Sicher ist: Im Smart Home verwandelt sich der letzte private Rückzugsort in ein digitales Panoptikum, in dem wir unsere Alltagsgewohnheiten den Anbietern zur Big Data-Analyse preisgeben. Trotz Datenschutzgrundverordnung können wir nie mit vollständiger Sicherheit wissen, wer gerade mithört oder zuschaut. Allein die Aussicht, dass unsere intimsten Momente aufgezeichnet und in die falschen Hände geraten könnten, könnte bei so manchem eine gehörige Portion Stress auslösen.

Ganz grundsätzlich macht das Smart Home den Weg frei für eine Gesellschaft, in der Zeitgewinn und Produktivität wichtiger sind als der Schutz des Privatlebens. Während unser Haus immer mehr über uns in Erfahrung bringt und dieses Wissen bereitwillig teilt, machen wir es uns bequem und drohen zu vergessen, wie wir ein von technischen Mitteln unabhängiges Leben führen können. So viel ist klar: Wer im digitalen Glashaus sitzt, sollte sich ganz genau informieren, was mit seinen Daten passieren kann. Ein ausgetüfteltes Passwort wird unsere Privatsphäre wohl kaum vor Big Brother schützen können. Schaden kann es aber auch nicht.

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